Und täglich grüßt …

Es ist Sommer, wir sind Urlaub, it’s hot and we’re wearing sunglasses. Wir haben unsere Angst, irgendwann zu enden wie die Menschen, die seit 40 Jahren immer in das gleiche Kaff nach Österreich fahren, überwunden und uns entschlossen, in der fünften Wiederholung die kretinische Südküste aufzusuchen. Weil uns unser Leben nach 3 Zimmer, Küche, Bad Teil 1 bis 3 in Tübingen und verschiedenen beruflichen Wendungen aufregend genug erscheint und wir uns einig sind: Im Moment sind Konstanten angesagt und keinesfalls NEUES!

Auch Konstanten brauchen innovative Highlights

Um der Gefahr von 40 Jahre Österreich offensiv etwas entgegen zu setzen ist das Motto auch dieses Jahr: Jeden Tag etwas machen, was wir noch nie gemacht haben. Das sind zum Beispiel spektakuläre Dinge wie den Nachmittagskaffee in einer Kneipe zu trinken, in der wir noch nie waren. Oder zum ersten Mal den kleinen Herd in unserem Zimmer zu benutzen, um Frühstückseier zu braten. Unter den Highlights dieser Newmakes ist zum einen eine richtige Wanderung in einem echten Gebirge, bei der wir in sengender Hitze zu einer der vielen Höhlen hochkraxeln, in der angeblich Zeus geboren wurde. Schatzi 1 spricht allerdings nach fast 1000 Höhenmetern die wirklich waren Worte: Du, ich glaub, es geht hier einfach immer nur bergauf! Verblüfft über die Stichhaltigkeit dieser Aussage lassen wir Höhle Zeus sein, rücken unsere Sonnenbrillen zurecht und suchen die Götter weiter talwärts.                                                                                                               Das zweite Highlight ist das Yogaevent, das eines Morgens angeboten wird. Wir sind uns einig, dass uns ein bisschen asiatische Dehnerei gut tun wird, trotzen abwechselnd ein bisschen rum und landen letztlich als einzige Besucher etwas überfordert von dem doch sehr exponierten Setting auf einer Yogamatte. Naja, wer abends Raki saufen kann, kann morgens Yoga machen, auch wenn die Koordination etwas schwerfällt.                          Der Spitzenreiter unserer Newmake-Liste ist aber unsere Fußwanderung auf den Kófinas, den höchsten Gipfel der südlichen Berge Zentralkretas. Sowas kann natürlich jeder. Was allerdings nicht jeder kann ist, sich dort oben auf 1280 Meter von drei Gewitterfronten gleichzeitig überraschen zu lassen. Das ist mal ein exponiertes Setting, dagegen erscheint uns die Solonummer auf der Yogamatte wie ein Witz. Wir sind beide noch nie zwei Stunden um unser Leben geklettert und gerannt – ein echter Newmake und damit Platz 1!

Der Lokalkrimi

Das hartnäckigste Neue in diesem Urlaub ist aber unbestritten der Lokalkrimi, der sich jeden Tag und vor allem jede Nacht in unserem Schlafgemach abspielt. Nein, diesmal handelt er nicht von Geschnarche , im Schlaf rumzappeln und zuviel Decke beanspruchen. Es geht garnicht um die üblichen Schwierigkeiten in einem Ehebett. Sondern von DEN ANDEREN – wir sind nämlich nicht allein. Schon am zweiten Tag fällt uns auf, dass eine üppige Moskitopopulation unser Heim bevölkert. Sowas gab es noch nie. Doch Schatzi 1, der im Zimmer mit dem Balkon schläft, liefert stichhaltige Beweise: Augenringe, Scheißlaune und zahlreiche Stiche. Zuerst glauben wir noch, wir könnten der Sache durch ein Rundummassaker und diszipliniertes Lichtaus, wenn Fenster auf Herr werden. Das ist ein Irrtum. Wir schlafen abwechselnd bescheiden, werden im Schlaf fast aufgefressen und sind irgendwann so neurotisch, dass wir keine zwei Sätze mehr miteinander wechseln können, ohne dass einer plötzlich an die Decke starrt und schreit: Da is einer!! An tiefsinnige Gespräche oder entspannte erotische Begegnungen ist nicht mehr zu denken. Hinzu kommt, dass sich der Aufbruch zu irgendwelchen Unternehmungen im Durchschnitt um etwa zwei Stunden verzögert. Immer in dem Augenblick, in dem wir loswollen, entdeckt einer von uns wieder ein blutsaugendes Untier, welches dann, getrieben von puren Rachegelüsten ohne Rücksicht auf Verluste durch’s Zimmer gejagt wird, bis es erlegt ist. Hinterher müssen wir dann das Chaos aufräumen, die Schrben auffegen, dann muss nochmal jemand auf’s Klo und bis wir wieder startklar sind sitzt das nächste Vieh auf dem Badspiegel. Wir fühlen uns wie in Täglich grüßt das Murmeltier, alles passiert in einer endlosen Zeitschleife immer wieder von vorne.

