Baron 5000 oder Die Suche nach Kohärenz

Wir alle kennen Hits wie Anneliese Braun oder Agathe Bauer, Axel Hacke hat mit seinem Weißen Neger Wumbaba und dessen Fortsetzungen gleich mehrere Bücher zum Thema verfasst. Hinter diesem Phänomen des Sich-Verhörens steckt nichts weniger als die unermüdliche Suche nach Kohärenz, das menschliche Bedürfnis nach Zusammenhang, Logik und Struktur. Wo wir etwas nicht verstehen, verleihen wir den Dingen selbst einen Sinn, und was nicht passt, wird passend gemacht.

Auch Lotti zeigte sich diesbezüglich in den letzten Jahren mehr als kreativ. So aß sie im zarten Alter von drei Jahren Mamarinen und Papasilie und schaute wahnsinnig gerne Dschungelbert (der Junge, der von Wölfen großgezogen wurde). An Silvester wollte sie Blech gießen, der zweite Heilige König nach Caspar hieß folgerichtig Seppl, und vorm Spiegel zog sie sich einen Seitenschädel. Leonardo der Winzling hatte nach Lottis Auffassung die Mona Lisa gemalt, und im Ferienlager mit christlichem Hintergrund wurde im Jahr der Fußball-Weltmeisterschaft 2014 die Geschichte von Jakob und Özil vorgelesen. Als sie sich einmal sehr über jemanden ärgerte, drohte sie: „Denen werde ich mal zeigen, wo die Wurst steht!!!“ All das verstand ich auf Anhieb. Nur als sie eines Tages hartnäckig von Baron 5000 und dessen Abenteuern in einer Zeichentrickserie sprach, stand ich recht lange auf dem Schlauch. Nachdem die Rede jedoch auf Lügen und Kanonenkugeln kam, konnte ich erleichtert lösen: Münchhausen!

Erniedrigte Zinsen und Transenkurse

Doch auch Lotti wird älter. Mittlerweile trinkt sie wahlweise Balthasar- oder Baldachintee und nimmt als Vesper gerne Ruckizucki (Chicorée) mit in die Schule. Mit großem Interesse verfolgt sie die Radionachrichten („Mama, die Weltbank hat die Zinsen erniedrigt!“), demnächst möchte sie unbedingt Die Tribüne von Panem sehen. In der baden-württembergischen Landeshauptstadt sind wir neulich die Weintraube hinuntergefahren, und an Fantas Hochzeit mit Herzog Ullrich durfte sie „bis morgens um zwei Rambo tanzen“.

Dass die Suche nach Kohärenz wohl niemals endet, belegen auch folgende Beispiele aus dem Bekanntenkreis. Bei einem Kaffeeklatsch bei Fanta berichte ich vom Besuch einer Vernissage, woraufhin unsere gemeinsame Freundin Amor interessiert fragt, was denn eine „Fernmassage“ sei. Und als Chéri und ich Geschichten von unserem Tanzkurs zum Besten geben, fragt eine der Ammertanten mit hochgezogener Augenbraue: „Was macht Ihr? Einen Transenkurs?“ Wir werden alle nicht jünger.

The Power of Less

Behalte, was dich glücklich macht!- Übrigens: Hotti trägt jetzt auch kurz (links im Bild)

Ferien! Nach einem bewegten Jahr (wir berichteten noch nicht) sehe ich freudig ein paar entspannten Tagen zwischen Nordmanntanne und den Heiligen Drei Königen entgegen, in denen ich mich – Gipfel des Hedonismus – ein kleines bisschen um mich selbst drehen kann, am Ende gar mit einem Buch auf der Couch. Wenn Du Gott zum Lachen bringen willst, mache einen Plan.

Weniger ist mehr

Einen Tag nach Weihnachten hält Hotti den Zeitpunkt für gekommen, den Gutschein für ihre Zimmerrenovierung (Streichen und neuer Teppich), den sie zum 15. Geburtstag bekommen hat, einzulösen. Sie beginnt mit Ausmisten, kann sich aber aufgrund ihrer Lebensphase zwischen den Welten nicht von liebgewonnener Materie trennen: Was tun mit den ersten selbstgenähten Herzchenkissen, der gemeinsam auf dem Flohmarkt erworbenen Sahne-Muh-Muh-Spardose in Milchkannenform oder der Lieblingsjeans, in die die heranwachsenden Kurven beim besten Willen nicht mehr reinpassen? Als gute und nicht ganz uneigennützige Mutter gebe ich dem ratlosen Teenager einen Artikel über Minimalismus – Drei Methoden für Einsteiger zu lesen, nicht zuletzt in der Hoffnung, dass erstens jede Menge Kinderkruscht vergangener Tage endlich unsere Wohnung verlässt und dass ich durch die Selbstbeschäftigung des Kindes zweitens ein paar Stunden Zeit für mich, das Buch und die Couch rausschinde.

