Zirkusmutti

ZirkusmuttiVier alle haben ein neues Hobby: den Lingendinger Kinder- und Jugendzirkus Cannelloni, der an zwei Wochenenden im Frühjahr mit seinem Programm das Publikum beglückt. Glanz und Glamour bleiben dort per definitionem zwar nur den Heranwachsenden in der Manege vorbehalten. Aber auch die Eltern, Geschwister und sonstigen Angehörigen mit zu viel Zeit und Enthusiasmus dürfen sich jenseits von Ruhm und Rampenlicht nach Strich und Faden selbst verwirklichen. Während Hotti also am Trapez baumelt, Flugrollen macht und als Piratin mit Pois herumfuchtelt, entfalten Chéri und ich uns unter anderem am Kuchen- und Würstchenstand. Da Lotti noch zu jung für die Manege ist, aber bereits mit den Hufen scharrt, macht sie derweil mit anderen Geschwisterkindern in der Warteschleife Karriere im Popcornverkauf.

Auch ansonsten bietet der Zirkus unzählige Betätigungsfelder und Gewerke, bei denen sich die Familien zu ungeahnten Höchstleistungen aufschwingen können. So glänzen manche Eltern beim Frittieren von Langos, andere entfalten sich beim Lose-, Getränke- oder Kartenvorverkauf oder entdecken ihre Leidenschaft für das Auf- und Zuziehen der Theatervorhänge während der Vorstellungen. Wieder andere entpuppen sich als passionierte TontechnikerInnen, MaskenbildnerInnen, Sicherheitsbeauftragte oder Spendendosenbastler. Eine Großgruppe brilliert bei der Artistenverpflegung, ein anderes Team poppt Popcorn bis zum Exzess, und das Zirkusorchester, selbstredend bestehend aus Eltern, gibt ohnehin immer das Letzte. Dass die Zirkus-Community eine Zeitung herausgibt, die Requisite bastelt und das tonnenschwere Zirkuszelt selbst auf- und abbaut, versteht sich von selbst. Eine Zirkusmutter bringt es folgendermaßen auf den Punkt: „Du verabschiedest dich im Februar von deinen Freunden und hoffst, dass sie im Juni noch da sind.“ So ähnlich würde ich das auch unterschreiben: Wer uns im Frühjahr sehen will, kommt auf den Zirkusacker.

Nach zwei Aufführungswochenenden mit Blut, Schweiß, Tränen, Matsch, Erkältung und Adrenalin sind wir tot, aber glücklich. Ich habe keine Ahnung, wie die anderen Zirkusfamilien die Pfingstferien verbringen – wir schlafen.

P.S.: Hier eine sehr nette kleine Reportage der Lingendinger Studierenden Anna Schaden, Katrin Gildner & Sebastian Gabler (Klarnamen-Alarm!!!) über den Zirkus Cannelloni und sein diesjähriges Programm „Schrottkompott“:

New Cat in Town

Miezmiezmiez!!!

Miezmiezmiez!!!

Wir haben Nachwuchs: Putze und Messie, zwei entzückende adoleszente Katzendamen, die wir bereits im letzten Jahr bei Chéri einquartierten und nun, da letzterer just von seinem Landwohnsitz in unseren Kiez nach Lingendingen gewechselt ist (Wunderbra wird berichten), bei Hotti, Lotti und mir hausen. Die Kinderschar war im Vorfeld schon ganz aufgeregt und malte sich aus, wie schön das würde, wenn die Miezen endlich bei uns wären und wie süüß und wie niiiedlich, und man könnte streicheln und füttern und herumtragen, und sie würden schnurren und maunzen und schnurren, und nachts würde man die Kinderzimmertüren auflassen und die Miezen würden zu ihren Füßen oder auf ihren Bäuchen nächtigen, blühende Haustierlandschaften.