Wir sehen dringend Handlungsbedarf und entwickeln im Team eine ausgefeilte Jagdtechnik. Da Schatzi 1 der Größere ist und deshalb auch höhere Zimmergefilde errecicht wird er zum Chefmeuchler ernannt – was ihm ein an Besessenheit grenzendes Vergnügen bereitet. Wir erschaffen eine schlagkräftige Waffe in Gestalt eines nassen Badetuchs und jetzt wird uns endgültig klar, was Douglas Adams zu seinen Ausführungen über die nutzbringenden Anwendungsmöglichkeiten eines Handtuchs bewegt hat – nass als Waffe unschlagbar! Sitzen die Viecher außerhalb der Reichweite unserer Wunderwaffe werden sie solange mit Ma Bakers Gymnastikutensilien beworfen bis sie runterkommen. Die entscheidende Frage nach jedem Schlag ist : Gibt es eine Leiche?? Wo keine Leiche, da kein Mord, also weiter geht’s. Während Schatzi 1 an der Front agiert liegt Schatzi 2 auf dem Boden und verfolgt mit Adleraugen die Flugbahn des Untiers, damit wir es nicht aus den Augen verlieren, falls es wider Erwarten flüchten kann. Bis endlich Vollzug gemeldet werden kann und ein weiterer blutiger Fleck unsere weiße Wand ziert.

Das Zauberwort

feenbett-1Über mangelnde Bewegung kann sich vor allem Schatzi 1 nicht beklagen, über zuviel Schlaf keiner von uns. Nach etwa sieben Tagen, in denen sich unsere psychische Verfassung in eine bedenklich obszessive Richtung verschoben hat, kapituliert das Kampfhandtuchgeschwader. Schatzi 1 hat mitten in einer schlaflosen Nacht endlich die rettende Idee, die unseren persönlichen Tatort beenden sollte. Gegen unsere nächtlichen Eskapaden ist die Aufgabe, mitten in der kretinischen Pampa zwei Moskitonetze zu erwerben vergleichsweise einfach. Nur etwa fünf hilfsbereite Ladenbesitzer wollen uns Sprays, Cremes und etwas in orangenen Kanistern verkaufen, das eine starke Ähnlichkeit mit denen aufweist, die die Bauern auf dem Rücken tragen, wenn sie Pestizide in ihren Olivenhainen verteilen. Schatzi 1 ist schon bereit, in einem traditionellen kretinischen Geschäft einige große Tischdecken zu erwerben und daraus einen Moskitoschutz zu improvisieren. Da fällt endlich das erlösende Wort: KUNUPIERA!                                                                                                             Genau, wir wollen zwei verdammte Kunupieras!! Ab da ist alles ganz einfach. Wir erstehen zwei Träume von einem Moskitonetz in orange und rosa, die wir kurzerhand an der Lampe aufhängen. Von da an schlafen wir engelsgleich in Betten, die wie eine Mischung aus Feenstaub und Hello Kitty aussehen und sind uns einig: Das Wort des Urlaubs ist Kunupiera.

Vom Einen und dem Anderen

Kurz vor der Vierzig haben wir endlich Folgendes erkannt: Die Welt ist ein großes Aquarium mit vielen verschiedenen bunten Fischen drin. Das erklärt dann auch, weshalb manche Menschen 10 Dinge gleichzeitig im Kopf am Laufen halten können und ich mit einer Sache schon voll bedient bin. Ich muss entscheiden, ob ich eine SMS tippen oder laufen will, sonst lande ich mit Beule an der nächsten Straßenlaterne oder unter dem Bus. Ich bin der blau-rosa-gestreifte Eins-nach-dem-anderen-Fisch mit den gelben Punkten und der schnittigen Heckflosse.

Wenn man eins nach dem anderen macht, dann braucht man ein gedankliches Parkdeck für das Andere, während man in kosmischer Ausgeglichenheit die eine Sache bewältigt. Ich stelle mir vor, dass all das Andere schön in der Schlange ansteht und wartet, bis es dran ist – sozusagen im Wartezimmer Platz nimmt, bis es aufgerufen wird. „Die Lohnsteuererklärung bitte“ oder „die engagierte Initiativbewerbung bitte an Schalter 5“. Anstatt mir ständig gleichzeitig durch den Kopf zu flappen und die Erledigung von dem Einen unmöglich zu machen würde das Andere friedlich in einer Falte des Kosmos ruhen und warten, bis es dran ist.

Zu meiner Verteidigung in dieser ewig multitaskenden Welt kann ich Folgendes anführen: Die eine Sache würde ich dann echt gründlich und mit Leib und Seele machen. Wenn es sein muss höre ich das Gras wachsen. Ich bin mit Haut und Haaren Eins und nicht etwa mit einem Bein schon auf halb Zwei. Dann werden die Dinge manchmal ganz groß. Sie fangen an zu leuchten und sind plötzlich mit einem Hauch Glitzerpulver versehen. Wenn ich hingebungsvoll Wäsche aufhänge oder dem Käse auf der Lasagne im Ofen beim Schmelzen zusehe, dann habe ich das Gefühl, etwas von der Welt zu verstehen. Wenn ich währenddessen über 5 andere Dinge nachdenke, dann verstehe ich nix – wirklich garnix, weder vom Einen, noch vom Anderen.