Hot or not?

Hotti bedankt sich artig und schwirrt ab. Da steht Lotti auf der Matte, die, wie üblich in den Ferien, in einem Loch aus Langeweile und Strukturlosigkeit versinkt und fragt, was sie „ma‘ machen“ kann. Da ich keine Lust auf Brettspiele habe, antworte ich ebenso lächelnd wie berechnend: „Liebes Kind, hier, lies diesen großartigen Artikel über Minimalismus, Hotti liest den auch gerade, das schadet Euch gar nichts!“ Kurz danach geht es rund: Hotti und Lotti schleppen unermüdlich Berge von Spielzeug, Klamotten, Büchern, Bastelperlen und Müll aus ihren Zimmern, die sie, in Ermangelung von Kisten, im Flur, in der Küche und schließlich in meiner Acht-Quadratmeter-Residenz abladen. Sie übertrumpfen sich gegenseitig, wer besser loslassen kann, dazwischen rufen sie euphorisch Sätze wie „BOAH KRASS, was man alles nicht braucht!“ und „EY, ich behalt nur noch, was mich ECHT GLÜCKLICH macht!“ Während Lotti mir dabei alle paar Minuten Sachen vor die Nase hält, die eine Entscheidung verlangen – Hot or not? Gehen oder bleiben? – schaufelt die große Schwester alles, was sie ECHT GLÜCKLICH macht, rüber in Lottis Zimmer, um Platz zu schaffen für die Renovierung und fließende Energie. Genau so geht das die nächsten Tage weiter. Kisten gibt es immer noch keine („EY, ich geh‘ doch nicht RAUS!“), alles fliegt herum, unsere Wohnung gleicht einer Messie-Bude vom Feinsten, Hotti und Lotti hausen, schlafen und zanken nun gemeinsam in Lottis Chaoszimmer, an Hedonismus ist nicht zu denken. Immerhin hilft der Hotti-Lotti-Papa (HLP) tatkräftig auf der Baustelle und baut das Hochbett ab und um.

Rome wasn’t built in a day

Beim Streichen des künftigen Feng-Shui-Tempels bekommen Hotti, Lotti und ich uns vollends in die Haare, und als wir den Teppich rausreißen, prangt dort, wo der scheinselbstständige Teenager gerne seine nassen Handtücher auf den Boden zu werfen pflegt (Hotti: „EY, das hab‘ ich schon voll lang nich‘ mehr gemacht!“), ein nicht unbeachtlicher Schimmelfleck. Da Hotti nun erst mal auf eine Freizeit fahren und der Schimmel ohnehin tagelang besprüht werden muss, kommt es zum Baustellenstopp. Unsere Wohnung gleicht nun einer Messie-Bude vom Feinsten mit Chlorgeruch, Buch und Couch habe ich längst abgeschrieben, aber wie sagt der Buddhismus unter anderem? Wenn Du es eilig hast, geh langsam. Gut Ding will eben Weile haben, und Rom wurde auch nicht an einem Tag gebaut.

Die erste Schulwoche ist nun vorbei und Ansätze von zeitlicher und räumlicher Struktur kehren allmählich zurück. In unserer Messie-Bude stinkt es zwar immer noch nach Hallenbad, und Hotti schläft nach wie vor in Lottis Zimmer, wo sich Szenen wie im Tatort abspielen, aber die Teenie-Baustelle verzeichnet mittlerweile deutliche Fortschritte: Der HLP hat Laminat verlegt (aus hygienischen Gründen haben wir uns gegen Teppich entschieden), und er sagt, dass „das alles in zwei, drei Tagen fertig“ sei. Genau. Stuttgart 21 sowie der Berliner Flughafen sind schließlich auch kurz vor der Vollendung, und die Erde ist eine Scheibe.

Compagnia Cocolores: „Amore, Amore“

Die wunderbare Theatergruppe Compagnia Cocolores will in diesem Jahr wieder mit ihrem Theaterwagen über die Schwäbische Alb ziehen – allein: Es fehlt das Geld. Grund genug für die Wunderbra-Redaktion, auf diesem Portal ein bisschen Werbung zu machen für eines ihrer Lieblingsprojekte!