Draußen vor der Tür

Bei ihrer realen Ankunft stellen wir Putze und Messie in Lottis Zimmer und umzingeln zu viert ganz entspannt den Korb, aus dem beide Katzen mit weit aufgerissenen Augen herausstarren. Als zehn Minuten später Messie in Zeitlupe eine Pfote aus dem Korb setzt, stürzen sich Hotti und Lotti mit beruhigenden Worten auf sie: „HAALLLLOOOO MEEESSSSIIIIIIEEE!!! KOMM HEEER, KUCK MAL, FANG DIE MAUS!!!“ Sie wollen nur spielen. Putze schleicht zügig und geduckt in die hinterste Ecke unter Lottis Bett und glotzt für die nächsten Stunden mit Kulleraugen zu uns, die wir abwechselnd auf allen Vieren vorm Bett liegen und sie herauszulocken versuchen. Schließlich kommt das erste Fressie, das erste Pipi, sie schnurren und schmusen und vier alle sind mächtig stolz auf unsere lieben Kleinen, wie überaus gefasst sie den Transfer vom Land in die Stadt genommen haben.

Nach der ersten Nacht allerdings stehen Putze und Messie vor verschlossenen Kinderzimmertüren. Lotti berichtet am Morgen mit tiefen Ringen unter den Augen, dass die Katzen in der Nacht aus dem Stand ihr Hochbett angesprungen hätten (glücklicherweise schläft sie unten), nur um wieder herunterzuhopsen und das Ganze zu wiederholen. Messie kämpfte mit dem Teppich und kaute ihn durch, Putze wiederum wurde gesehen, wie sie ihr Stoffkörbchen durchs halbe Zimmer schob. Hotti sieht auch nicht viel besser aus und ergänzt, dass Messie ihren Engelsflügel (aus Vogelfedern) an der Wand traktiert hätte, während Putze erst ihr Hochbett erklomm und dann jämmerlich maunzte, weil sie angeblich nicht mehr herunter konnte.

Miezmiezmiez!!!

Und auch sonst akklimatisieren sich die beiden Damen recht schnell. Sie inhalieren tütenweise Nass- und Trockenfutter, spielen Fußball mit Teebeutelpapieren, schlafen auf dem Küchentisch, wuseln zwischen Füßen herum, und wenn ich das Katzenklo saubermache, schauen sie zu, um, wenn ich fertig bin, noch in meinem Beisein direkt erneut ihr Geschäft zu verrichten. Außerdem sitzen sie auf Fensterbänken und beobachten vorbeispazierende Hunde, hauen ab ins Treppenhaus oder latschen über die Küchenzeile. Was will man auch machen den ganzen Tag, wenn einen diese Irren plötzlich einsperren?

Dann kommt der große Tag: Putze und Messie dürfen das erste Mal das Haus verlassen und ihr neues Revier erkunden. Zu diesem Zweck setzen Hotti, Lotti und ich sie ans Badfenster, von dem aus es auf das Schuppendach geht. Messie steigt vorsichtig nach draußen, Putze drückt hinterher, und dann bleiben beide versteinert hocken, den Schwanz sorgsam um die Vorderpfoten gelegt. Dann Pause. Nichts, nur zuckende Ohrmuskulatur. Etwa drei Minuten später rasen sie wie der geölte Blitz in Lottis Zimmer, unters Bett, und erholen sich von ihrem wilden Abenteuer. Da habe ich jetzt schon ein bisschen mehr erwartet. Also locke sie noch einmal hervor und schiebe sie durch Lottis Fenster nach draußen. Und dann legt es bei ihnen einen Schalter um und weg sind sie. Früher fand ich es immer besonders entwürdigend, wenn ich Leute mit Fressnäpfen klappernd an Fenstern und Türen habe stehen sehen, wie sie unsägliche Namen in die Straße riefen und ihre entlaufenen Katzen mit allen möglichen dämlichen Geräuschen ins traute Heim zurückzulocken versuchten. Diese Blöße würde ich mir niemals geben. Als Chéri nach Hause kommt und die Lage überreißt, holt er Schüsselchen und Löffelchen aus der Küche, stellt sich auf den Balkon, klappert und ruft im Chor mit mir: „PUUUTZEEE! MEEESSSIIIIIIEE!! KO-HOMMT, FREEESSSIIIIIE!!! MIEZMIEZMIEZ!!!“ Und tatsächlich: Sie kommen von sonst woher angaloppiert und rasen vor unseren Augen auf die Bäume im Garten. Sie rasen wieder runter und verschanzen sich unter Autos. So rutschen Chéri und ich auf Knien vor dem Auto der Nachbarin herum und klappern und locken. Schließlich gelingt es uns, beide Damen einzutüten und sicher in den Katzenknast zurückzubefördern. Sag niemals nie.