Wenn ich mir etwas anschaue, dann tue ich das gründlich. Normalerweise gehe ich bei einem Schulausflug mindestens 3 Mal verloren, weil ich mir zuerst die Dampflock im Verkehrsmuseum sehr gründlich angeschaue, dann das Wolfsgehege im Zoo und zuletzt die Gummikrokodile am Kiosk vor dem Ausgang, während meine Klasse jeweils bereits weiter geht. Sie sind gehen weiter und behaupten hinterher, ich sei verloren gegangen! So ein Bullshit. Ich bin überhaupt nicht gegangen. Ich bin geblieben, also wenn dann verloren geblieben. Soviel Zeit muss sein im großen Aquarium!

 

 

Wow!

vierzig
Vor meinem vierzigsten Geburtstag drückt der Große Geist noch einmal richtig auf die Tube. Man könnte auch sagen, er legt sich mächtig ins Zeug, gibt ordentlich Gas, lässt nichts anbrennen, großes Kino, Pauken und Trompeten, vom Feinsten, think big, kurz: er gibt alles.

Als ich bockige fünfzehn Jahre alt war, waren gerade Perestroika und Wind of Change, und ich hatte ein Vorbild: Gabriele Krone-Schmalz, „die erste Frau im ARD-Studio Moskau“. Gabi erklärte uns Deutschen aber nicht nur allabendlich Gorbi und die Situation vor Ort, nein, sie war auch um die vierzig, hatte streichholzkurze graue Haare und wirkte unfassbar seriös, souverän, gelassen und abgeklärt. Wenigstens sie schien die Dinge, vermutlich nicht nur in Moskau, voll im Griff zu haben. Damit hatte ich eine ziemlich genaue Vorstellung davon, wie frau mit vierzig Jahren so ist, und eben diese Zielmarke ließ ich in den letzten 25 Jahren keine Sekunde aus den Augen.

Wie Gabi in Moskau

So wurschtelte ich mich durch die Pubertät, die Adoleszenz, das Studium und wenn mich die Arbeit, schlaflose Babynächte, Trotzphasen und vorpubertäre oder andere irdische Unflätigkeiten mal wieder aus der Balance zu bringen drohten, stellte ich mir vor, wie ich eines Tages glorreich und mit wehenden Fahnen durch die 40er-Banderole stürmen und im selben Moment sämtliche Fallstricke, Widrigkeiten sowie die Vergangenheit hinter mir lassen würde, und ich wäre, so wie 1990 Gabi in Moskau, mit einem Schlag: unendlich seriös, souverän, gelassen und abgeklärt, kurz: auf der sicheren Seite. Soweit meine Vorstellung.

In der Realität spielt sich kurz vor dem großen Tag allerdings gerade folgender Showdown ab: Mit dem Hotti-Lotti-Papa könnte es, sagen wir mal, besser laufen, statt verfrühter Glückwunschkarten bekomme ich die Grippe und meine Mutter, mit der mich Zeit unseres Lebens eine doch recht unerquickliche karmische Verstrickung verband, segnet urplötzlich das Zeitliche und stirbt. Für den Großen Geist gibt es im Übrigen eine reelle Chance, dem Ganzen noch die Krone(-Schmalz) aufzusetzen, indem er die Bestattung meiner Mutter exakt an dem Tag stattfinden lässt, den ich mir ursprünglich zwar immer groß, pompös und frei von altem Ballast vorgestellt hatte, aber so dann irgendwie auch nicht. Nun gut, Contenance, wir sind schließlich quasi vierzig und nicht mehr fünfzehn, da sollte doch auch ein derartiger Unwahrscheinlichkeitsdrive in Würde zu schaffen sein. Und immer schön an Gabi denken.

Integration statt Auflehnung

Tiffys

Als weiterer Teil der Selbstzerstörung unseres Hauses kamen Anfang Februar die Mäuse zurück. Bruchbuda ist alt und es gab immer wieder Mäuse. Die gemeine Hausmaus kann sich ja laut Wikipedia sogar durch bleistiftbreite Löcher hindurchquetschen, wenn sie meint, es würde sich lohnen. Offenbar lohnt es sich bei uns. Wir hatten also wieder eine Maus, die das tat, was Mäuse so tun. Alles anfressen und hinterher vollkacken.