Die Theatergruppe Compagnia Cocolores besteht seit 2015 und setzt sich generationsübergreifend aus professionellen Schauspielern und Laiendarstellern sowie aus Land- und Stadtbewohnern zusammen. Mit am Start sind unter anderem, Hotti, Lotti, Fanta, Mulle, Rulle, Wulle, Herzog Ullrich und Uwäh. Die bunte kleine Theaterfamilie mit Spielern im Alter von 7 bis 60 Jahren zieht mit ihrem Theaterwagen über die Schwäbische Alb und spielte in den letzten zwei Jahren das Theaterstück „Oh Fortuna“ im Stile der italienischen Commedia dell’arte (wir berichteten). Nach diesem Erstlingserfolg soll es nun eine Fortsetzung mit dem Stück „Amore, Amore“ geben. Es fehlt allerdings noch das nötige Geld, daher versuchen sie es jetzt als Crowdfunding-Projekt. Daher bitte teilen, spenden und im Sommer auf die Alb kommen – Ihr werdet reich belohnt!

Compagnia Cocolores "Amore, Amore" from Eberhard Schillinger.

Wir alle danken im Voraus!

Zirkusmutti

ZirkusmuttiVier alle haben ein neues Hobby: den Lingendinger Kinder- und Jugendzirkus Cannelloni, der an zwei Wochenenden im Frühjahr mit seinem Programm das Publikum beglückt. Glanz und Glamour bleiben dort per definitionem zwar nur den Heranwachsenden in der Manege vorbehalten. Aber auch die Eltern, Geschwister und sonstigen Angehörigen mit zu viel Zeit und Enthusiasmus dürfen sich jenseits von Ruhm und Rampenlicht nach Strich und Faden selbst verwirklichen. Während Hotti also am Trapez baumelt, Flugrollen macht und als Piratin mit Pois herumfuchtelt, entfalten Chéri und ich uns unter anderem am Kuchen- und Würstchenstand. Da Lotti noch zu jung für die Manege ist, aber bereits mit den Hufen scharrt, macht sie derweil mit anderen Geschwisterkindern in der Warteschleife Karriere im Popcornverkauf.

Auch ansonsten bietet der Zirkus unzählige Betätigungsfelder und Gewerke, bei denen sich die Familien zu ungeahnten Höchstleistungen aufschwingen können. So glänzen manche Eltern beim Frittieren von Langos, andere entfalten sich beim Lose-, Getränke- oder Kartenvorverkauf oder entdecken ihre Leidenschaft für das Auf- und Zuziehen der Theatervorhänge während der Vorstellungen. Wieder andere entpuppen sich als passionierte TontechnikerInnen, MaskenbildnerInnen, Sicherheitsbeauftragte oder Spendendosenbastler. Eine Großgruppe brilliert bei der Artistenverpflegung, ein anderes Team poppt Popcorn bis zum Exzess, und das Zirkusorchester, selbstredend bestehend aus Eltern, gibt ohnehin immer das Letzte. Dass die Zirkus-Community eine Zeitung herausgibt, die Requisite bastelt und das tonnenschwere Zirkuszelt selbst auf- und abbaut, versteht sich von selbst. Eine Zirkusmutter bringt es folgendermaßen auf den Punkt: „Du verabschiedest dich im Februar von deinen Freunden und hoffst, dass sie im Juni noch da sind.“ So ähnlich würde ich das auch unterschreiben: Wer uns im Frühjahr sehen will, kommt auf den Zirkusacker.

Nach zwei Aufführungswochenenden mit Blut, Schweiß, Tränen, Matsch, Erkältung und Adrenalin sind wir tot, aber glücklich. Ich habe keine Ahnung, wie die anderen Zirkusfamilien die Pfingstferien verbringen – wir schlafen.

P.S.: Hier eine sehr nette kleine Reportage der Lingendinger Studierenden Anna Schaden, Katrin Gildner & Sebastian Gabler (Klarnamen-Alarm!!!) über den Zirkus Cannelloni und sein diesjähriges Programm „Schrottkompott“:

New Cat in Town

Miezmiezmiez!!!

Miezmiezmiez!!!

Wir haben Nachwuchs: Putze und Messie, zwei entzückende adoleszente Katzendamen, die wir bereits im letzten Jahr bei Chéri einquartierten und nun, da letzterer just von seinem Landwohnsitz in unseren Kiez nach Lingendingen gewechselt ist (Wunderbra wird berichten), bei Hotti, Lotti und mir hausen. Die Kinderschar war im Vorfeld schon ganz aufgeregt und malte sich aus, wie schön das würde, wenn die Miezen endlich bei uns wären und wie süüß und wie niiiedlich, und man könnte streicheln und füttern und herumtragen, und sie würden schnurren und maunzen und schnurren, und nachts würde man die Kinderzimmertüren auflassen und die Miezen würden zu ihren Füßen oder auf ihren Bäuchen nächtigen, blühende Haustierlandschaften.