Dolce far niente

Pamela und David im Loveboat.

Pamela und David im Loveboat.

Nach unserer Tournee durchs Klabautertal geht es, wie bereits im Vorjahr, ins Land, wo die Zitronen blühn, genauer: in die Welthauptstadt der Haselnuss (im Ernst: Capitale della Nocciola al centro del Mondo).[1] Dort angekommen, machen alle fast genau da weiter, wo sie letztes Jahr aufgehört haben: Die Kinderschar vergnügt sich wahlweise an Tischkicker oder Pool, die Erwachsenen fallen direkt in irgendwelche Liegestühle und die DorfbewohnerInnen veranstalten uns zu Ehren erneut ihr nettes kleines Fest, um die schönste und größte Nocciola zu küren.

Salami-Sorten: Esel, Wildschwein, Trüffel, Bauer

In schnuckeligen alten Gässchen erwerben wir Haselnusseis, Haselnusscreme sowie diverse Sorten Salami („Esel“, „Wildschwein“, „Trüffel“, „Bauer“) und Frau Hopp spielt, wie auch im vergangenen Jahr, mit dem Gedanken, eine total verfallene, aber unaussprechlich romantische Ruine zu erwerben, um dort eine Urlaubskommune zu begründen. Neu ist ihre durch aktuelle Lektüre hervorgerufene Geschäftsidee, dort auch gleich eine Trafik einzurichten. Girls gotta eat. Zudem gibt es dieses Jahr noch eine Runde Kettenkarussell für Hotti, Lotti, Fräulein Picasso, Chéri und Frau Hopp, der restlichen Reisegruppe ist von zu viel Gelati und Salami bereits leicht schlecht.

Die verbleibende Zeit verbringen wir mit ebenso anspruchsvollen wie umfassenden Tätigkeiten wie in Liegestühlen herumlungern, lesen, Eis essen, Espresso trinken, Städtchen angucken und im Pool planschen, was heuer eine besondere Attraktion mit sich bringt: ein Schlauchboot, das gute FreundInnen aus dem Gammeltal Chéri und mir dieses Jahr zu unserem 88. Wiegenfeste verehrt haben. So schippern wir gemütlich durch die Woche, und als uns an Tag 5 der Sinn nach einer kleinen Variation steht, brettern wir ans Meer, um dort die Baywatch-Nummer zu machen. Und auch diesbezüglich gibt es eine positive qualitative Veränderung zu vermelden: Klebten Hotti und Lotti letztes Jahr beim „Schwimmen“ noch wie kreischendes Senkblei an ihrer Mutter, ziehen wir nun gesittet und wohlgeordnet unsere Runden durchs Mittelmeer. Vacanze é possibile!

[1] Damit wäre auch der nervenzerfetzende Cliffhanger unserer netten kleinen Geschichte über unseren ersten Patchworkurlaub für alle die aufgelöst, die ein schlafloses Jahr hatten („Stellt sich nur noch eine Frage: Wohin geht es nächstes Jahr?“). [zurück]

Oh Fortuna oder: Dusel g’hett

„Und wenn Du den Eindruck hast, dass das Leben ein Theater ist, dann such Dir eine Rolle, die Dir so richtig Spaß macht.“ (Shakespeare)

Gegessen wird, was auf den Tisch kommt!

Gegessen wird, was auf den Tisch kommt!