Die Lebendfallen, die uns bisher immer gute Dienste erwiesen hatten, versagten. Irgendwie waren sie immer leer gefressen und vollgekackt, aber von der Maus weit und breit keine Spur. Zu härteren Methoden konnten wir uns nicht durchringen. Wer will schon morgens vor dem ersten Kaffee Mausmatsch in der Küche vorfinden. Und Giftanschläge führen nur dazu, dass sie dann irgendwo in einem bleistiftbreiten Loch verschwinden und wochenlang in der Wand vermodern, ohne dass man an sie rankommt. Das Aroma einer toten Maus in der Küche will auch keiner. Wir wussten also nicht so recht, was zu tun ist,  und entschlossen uns aus einem gewissen Phlegma heraus für Integration anstatt Kampf. Ma Baker, die sich momentan in forcierter Entspannung versucht, hat ein neues Motto: Better be the river, not the stone in the middle! Und ganz gemäß dieses Mottos hießen wir die Maus willkommen, nannten sie Tiffy und hofften auf friedliche Co-Existenz.

Inzwischen muss es (völlig überraschend!) zu soetwas wie einer Tiffy-Explosion irgendwo unter der Spüle gekommen sein. Wir haben keine Tiffy mehr, sondern Tiffies! Zuerst war es zumindest noch so, dass die Tiffies fluchtartig hinter dem Schrank verschwunden sind, wenn man die Küche betrat. Mittlerweile haben sie ihre Scheu abgelegt und fühlen sich ganz wie zuhause. Ungeniert fressen sie am sündhaft teuren Bioreis herum, während sie einem vorwurfsvolle Blicke aus kleinen schwarzen Knopfaugen zuwerfen, weil man sie beim Abendessen stört. Und sie expandieren. Man findet plötzlich Haferflockendepots in Schuhen und angenagte Nüsse in Manteltaschen. Uns beschleicht das ungute Gefühl, dass das Haus gerade übernommen wird und wir eigentlich nix mehr zu melden haben. Naja, wir dürfen einkaufen. Kryptische Botschaften aus Dinkelmehl und Bioreis lassen uns wissen, dass wir gefälligst mal wieder Grünkern kaufen sollen, anstatt immer diese langweiligen Haferflocken.

 

3 Zimmer, Küche, Bad … Teil 4

20150130-DSC_0005Sie haben die automatische Selbstzerstörung aktiviert. Dieses Haus wird sich innerhalb der nächsten 20 Tagen selbst zerstören. Bruchbuda tut seit etwa zwei Wochen alles, damit wir uns nicht mehr wohlfühlen. Ihre Bemühungen konzentrieren sich auf den neuralgischen Punkt der Gemütlichkeit – unseren Ofen. Als einzige Heizmöglichkeit im oberen Stockwerk ist er für den Wohlfühlfaktor in diesem Haus unerlässlich.

Phase 1 – ein Spalt tut sich auf

Es begann mit einem leisen, geheimnisvollen Knack. Ein großer Riss zog sich plötzlich quer über die Ofenscheibe. Erkundigungen beim Master of Ofen ergaben Folgendes: Scheibe austauschen kostet 400 Euro. Allerdings entspricht der gute Wärmespender nicht der aktuellen Feinstaubverordnung – heißt, wir dürfen ihn nicht nach unserem Umzug woanders wieder betreiben, sondern er muss genau da bleiben, wo er jetzt steht. Der Rat, ihn doch unserem Nachmieter zu überlassen, ist zwar gut, scheitert aber an der Realität. Einen Nachmieter für ein abgerissenes Haus zu finden ist eine echt große Herausforderung. Wir rücken also die Scheibe wieder schön zurecht, heizen weiter und lassen uns tapfer auf den Gedanken ein, dass der Ofen samt alles Gemütlichkeit mit Frühlingsbeginn von uns gehen wird.

Phase 2 – ein Nebel zieht herauf

Beim nächsten Betreten des Obergeschosses schwebt ein dichter Nebel im Raum. Alles ist bedeckt von kleinen Ascheteilchen und ein unromantisch penetranter Geruch nach Lagerfeuer liegt in der Luft. Wir stellen fest, dass die Dichtung durch den Sprung in der Glasscheibe unwiederbringlich hinüber ist. Professionelle Hilfe scheint uns für die vier Wochen, die wir den Ofen noch brauchen unverhältnismäßig teuer. Also tun wir das, was alle zupackenden Menschen in einer solchen Situation tun: Wir fahren in den Baumarkt und machen unser Ding, weil’s gut werden muss. Dort erstehen wir ein neues Dichtungsband und – was das Tollste ist – eine riesige Kartusche Superofenkleber zum Abdichten. Wenn das mal kein langer Heimwerker-Schwanz ist, den wir da auf den Tisch legen! Eifrig machen wir uns ans Werk und kleben und schmotzeln ALLES zu, was irgendwie danach aussieht, als könnte es dem Rauch zur Entweichung dienen.