Draußen vor der Tür

Bei ihrer realen Ankunft stellen wir Putze und Messie in Lottis Zimmer und umzingeln zu viert ganz entspannt den Korb, aus dem beide Katzen mit weit aufgerissenen Augen herausstarren. Als zehn Minuten später Messie in Zeitlupe eine Pfote aus dem Korb setzt, stürzen sich Hotti und Lotti mit beruhigenden Worten auf sie: „HAALLLLOOOO MEEESSSSIIIIIIEEE!!! KOMM HEEER, KUCK MAL, FANG DIE MAUS!!!“ Sie wollen nur spielen. Putze schleicht zügig und geduckt in die hinterste Ecke unter Lottis Bett und glotzt für die nächsten Stunden mit Kulleraugen zu uns, die wir abwechselnd auf allen Vieren vorm Bett liegen und sie herauszulocken versuchen. Schließlich kommt das erste Fressie, das erste Pipi, sie schnurren und schmusen und vier alle sind mächtig stolz auf unsere lieben Kleinen, wie überaus gefasst sie den Transfer vom Land in die Stadt genommen haben.

Nach der ersten Nacht allerdings stehen Putze und Messie vor verschlossenen Kinderzimmertüren. Lotti berichtet am Morgen mit tiefen Ringen unter den Augen, dass die Katzen in der Nacht aus dem Stand ihr Hochbett angesprungen hätten (glücklicherweise schläft sie unten), nur um wieder herunterzuhopsen und das Ganze zu wiederholen. Messie kämpfte mit dem Teppich und kaute ihn durch, Putze wiederum wurde gesehen, wie sie ihr Stoffkörbchen durchs halbe Zimmer schob. Hotti sieht auch nicht viel besser aus und ergänzt, dass Messie ihren Engelsflügel (aus Vogelfedern) an der Wand traktiert hätte, während Putze erst ihr Hochbett erklomm und dann jämmerlich maunzte, weil sie angeblich nicht mehr herunter konnte.

Miezmiezmiez!!!

Und auch sonst akklimatisieren sich die beiden Damen recht schnell. Sie inhalieren tütenweise Nass- und Trockenfutter, spielen Fußball mit Teebeutelpapieren, schlafen auf dem Küchentisch, wuseln zwischen Füßen herum, und wenn ich das Katzenklo saubermache, schauen sie zu, um, wenn ich fertig bin, noch in meinem Beisein direkt erneut ihr Geschäft zu verrichten. Außerdem sitzen sie auf Fensterbänken und beobachten vorbeispazierende Hunde, hauen ab ins Treppenhaus oder latschen über die Küchenzeile. Was will man auch machen den ganzen Tag, wenn einen diese Irren plötzlich einsperren?

Dann kommt der große Tag: Putze und Messie dürfen das erste Mal das Haus verlassen und ihr neues Revier erkunden. Zu diesem Zweck setzen Hotti, Lotti und ich sie ans Badfenster, von dem aus es auf das Schuppendach geht. Messie steigt vorsichtig nach draußen, Putze drückt hinterher, und dann bleiben beide versteinert hocken, den Schwanz sorgsam um die Vorderpfoten gelegt. Dann Pause. Nichts, nur zuckende Ohrmuskulatur. Etwa drei Minuten später rasen sie wie der geölte Blitz in Lottis Zimmer, unters Bett, und erholen sich von ihrem wilden Abenteuer. Da habe ich jetzt schon ein bisschen mehr erwartet. Also locke sie noch einmal hervor und schiebe sie durch Lottis Fenster nach draußen. Und dann legt es bei ihnen einen Schalter um und weg sind sie. Früher fand ich es immer besonders entwürdigend, wenn ich Leute mit Fressnäpfen klappernd an Fenstern und Türen habe stehen sehen, wie sie unsägliche Namen in die Straße riefen und ihre entlaufenen Katzen mit allen möglichen dämlichen Geräuschen ins traute Heim zurückzulocken versuchten. Diese Blöße würde ich mir niemals geben. Als Chéri nach Hause kommt und die Lage überreißt, holt er Schüsselchen und Löffelchen aus der Küche, stellt sich auf den Balkon, klappert und ruft im Chor mit mir: „PUUUTZEEE! MEEESSSIIIIIIEE!! KO-HOMMT, FREEESSSIIIIIE!!! MIEZMIEZMIEZ!!!“ Und tatsächlich: Sie kommen von sonst woher angaloppiert und rasen vor unseren Augen auf die Bäume im Garten. Sie rasen wieder runter und verschanzen sich unter Autos. So rutschen Chéri und ich auf Knien vor dem Auto der Nachbarin herum und klappern und locken. Schließlich gelingt es uns, beide Damen einzutüten und sicher in den Katzenknast zurückzubefördern. Sag niemals nie.