Man ist ja bekanntlich viele, und wenn man sich erst einmal auf diesem Planeten reinkarniert hat, sind potenziellen Betätigungsfeldern nur wenige Grenzen gesetzt. So beschließen Fanta und Herzog Ullrich, diesen Sommer mit Brut, Gauklertruppe und Theaterwagen durchs Klabautertal auf der Schwäpischen Alp zu ziehen, um die dortigen Eingeborenen mit Kultur in Form der Commedia dell’arte zu beglücken. Zu diesem Zweck gründen sie kurzerhand die Compagnia Cocolores, werben fremde Menschen an, die dann halt mal LaienschauspielerInnen wären, und funktionieren Hotti, Lotti, Mulle, Rulle und Wulle naheliegenderweise zu Trollen um. Da Fantas und Herzog Ullrichs Plan zudem vorsieht, die Zeit der Tournee gemeinsam in einem recht ansehnlichen Zeltlager zu verbringen, verdingen Chéri und ich uns jenseits des Rampenlichts als Feldköche, schließlich muss das fahrende Volk ja bei Laune und Kräften gehalten werden.

Die Komödie, die mit nicht geringeren Themen als Glück, Liebe, Gier, Hunger und anderen irdischen Zumutungen aufwartet, trägt im Übrigen den klangvollen Titel Oh Fortuna. Als allerdings eine Bekannte der Compagnia Cocolores fragt, ob denn das Stück überhaupt auf deutsch wäre, erwägt man kurz den Alternativtitel Dusel g’hett, um auch den letzten Schwaben hinterm Ofen hervorzulocken. Der Vorschlag wird zwar verworfen, Dusel – oder Fortuna – ist der Truppe dennoch hold. Die Sonne scheint, der Theaterwagen hält (im Großen und Ganzen), und die Fans gehen voll mit: Als die Truppe bei den Proben auf den Klabauterauen ihren Hit Werft die Sorgen über Bord! schmettert, stürzt sich ein vorbeifahrender Kanut direkt selbst in den Fluss.

Die Brut hat das Rumhängstadium erreicht

Auch das Lagerleben gestaltet sich erstaunlich angenehm. Nach zwei Tagen Hitze riskiere ich es meiner Umwelt zuliebe sogar, erstmals einen Fuß ins sogenannte Waschzelt zu setzen, das aus einem Wasserkanister, zwei Plastikschüsseln und zwei Gießkännchen besteht. Abends gibt es Lagerfeuer mit Romaliedern und Dixi-Klo-Blues [1], die Kinder schnuckeln sich auf dem fliegenden Teppich in ihre Schlafsäcke, und als die Perseiden unterwegs sind, liegen wir hochoben auf der Burgruine Hohengundelfingen und zählen Sternschnuppen, die teilweise so groß sind, dass Lotti ein „Alter, war die fett!!!“ entfährt.

Zudem hat die Kinderschar ganz offensichtlich das Rumhängstadium erreicht. Im Gegensatz zu früher streiten, fallen und heulen sie nicht mehr den ganzen Tag, sondern hängen, wenn sie nicht gerade von Fanta oder mir zum Zähneputzen gescheucht oder Aufräumen gezwungen werden, im Pulk herum: im Schatten unter Bäumen, in Hängematten zwischen Bäumen, vor Fantas Piroschka oder im Zirkuswagen von Clown Paul-Uwäh. Dort zocken sie wahlweise Uno oder Werwolf mit dem Capitano, Dotore Baloardo und Matt-Diesel, dem Sohn von Clown Paul-Uwäh.

Siegreich an sämtlichen Fronten

Chéri und ich dagegen hängen wahlweise in unserer Kochjurte herum oder im ortsansässigen Supermarkt, wo wir tonnenweise Nudeln, Sprudel und Taschenlampen jagen und es einmal sogar schaffen, zwei Getränkerückgabeautomaten gleichzeitig lahmzulegen. An der Küchenfront kämpfen wir täglich erfolgreiche Schlachten gegen Hunderte, ach was sage ich, Tausende von Wespen und lassen abends zahllose Salatköpfe rollen für die ausgegaukelten HeimkehrerInnen. Ansonsten versäumen wir als echte Groupies der Compagnia lediglich zwei Vorstellungen: einmal, um von der Klabauter bis zur Tonau und zurück zu radeln, und ein weiteres Mal, um im Freibad heiß zu duschen.