Phase 3 – das Finale

Frierend warten wir 24 Stunden, damit alles schön aushärten kann und blasen derweil mit Elektrogebläsen unser Geld zum Fenster hinaus. Dann ist es soweit. Wir entzünden ein Feuer und sitzen atemlos davor. Es macht wieder Knack. Und nochmal. Es folgt ein Geräusch, wie wenn ein Stück Eisschelf abbricht und wo vorher ein Riss war sind jetzt zehn. Bevor das ganze Ding explodiert löschen wir hastig das Feuer und verbringen die nächsten Wochen zwischen Elektrogebläse, Wärmflasche, Fön und der kleinen Tonne, in der wir unsere sauer verdiente Kohle abfackeln.

Es wird Zeit zu gehen!

 

3 Zimmer, Küche, Bad…Teil 3

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Da wir ja nicht ewig mit Alkohol und Bad Religion im Keller unserer gewollt punkigen Identität rumhängen können wagen wir uns nach einer Woche Wundenlecken wieder hervor. Und erleben einen bunten Blumenstrauß:

Die erste Blume ist eine Wohnung in einem Neubau direkt neben der B27. Das Haus sieht von außen aus wie ein Raumschiff. Im Treppenhaus kann man vom Boden essen, was verheißungsvolle Rückschlüsse über das schwäbische Kulturgut der Kehrwoche zulässt. Es gibt einen Aufzug. Wir schlucken zuerst und entscheiden uns dann, das Ganze positiv zu betrachten. Der Aufzug schleppt dann ja unseren ganzen Kram in den dritten Stock, nicht wir. Cool! Erstmal entschlossen die Fronten gewechselt erscheint uns auch die Wohnung eigentlich ganz nett. Das Bad ist komplett schwarz gefliest und hat kein Fenster. Man hat das Gefühl, einen Sarg zu betreten. Wer hat schon sowas in der eigenen Wohnung? Wir überlegen, wo wir das Marilyn Manson Poster aufhängen und wie es technisch machbar ist, dass bei Betreten automatisch die passende Musik erklingt. Zähneputzen mit Hells Bells und Ozzy Osbourne zur Toilettenbenutzung. Noch cooler! Leider gibt es bereits eine hartnäckige Interessentin mit Grufti-Vergangenheit, die sich letztlich durchsetzt und Wohnung samt Sarg bekommt.

Blume 2 ist eine bezahlbare Wohnung in der Nähe der 3 Hauptverkehrsachsen Tübingens. Sehr nette Vermieterin, bisschen Balkon und 60 Quadratmeter, aus denen man was machen kann, wenn man sich große Mühe gibt. Eine klare Mission für Schatzi 2, dessen großes Talent ja bekanntermaßen IN der Höhle liegt. Während Schatzi 2 also bereits über Gardinen und Muschelmobiles nachsinnt steht Schatzi 1 verdächtig reglos herum. Zuhause rückt er dann sichtlich erschüttert damit raus, dass er, auch wenn es vernünftig wäre, da einfach nicht wohnen kann, weil allein der Gedanke in ihm den Impuls auslöst, sich in den angrenzenden Goldersbach zu stürzen. Da kann man nix machen. Wir nehmen die Bachmetapher zum Anlass, ein persönliches Rankingverfahren für unsere zukünftigen Besichtigungen zu einzuführen: Die Goldersbachfaktor-Skala! 10 Goldersbäche sind der absolute worst case, alles was über 5 Gs rangiert auch indiskutabel, zwischen 5 und 3 gibt es Diskussionsspielraum und ab 2 schlagen wir zu.

Mit Blume 3 wagen wir uns nochmal auf die Seite des Immobilienerwerbs. Per Zeitung wird eine 3-Zimmer-Wohnung mit 70 Quadratmetern und Balkon in der grünen Hölle zum Kauf angeboten. Per dropbox werden wir über das Verfahren informiert. Verkauft wird nach Höchstgebot und wunderlicherweise gleichzeitig nach sozialen Kriterien(??!). Bisher dachten wir, dass das insich ein Widerspruch ist, aber man will ja dazu lernen und liest weiter. So landet man beim geforderten Mindestgebot von 297.000 Gänseblümchen! Über die sozialen Kriterien, die sich mit diesen vielen Nullen vereinbaren lassen, können wir nur mutmaßen. Vielleicht sowas wie „meine Yacht in Saint-Tropez ist letzten Sommer leider abgesoffen und jetzt weiß ich nicht, wie es weitergeht“ oder “ die passenden Platinfelgen für meinen heißgeliebten Oldtimer werden leider nicht mehr hergestellt und das trifft mich echt hart“.

 

Family Guy

Family GuyWolverine ist heute selbstverständlicher Bestandteil unserer familiären Lebenswelt, also meiner, Hottis und Lottis. Das war nicht immer so. War ich in der zugegebenermaßen etwas holprigen Anfangszeit unserer Jahrhundertromanze noch recht skeptisch bezüglich der Qualitäten und Mitbringsel dieses X-Man, beeindruckten und überzeugten mich schließlich dann doch dessen an Stoizismus grenzende Hartnäckigkeit, sein selbst gezogenes Gemüse sowie nicht zuletzt ein bahnbrechender Familiensinn. Aufmerksamen Beobachterinnen und Beobachtern hätte das bereits in jener grausligen Anbahnungsphase auffallen können, als Wolvi sich am Ende eines Freiluftkonzerts mit maximalem Körpereinsatz die damals 7-jährige, dennoch riesige und schlafschwere Lotti über die Schulter wuchtete und zu meinem Auto bugsierte. Ich jedoch verbuchte diese Heldentat damals lediglich schnöde und hartherzig unter berechnendem Balzverhalten eines bemitleidenswerten Verliebten auf dem Holzweg.