Dolce far niente

Pamela und David im Loveboat.

Pamela und David im Loveboat.

Nach unserer Tournee durchs Klabautertal geht es, wie bereits im Vorjahr, ins Land, wo die Zitronen blühn, genauer: in die Welthauptstadt der Haselnuss (im Ernst: Capitale della Nocciola al centro del Mondo).[1] Dort angekommen, machen alle fast genau da weiter, wo sie letztes Jahr aufgehört haben: Die Kinderschar vergnügt sich wahlweise an Tischkicker oder Pool, die Erwachsenen fallen direkt in irgendwelche Liegestühle und die DorfbewohnerInnen veranstalten uns zu Ehren erneut ihr nettes kleines Fest, um die schönste und größte Nocciola zu küren.

Salami-Sorten: Esel, Wildschwein, Trüffel, Bauer

In schnuckeligen alten Gässchen erwerben wir Haselnusseis, Haselnusscreme sowie diverse Sorten Salami („Esel“, „Wildschwein“, „Trüffel“, „Bauer“) und Frau Hopp spielt, wie auch im vergangenen Jahr, mit dem Gedanken, eine total verfallene, aber unaussprechlich romantische Ruine zu erwerben, um dort eine Urlaubskommune zu begründen. Neu ist ihre durch aktuelle Lektüre hervorgerufene Geschäftsidee, dort auch gleich eine Trafik einzurichten. Girls gotta eat. Zudem gibt es dieses Jahr noch eine Runde Kettenkarussell für Hotti, Lotti, Fräulein Picasso, Chéri und Frau Hopp, der restlichen Reisegruppe ist von zu viel Gelati und Salami bereits leicht schlecht.

Die verbleibende Zeit verbringen wir mit ebenso anspruchsvollen wie umfassenden Tätigkeiten wie in Liegestühlen herumlungern, lesen, Eis essen, Espresso trinken, Städtchen angucken und im Pool planschen, was heuer eine besondere Attraktion mit sich bringt: ein Schlauchboot, das gute FreundInnen aus dem Gammeltal Chéri und mir dieses Jahr zu unserem 88. Wiegenfeste verehrt haben. So schippern wir gemütlich durch die Woche, und als uns an Tag 5 der Sinn nach einer kleinen Variation steht, brettern wir ans Meer, um dort die Baywatch-Nummer zu machen. Und auch diesbezüglich gibt es eine positive qualitative Veränderung zu vermelden: Klebten Hotti und Lotti letztes Jahr beim „Schwimmen“ noch wie kreischendes Senkblei an ihrer Mutter, ziehen wir nun gesittet und wohlgeordnet unsere Runden durchs Mittelmeer. Vacanze é possibile!

[1] Damit wäre auch der nervenzerfetzende Cliffhanger unserer netten kleinen Geschichte über unseren ersten Patchworkurlaub für alle die aufgelöst, die ein schlafloses Jahr hatten („Stellt sich nur noch eine Frage: Wohin geht es nächstes Jahr?“). [zurück]

Oh Fortuna oder: Dusel g’hett

„Und wenn Du den Eindruck hast, dass das Leben ein Theater ist, dann such Dir eine Rolle, die Dir so richtig Spaß macht.“ (Shakespeare)

Gegessen wird, was auf den Tisch kommt!

Gegessen wird, was auf den Tisch kommt!

Man ist ja bekanntlich viele, und wenn man sich erst einmal auf diesem Planeten reinkarniert hat, sind potenziellen Betätigungsfeldern nur wenige Grenzen gesetzt. So beschließen Fanta und Herzog Ullrich, diesen Sommer mit Brut, Gauklertruppe und Theaterwagen durchs Klabautertal auf der Schwäpischen Alp zu ziehen, um die dortigen Eingeborenen mit Kultur in Form der Commedia dell’arte zu beglücken. Zu diesem Zweck gründen sie kurzerhand die Compagnia Cocolores, werben fremde Menschen an, die dann halt mal LaienschauspielerInnen wären, und funktionieren Hotti, Lotti, Mulle, Rulle und Wulle naheliegenderweise zu Trollen um. Da Fantas und Herzog Ullrichs Plan zudem vorsieht, die Zeit der Tournee gemeinsam in einem recht ansehnlichen Zeltlager zu verbringen, verdingen Chéri und ich uns jenseits des Rampenlichts als Feldköche, schließlich muss das fahrende Volk ja bei Laune und Kräften gehalten werden.

