Wenn Du nicht weißt, wovon Du redest …

DSC_0333Wohnung Balkönle.jpgWir kennen wahrscheinlich alle irgendwoher einen dieser eigenartigen Menschen, denen dauernd irgendetwas fehlt. Sie haben eine breite Palette an Beschwerden zu bieten: Da wären zunächst verschiedene Sorten von Schmerzen, die überall und auch manchmal nirgendwo sind. Dann sind diese Leute wegen jeder Kleinigkeit gleich am Rand ihrer Kapazität und sowohl körperlich als auch mental schnell von der Rolle, sobald es mal ein bisschen schwierig oder turbulent wird. Alles ist ihnen zu laut, zu schnell, zu gluten, zu welt und zu nah. Sie sagen dann Ach, das wird mir jetzt zuviel und müssen sich für die nächsten Stunden in ihre Höhle zurückziehen. Echt praktisch! Sie können nicht schlafen, sich schlecht konzentrieren und müssen ständig pinkeln, wenn ihnen nicht auch noch gerade übel ist. Zum Essen will man sie nicht wirklich einladen, weil man ja weiß, dass sie eigentlich nix vertragen, was irgendwie Spaß macht. Kein Alkohol, keine Milchprodukte, kein Weizen, keine Tomaten, kein Dies und kein Das und am Ende bleiben nur Dinkel und Alfalfa-Sprossen übrig. Und wer will schon ein Tiramisu mit Dinkelsahne, das dann doch schmeckt wie eine Scheibe Brot? Zu den Alfalfa-Sprossen fällt mir schon garnix ein – außer ein Alfalfa-Smoothie, der sich sowohl optisch als auch geschmacklich benimmt wie ein geschleuderter Frosch.

Das Diagnose-Potpourri bietet viele tolle Wörter: vegetative Dystonie, CFS, funktionelle Whatever-Beschwerden (funktionell soll einfach nur heißen, wir finden halt nix), Burn-Out, Fibromyalgie, alle möglichen Syndrome irgendwelcher Körperteile und als von Ärzten heißgeliebte Gallionsfigur schwebt über allem die DEPRESSION. Irgendwie ist alles, was nicht funktioniert, letztlich Depression. Und falls das wesentliche Symptom einer Depression, nämlich die niedergedrückte Stimmungslage zufällig nicht vorhanden ist, dann ist es eben eine atypische oder maskierte Depression.

Aber nicht nur die Schulmedizin hat viele schöne Etiketten parat. Sind wir doch mal ganz ehrlich: Wir wissen doch auch eine ganze Menge über solche Leute. Man beobachtet sie und scannt nach Ursachen für dieses ganze Gedöns. Und wird fündig. Es gibt tatsächlich Dinge, denen XY aus dem Weg geht – WOW! Und da ist auch etwas in XYs Leben, dem er sich eventuell noch nicht gestellt hat. Das sollte XY schnell mal tun – noch WOWER! Falls XY sich seinen seelischen Altlasten nicht effektiv genug stellt, dann scheint er sich ja wohl für seine Beschwerden entschieden zu haben – am WOWESTEN! Schließlich wissen wir ja alle, wie das so ist mit dem sekundären Krankheitsgewinn. Irgendwann macht es sich XY am Ende in seinen Beschwerden bequem wie in einem warmen Nest? Das muss verhindert werden!! Natürlich soll der arme XY erstmal schnell akzeptieren, dass gerade etwas nicht stimmt und er nicht richtig funktioniert. Das ist ja nicht so schwer. Also hurtig akzeptieren und dann aber husch husch wieder fleißig anstrengen, um trotz der vielen Einschränkungen doch beruflich durchzustarten oder irgendetwas anderes Großes zu reißen. Und dann gibt’s auch viel Anerkennung für den guten XY, weil er sich nicht entmutigen hat lassen und sich trotz Handicap durchgebissen hat.

Die anderen XYs, die gerade nicht durchstarten, weil sie ein paar Schwierigkeiten in der Akzeptanz-Phase haben, müssen es leider weiter ertragen, dass andere besser als sie wissen, wo ihr Hase im Pfeffer liegt.

Vielleicht halten mal alle, die nicht wissen wollen, wovon sie eigentlich reden, einfach den Mund?

 

 

 

 

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