Familienhilfe 24/7

Inzwischen bestreitet der X-Man mit der Lizenz zur Freizeitgestaltung an meiner Seite unerschütterlich Kindergeburtstage in Spaßbädern, Bowlingcentern und Eislaufhallen, Weihnachtsfeste unter Nordmanntannen sowie Zirkusaufführungen und damit einhergehende Krankenhausbesuche. Heimlich organisiert er mit mir Weihnachtsgeschenke für die Kinder und mit denen wiederum welche für mich. Er koordiniert und synchronisiert Freizeitaktivitäten meiner Brut mit denen seiner eigenen Familie, um alles irgendwie unter einen Hut zu bringen, und schafft sich Katzen an, nicht nur, um uns beide zu stolzen und glücklichen Katzeneltern zu machen, sondern auch, um mit diesem Patchwork-Trojaner Hotti und Lotti zu becircen und öfter nach Zenhausen zu locken. Dort überlässt er ihnen ein eigenes Zimmer, das sie nach Belieben mit Selena Gomez und anderen Größen des aktuellen Pophimmels plakatieren dürfen.

Wenn es Hotti oder Lotti wochenends einfällt, sich trotz Wolvis Anwesenheit in mein Bett zu quetschen, klemmt er sich an die Wand unters Fenster. Im Sommer lässt er sich von den zwei Grazien an der wünderschönen Blumen-Beton-Riviera zwischen Sonnenschirmen und Strandmatten im Sand vergraben, und als die beiden den Ferienbus zur Waldheimbespaßung verpassen, chauffiert er sie allen Ernstes mit dem Auto hin, während ich meinem Hobby Erwerbstätigkeit fröne. Er kennt sämtliche Namen der Kinder meiner Freundinnen sowie die Namen von Lottis Freundinnen auswendig (Hotti bringt keine mit nach Hause, ich bin zu peinlich), und als unsere heißgeliebte Horny Tawny in Ermangelung öffentlicher Gelder unsere kleine Lokalredaktion verlassen muss und zum Abschiedsumtrunk lädt, ist es Wolvi, der zu Hause die Brut ins Bett scheucht. (Zudem dekoriert er neuerdings, mutmaßlich um die Hausfrau in mir bei Laune zu halten, meine Küche mit Prilblumen.)

Maggie Thatcher, die Queen und ein Eiswürfel

Sonntags fährt Family Guy Jugendzimmermöbel durch die Gegend, montags ist er fest gebucht für die Schlammschlachten des familiären Abendessens und seine Freitagabende verbringt er mittlerweile eingepfercht zwischen Hotti, Lotti und mir auf unserem viel zu kleinen Küchensofa, um sich den großen Kanon der Kinderfilme zu geben. E.T., Ottos 7 Zwerge und sämtliche Shrek-Filme haben wir schon durch. Wollen wir mal nicht hoffen, dass er wie Shrek in Teil 4 eines Tages einen Vertrag mit Rumpelstilzchen abschließt, in dem er seine verlorene Freiheit gegen den Tag eintauscht, in dem er mich und meine Brut kennenlernte.

Und die Brut? Zeigte Hotti sich anfangs noch einigermaßen skeptisch, weil sie ja kein Problem mit Wolvi an sich, jedoch mit seiner Rolle in unserem royalen Haushalt hätte, siegten bei meiner Teenietusse Nr. 1 in der Zwischenzeit Sympathie und ein gewisser Pragmatismus: Wolvi = entspannte Mutter sowie Wolvi = Urlaub. Lotti dagegen weiß noch nicht so recht. Ihm gegenüber benimmt sie sich wie ein Konglomerat aus Maggie Thatcher, der Queen und einem Eiswürfel. Zwar lässt sie sich bereitwillig von ihm zu Events bei seiner Familie kutschieren, ein proaktives Guten Morgen ihrerseits wäre jedoch schon wieder zu viel verlangt. Immerhin hat sie sich heute dazu herabgelassen, sich nach seinem Gesundheitszustand zu erkundigen, nachdem er gestern krank für sie und ihre Geburtstagsgäste das Taxi gespielt hat.