Die Komödie, die mit nicht geringeren Themen als Glück, Liebe, Gier, Hunger und anderen irdischen Zumutungen aufwartet, trägt im Übrigen den klangvollen Titel Oh Fortuna. Als allerdings eine Bekannte der Compagnia Cocolores fragt, ob denn das Stück überhaupt auf deutsch wäre, erwägt man kurz den Alternativtitel Dusel g’hett, um auch den letzten Schwaben hinterm Ofen hervorzulocken. Der Vorschlag wird zwar verworfen, Dusel – oder Fortuna – ist der Truppe dennoch hold. Die Sonne scheint, der Theaterwagen hält (im Großen und Ganzen), und die Fans gehen voll mit: Als die Truppe bei den Proben auf den Klabauterauen ihren Hit Werft die Sorgen über Bord! schmettert, stürzt sich ein vorbeifahrender Kanut direkt selbst in den Fluss.

Die Brut hat das Rumhängstadium erreicht

Auch das Lagerleben gestaltet sich erstaunlich angenehm. Nach zwei Tagen Hitze riskiere ich es meiner Umwelt zuliebe sogar, erstmals einen Fuß ins sogenannte Waschzelt zu setzen, das aus einem Wasserkanister, zwei Plastikschüsseln und zwei Gießkännchen besteht. Abends gibt es Lagerfeuer mit Romaliedern und Dixi-Klo-Blues [1], die Kinder schnuckeln sich auf dem fliegenden Teppich in ihre Schlafsäcke, und als die Perseiden unterwegs sind, liegen wir hochoben auf der Burgruine Hohengundelfingen und zählen Sternschnuppen, die teilweise so groß sind, dass Lotti ein „Alter, war die fett!!!“ entfährt.

Zudem hat die Kinderschar ganz offensichtlich das Rumhängstadium erreicht. Im Gegensatz zu früher streiten, fallen und heulen sie nicht mehr den ganzen Tag, sondern hängen, wenn sie nicht gerade von Fanta oder mir zum Zähneputzen gescheucht oder Aufräumen gezwungen werden, im Pulk herum: im Schatten unter Bäumen, in Hängematten zwischen Bäumen, vor Fantas Piroschka oder im Zirkuswagen von Clown Paul-Uwäh. Dort zocken sie wahlweise Uno oder Werwolf mit dem Capitano, Dotore Baloardo und Matt-Diesel, dem Sohn von Clown Paul-Uwäh.

Siegreich an sämtlichen Fronten

Chéri und ich dagegen hängen wahlweise in unserer Kochjurte herum oder im ortsansässigen Supermarkt, wo wir tonnenweise Nudeln, Sprudel und Taschenlampen jagen und es einmal sogar schaffen, zwei Getränkerückgabeautomaten gleichzeitig lahmzulegen. An der Küchenfront kämpfen wir täglich erfolgreiche Schlachten gegen Hunderte, ach was sage ich, Tausende von Wespen und lassen abends zahllose Salatköpfe rollen für die ausgegaukelten HeimkehrerInnen. Ansonsten versäumen wir als echte Groupies der Compagnia lediglich zwei Vorstellungen: einmal, um von der Klabauter bis zur Tonau und zurück zu radeln, und ein weiteres Mal, um im Freibad heiß zu duschen.

Doch das Theaterleben kennt auch Tiefpunkte, die der Vollständigkeit halber nicht unerwähnt bleiben sollen. So verwandelt sich Herzog Ullrich nach diversen anderen Strapazen in einer ohnehin schon fürchterlichen Gewitternacht in Rumpelstilzchen, das den Capitano und Dotore Baloardo jeweils einen Kopf kürzer macht, da diese ein wenig zu tief in die Rotweinflasche geschaut haben und infolgedessen mit Kampfsportübungen das halbe Küchenzelt einreißen. Glücklicherweise hat Mulle am nächsten Tag ihren 13. Geburtstag, den wir in einem netten kleinen Erlebnispark begehen. Dort stopfen wir uns zunächst voll mit Feuerwehrkuchen, dann gehen wir mit Herzog Ullrich rutschen und anschließend parken wir ihn vor dem Saloon-Westernstand, wo er sich den Frust der letzten Stunden aus der Seele schießen darf. Als wir uns dann noch kollektiv im Spiegelkabinett zum Affen machen, ist die Laune vollends wiederhergestellt. Dusel g’hett!