Und ich? Beende diese Hymne auf meinen Family Guy mit Fantas Jubelruf, als sie vernahm, dass wir die montäglichen Abendessen zu institutionalisieren gedächten: „Hurra – du willst einen Mann an deinem Tisch!!!“

3 Zimmer, Küche, Bad … Teil 2

20150130-DSC_0005-2Kleiner Abstecher auf die andere Seite

Da der Göttergatte an meiner Seite über ausgesprochen flotte kognitive Fähigkeiten verfügt und einen tief verwurzelten Groll gegen Menschen hegt, die mit Wohnungsnot Geld machen, betritt plötzlich eine andere Möglichkeit die Bühne. Kaufen statt Mieten! Anstatt irgendeinem gierigen Vermieter jeden Monat 900 Euro in den Rachen zu schieben würden wir einfach unser Obdach die nächsten 100 Jahre abbezahlen. Machen andere doch auch! Zunächst fühlt es sich erfrischend an, mal die Perspektive zu wechseln und die nächsten Tage wird gerechnet, bis das Gehirn den Siedepunkt erreicht. Was kostet sowas eigentlich und woher nehmen wir das Eigenkapital, um überhaupt für die Bank in Frage zu kommen? Eifrig wird die Familie abgegrast – zum Glück ist Blut dicker als Wasser und wir haben uns in den letzten Jahren nicht großartig daneben benommen.

Doch dann kommen wir zum ersten Minenfeld. Wie bezahlen wir die monatlichen Raten? Und da haben wir die ungemütliche Frage: Wer verdient hier eigentlich wieviel?? Und machen damit das erste große Fass auf:

Die Dimension der Rollenverteilung

Auch, wenn wir das nicht wahrhaben wollen: es gibt eine geschlechtsspezifische Rollenverteilung in unserer gefühlt äußerst alternativen Ehe. Der eine Ehepartner (wir nennen ihn mal Schatzi 1) ist beruflich gut verankert, vielfältig kompetent, visionär und verfügt über den nötigen Biss und die Ausdauer, um dahin zu kommen, wo er hin will. Vor der Höhle ist er unschlagbar, er würde auch Fleisch für 5 Junge nach Hause schleppen, wenn das nötig wäre.                                                                           

Der zweite Ehepartner (Schatzi 2) ist ebenfalls überaus visionär, kompetent, findig und fantasievoll, vor allem im Innen. Schatzi 2 kann die Höhle mit viel Liebe und Zauber in ein gemütliches Nest verwandeln. Außerdem hat Schatzi 2 die Fähigkeit, aus dem Nichts in zehn Sekunden zwei vollständig gepackte Rucksäcke für eine mehrtägige Wanderung herzuzaubern, dazu noch einen Hut und einen Salat. Schatzi 2 ist unschlagbar im Antritt, während Schatzi 1 über die Fähigkeit verfügt, Kräfte eher gleichförmig und kontinuierlich einzusetzen.

Da nun mal im Moment vor der Höhle leichter Geld zu vedienen ist als in der Höhle, geraten wir schnell von der Frage der Ratentilgung zum Einkommensgefälle und dessen Folgen. In Nullkommanix zaubert Schatzi 2 zahlreiche große Gefühle auf die Bühne. Vor diesen emotionalen Kulissen könnte man ohne Schwierigkeiten eine Wagner-Oper aufführen. Es treten auf:

Schuld: Hätte ich doch was Gescheites gelernt!
Kapitalismuskritik: Das liegt alles am System!
Ein Minderwertigkeitsgefühlchen: Du verlässt mich bestimmt bald wegen irgendeiner erfolgreichen Karriereschnecke!
                            
Und während Schatzi 1 noch versucht, zu begreifen, wie ihm geschieht, kommt Schuld die Zweite: Jetzt sag doch auch mal was!

Die Dimension der Identität

Nachdem wir es doch geschafft haben, die unheilvolle Wagner-Oper am Ende des 4. Aktes abzuwürgen, fliegt uns leider das nächste Fass um die Ohren. Der Kauf einer Wohnung ist nicht nur ein Geld- und damit auch ein Rollenproblem, sondern auch eines der eigenen Identität. Uns fällt plötzlich wieder ein, dass wir beide eigentlich aus der Tübinger Hausbesetzerszene kommen. Wir haben vor dem Rathaus campiert, getrommelt und gepfiffen, all unsere Bettlaken in Transparente umgewandelt und waren bereit, uns an die nächstbeste Heizung zu ketten, bis irgendein Räumkommando uns losgeschnitten hätte. Die Häuser denen, die drin wohnen und so! Wir versuchen, uns damit zu trösten, dass wir ja dann drin wohnen und uns die Wohnung gehört und das zumindest oberflächlich betrachtet kein Widerspruch zu unseren Parolen von damals ist. Leider hält diese kleine Selbsttäuschung nicht lange stand. Der Besitz einer eigenen Immobilie ist einfach echt nicht mehr Punkrock, egal, wie man es anmalt.

Der Markt regelt das

Bevor wir unsere Identität zwischen Spießigkeit und Punkrock neu ausloten können kommt uns der Markt zu Hilfe. Ein Makler schickt uns Unterlagen zu einer 3-Zimmer-Wohnung, die ein paar Straßen weiter für schlappe 180.000 Gänseblümchen zu haben ist. Nach kurzer Zeit wird klar, dass diese Wohnung ein finanzieller Sargnagel ist. Es sind weder die Kosten der bereits erfolgten Dachsanierung gedeckt, noch haben wir bei Entscheidungen, das Haus betreffend, irgendwas mitzureden. Als kleinen Ausgleich dafür dürfen wir aber die Hälfte aller anfallenden Kosten bezahlen, obwohl wir weniger als ein Drittel der Fläche besitzen. Wir entscheiden uns für den sofortigen Rückzug auf die Seite der Besitzlosen und verschanzen uns erstmal mit Alkohol, Drogen und Bad Religion im Keller.

3 Zimmer, Küche, Bad … Teil 1

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Was lange befürchtet war wird nun Realität. Unser heißgeliebtes charmantes Haus namens Bruchbuda wird abgerissen und durch ein schickes Mehrfamilienhaus ersetzt. Für unsere Vermieter bedeutet das, mit Besitz noch ein bisschen mehr Geld zu verdienen und für uns, ohne Besitz plötzlich auf dem leergefegten Lingendinger Wohnungsmarkt rumzustehen und uns irgendwoher eine bezahlbare Bleibe zaubern zu müssen. Momentan oszillieren wir in der Trauerarbeit irgendwo zwischen Nichtwahrhabenwollen, Flucht in Aktionismus und aggressiver Auflehnung. Spontane erste Versuche, unserem Schicksal zu entgehen sind gescheitert. Trotz liebevoller Pflege und intensivem UV-Lampen-Einsatz ist in unserem Frühbeet bisher keine Kohle gewachsen und auch der Versuch, uns einfach eine neue Bruchbuda zu häkeln, war leider erfolglos.

Erste zaghafte Schritte

Ein vorsichtiges Hinauswagen auf den Markt gleicht dem Aufbruch zu einer Arktisdurchquerung. Es gibt fast nix außer Ödnis, es ist saukalt und trotzdem bläst’s von allen Seiten. Wir kämpfen uns durch die Anzeigenflut, telefonieren und tanzen da und dort vor. In unserer Preisklasse hören wir Sätze wie „Also ich muß die Wohnung ja nicht anpreisen, weil die ist eh spätestens morgen weg, wissen Sie?“ Ja, wir wissen und starren auf die vierspurige Straße direkt vor der Haustür, die dazu führt, dass die Wohnung in unterschiedlichen Erschütterungsgraden mitschwingt. Wir geben uns Mühe und versuchen es mit einem humorigen Namen: Nach Bruchbuda jetzt Earthquaka? Hmm…!

Ja, wir wissen – auch angesichts des ranzigen Linoleumbodens aus den 60ern in einer Kellerwohnung, die riecht, als hätte man sie mit einer Mischung aus Heizöl und Mottenkugeln geflutet. Wir nennen sie Deepwater Horizon und stellen uns vor, wie diese „schicke Wohnung in gepflegtem Zustand“ mit dem Anzünden der ersten Zigarette in der neuen Bleibe einfach in die Luft fliegt. Fühlt sich für uns insgesamt recht stimmig an.

Und ja, wir wissen – und bewundern das weißgekachelte Wohnzimmer, das im ehemaligen Schlachtraum der ehemaligen Metzgerei sein soll – „Man kann da ja ein paar Bilder aufhängen, dann wird das schon gemütlich!“ Und fragen uns, wieviel Tonnen Bilder man wohl braucht, um im eigenen gemütlichen Wohnzimmer nicht mehr an Fleischerhaken und halbe Säue zu denken. Das mit dem humorigen Namen lassen wir lieber ganz.

Am Allerschlimmsten ist, dass man dauernd die Contenance wahren muß. Die Macht sitzt auf der anderen Seite des Tischs. Also hört man sich das ganze Geschwätz über die unschlagbaren Vorteile hässlicher Wohnungen an und bewahrt Haltung. Man kann ja dann später außer Sichtweite vor Wut in Tränen ausbrechen oder sich in irgendeine Blumenrabatte erbrechen. Bezaubernde Terassen, lichtdurchflutete Wohnzimmer, ausreichend Distanz zu vierspurigen Bundesstraßen und viele Ansatzmöglichkeiten für wohlklingende Namen voller Gemütlichkeit gibt es natürlich auch – ab 1000 Euro kalt und als Utopia. Oder am Arsch der Welt, zu dem zwei Mal am Tag ein Bus fährt. Wir nennen diese Außenposten Neumayer III – nach der 2007 erbauten deutschen Polarforschungsstation in der Antarktis.

Nach diesen ersten verstörenden Schwimmversuchen auf dem freien Wohnungsmarkt verlassen wir hastig die Phase des Aktionismus und flüchten uns vorübergehend wieder in die Verdrängung, da uns die Taschentücher ausgehen.

In tiefer Trauer um einen zauberhaften Ort

Ma Baker