[1] Der Dixi-Klo-Blues handelt u.a. davon, dass eine Frau namens Barbie die blauen Toiletten schüttelt, um deren Inhalt gleichmäßig zu verteilen. [zurück]

Auf die Pferde!

Wichtige Information vorab

Da Wolverine aka Batman sich im Laufe der vergangenen 23 Monate zum Herzallerliebsten der aktuellen gefledermausert hat, wird er im vorliegenden Veröffentlichungsmedium hinfort nicht mehr als Wolverine auftreten, sondern nunmehr und für alle Zeiten als: Chéri (le vrai). Nur dass hier keine Missverständnisse aufkommen.

Aussichtsreiche Radtouren, herrliche Naturlandschaften

In den letzten drei Tagen machen es sich David Hasselhoff und Pamela Anderson an der Slipanlage gemütlich.

In den letzten drei Tagen machen es sich David Hasselhoff und Pamela Anderson an der Slipanlage gemütlich.

Für die Pfingstferien habe ich mir für unsere entzückende kleine Patchworkfamilie etwas ganz Besonderes ausgedacht: pädagogisch und sportlich wertvolle Radtour zum Podensee, schnuckeliger Bauernhof mit zauberhaften Tierchen (Ponyreiten), aussichtsreiche Touren in herrlichen Naturlandschaften. Mir schwebt ein Urlaub vor, an den vier alle noch im hohen Alter denken werden. Werden wir womöglich auch. Chéri, der bei uns für die Realität zuständig ist und als professioneller Familienhelfer mit der Lizenz zur Freizeitgestaltung glücklicherweise über einige Erfahrung in sozialer Gruppenarbeit verfügt, stutzt das von mir erstellte Programm auf Kindermaße zurecht, setzt ein Zugticket für die erste und schlimmste Etappe durch und verhindert so im Vorfeld womöglich den einen oder anderen Kreislaufzusammenbruch.

Radeln und maulen

Am Bahnhof wirft Lotti erst mal ihr Fahrradschloss auf die Gleise unter den Zug, und weil wir auf Reisegold verzichtet haben, muss sie sich aufgrund der Neigetechnik übergeben. Nach vier Minuten Radeln hat Lotti einen Stein im Schuh. Beide Damen klagen über Mückenstiche und darüber, dass das Kühlgel zu Hause vergessen wurde. Ich empfehle Spucke für die Stiche und verweise darauf, dass es „bei uns“ schließlich auch kein Kühlgel gegeben habe. Lotti kontert, dass sie und ihre Schwester „ja auch nicht aus dem 19. Jahrhundert“ kämen. Nach zwanzig Minuten haben sie keine Lust mehr auf Radfahren und fangen an zu maulen.

So geht es weiter, tagelang. Wir radeln und sie maulen. Auf unserem Bauernhof in Daisydorf, der auf einem steilen Berg außerhalb der Zivilisation liegt, gibt es keine zauberhaften Tierchen, Ponyreiten auch nicht. Außerdem wollen die Grazien lieber eine Villa am See, von wo aus sie direkt zum Shoppen oder Schwimmen können. Als zutiefst überraschend und ungerecht wird zudem empfunden, dass man selbst im Urlaub seinen Teller abräumen muss. Halte ich anfangs gut gelaunt die Schaut-doch-mal-wie-schön-das-hier-alles-ist-Fahne hoch, werfe ich den Damen schließlich bar jeder Contenance vor, dass ich mir das alles aber echt anders vorgestellt hätte und dass ich dachte, sie würden sich freuen – über so einen tollen Radurlaub. Und so. Das Gewitter hilft kurzfristig und sie heucheln sportlichen Ehrgeiz sowie aufrichtiges Interesse an den herrlichen Naturlandschaften.

Freilaufende Riesengehirne

Horrorhasen im Haustierzoo: Streicheln, lachen, staunen.

Horrorhasen im Haustierzoo: Streicheln, lachen, staunen.

Aber es ist nicht alles schlecht. So radeln wir in Ermangelung putziger Tierchen auf dem eigenen Bauernhof in den nächsten Streichelzoo („Streicheln, lachen, staunen“), essen Schnitzel und Lotti entdeckt freilaufende Riesengehirne. Wir schaffen es, die hässlichsten Rastplätze der Welt auszumachen, und Chéri überrascht mich, indem er nicht nur den Radprofi und Routenplaner, sondern auch den Klugscheißer in sich auspackt: Bergauf, bergab referiert er über Höhenmeter, Kraftumsetzung, Hebelwirkung sowie diverse geografische Gegeben- und Besonderheiten („Rhein rein, Rhein raus!“). Wir beobachten Störche und Fledermäuse, zählen Kuhherden und Mückenstiche, überfahren die Schweizer Grenze und besuchen Horny Tawny in ihrer neuen Zwangsheimat.

In der zweiten Wochenhälfte macht dann endlich eine Hitzewelle alleine den Gedanken an jede größere Tour obsolet. Wir lassen uns drei Tage im Strandbad nieder, stopfen uns mit Eis und Pommes voll und bewachen als Baywatch-Team von der Slipanlage aus Hotti und Lotti, die stundenlang kreischend vom Sprungturm in den See hüpfen. David Hasselhoff lässt sich gar zu einer Runde Schweinchen-in-der-Mitte herab. Und am Ende der Woche treibt es mir nahezu die Tränen in die Augen, als Hotti und Lotti sagen: „So schlimm war es gar nicht.“

Nachklapp

Als uns nach unserem Urlaub Hottis Freundin Annika besucht und ich sie frage, ob sie und ihre Familie nicht auch mal mit den Rädern zum Podensee gefahren wären, antwortet sie mit Grabesstimme: „Ja, wir mussten das auch mal machen.“

Wow!

vierzig
Vor meinem vierzigsten Geburtstag drückt der Große Geist noch einmal richtig auf die Tube. Man könnte auch sagen, er legt sich mächtig ins Zeug, gibt ordentlich Gas, lässt nichts anbrennen, großes Kino, Pauken und Trompeten, vom Feinsten, think big, kurz: er gibt alles.

Als ich bockige fünfzehn Jahre alt war, waren gerade Perestroika und Wind of Change, und ich hatte ein Vorbild: Gabriele Krone-Schmalz, „die erste Frau im ARD-Studio Moskau“. Gabi erklärte uns Deutschen aber nicht nur allabendlich Gorbi und die Situation vor Ort, nein, sie war auch um die vierzig, hatte streichholzkurze graue Haare und wirkte unfassbar seriös, souverän, gelassen und abgeklärt. Wenigstens sie schien die Dinge, vermutlich nicht nur in Moskau, voll im Griff zu haben. Damit hatte ich eine ziemlich genaue Vorstellung davon, wie frau mit vierzig Jahren so ist, und eben diese Zielmarke ließ ich in den letzten 25 Jahren keine Sekunde aus den Augen.

Wie Gabi in Moskau

So wurschtelte ich mich durch die Pubertät, die Adoleszenz, das Studium und wenn mich die Arbeit, schlaflose Babynächte, Trotzphasen und vorpubertäre oder andere irdische Unflätigkeiten mal wieder aus der Balance zu bringen drohten, stellte ich mir vor, wie ich eines Tages glorreich und mit wehenden Fahnen durch die 40er-Banderole stürmen und im selben Moment sämtliche Fallstricke, Widrigkeiten sowie die Vergangenheit hinter mir lassen würde, und ich wäre, so wie 1990 Gabi in Moskau, mit einem Schlag: unendlich seriös, souverän, gelassen und abgeklärt, kurz: auf der sicheren Seite. Soweit meine Vorstellung.

In der Realität spielt sich kurz vor dem großen Tag allerdings gerade folgender Showdown ab: Mit dem Hotti-Lotti-Papa könnte es, sagen wir mal, besser laufen, statt verfrühter Glückwunschkarten bekomme ich die Grippe und meine Mutter, mit der mich Zeit unseres Lebens eine doch recht unerquickliche karmische Verstrickung verband, segnet urplötzlich das Zeitliche und stirbt. Für den Großen Geist gibt es im Übrigen eine reelle Chance, dem Ganzen noch die Krone(-Schmalz) aufzusetzen, indem er die Bestattung meiner Mutter exakt an dem Tag stattfinden lässt, den ich mir ursprünglich zwar immer groß, pompös und frei von altem Ballast vorgestellt hatte, aber so dann irgendwie auch nicht. Nun gut, Contenance, wir sind schließlich quasi vierzig und nicht mehr fünfzehn, da sollte doch auch ein derartiger Unwahrscheinlichkeitsdrive in Würde zu schaffen sein. Und immer schön an Gabi denken.