Doch das Theaterleben kennt auch Tiefpunkte, die der Vollständigkeit halber nicht unerwähnt bleiben sollen. So verwandelt sich Herzog Ullrich nach diversen anderen Strapazen in einer ohnehin schon fürchterlichen Gewitternacht in Rumpelstilzchen, das den Capitano und Dotore Baloardo jeweils einen Kopf kürzer macht, da diese ein wenig zu tief in die Rotweinflasche geschaut haben und infolgedessen mit Kampfsportübungen das halbe Küchenzelt einreißen. Glücklicherweise hat Mulle am nächsten Tag ihren 13. Geburtstag, den wir in einem netten kleinen Erlebnispark begehen. Dort stopfen wir uns zunächst voll mit Feuerwehrkuchen, dann gehen wir mit Herzog Ullrich rutschen und anschließend parken wir ihn vor dem Saloon-Westernstand, wo er sich den Frust der letzten Stunden aus der Seele schießen darf. Als wir uns dann noch kollektiv im Spiegelkabinett zum Affen machen, ist die Laune vollends wiederhergestellt. Dusel g’hett!

[1] Der Dixi-Klo-Blues handelt u.a. davon, dass eine Frau namens Barbie die blauen Toiletten schüttelt, um deren Inhalt gleichmäßig zu verteilen. [zurück]

Auf die Pferde!

Wichtige Information vorab

Da Wolverine aka Batman sich im Laufe der vergangenen 23 Monate zum Herzallerliebsten der aktuellen gefledermausert hat, wird er im vorliegenden Veröffentlichungsmedium hinfort nicht mehr als Wolverine auftreten, sondern nunmehr und für alle Zeiten als: Chéri (le vrai). Nur dass hier keine Missverständnisse aufkommen.

Aussichtsreiche Radtouren, herrliche Naturlandschaften

In den letzten drei Tagen machen es sich David Hasselhoff und Pamela Anderson an der Slipanlage gemütlich.

In den letzten drei Tagen machen es sich David Hasselhoff und Pamela Anderson an der Slipanlage gemütlich.

Für die Pfingstferien habe ich mir für unsere entzückende kleine Patchworkfamilie etwas ganz Besonderes ausgedacht: pädagogisch und sportlich wertvolle Radtour zum Podensee, schnuckeliger Bauernhof mit zauberhaften Tierchen (Ponyreiten), aussichtsreiche Touren in herrlichen Naturlandschaften. Mir schwebt ein Urlaub vor, an den vier alle noch im hohen Alter denken werden. Werden wir womöglich auch. Chéri, der bei uns für die Realität zuständig ist und als professioneller Familienhelfer mit der Lizenz zur Freizeitgestaltung glücklicherweise über einige Erfahrung in sozialer Gruppenarbeit verfügt, stutzt das von mir erstellte Programm auf Kindermaße zurecht, setzt ein Zugticket für die erste und schlimmste Etappe durch und verhindert so im Vorfeld womöglich den einen oder anderen Kreislaufzusammenbruch.

Radeln und maulen

Am Bahnhof wirft Lotti erst mal ihr Fahrradschloss auf die Gleise unter den Zug, und weil wir auf Reisegold verzichtet haben, muss sie sich aufgrund der Neigetechnik übergeben. Nach vier Minuten Radeln hat Lotti einen Stein im Schuh. Beide Damen klagen über Mückenstiche und darüber, dass das Kühlgel zu Hause vergessen wurde. Ich empfehle Spucke für die Stiche und verweise darauf, dass es „bei uns“ schließlich auch kein Kühlgel gegeben habe. Lotti kontert, dass sie und ihre Schwester „ja auch nicht aus dem 19. Jahrhundert“ kämen. Nach zwanzig Minuten haben sie keine Lust mehr auf Radfahren und fangen an zu maulen.

So geht es weiter, tagelang. Wir radeln und sie maulen. Auf unserem Bauernhof in Daisydorf, der auf einem steilen Berg außerhalb der Zivilisation liegt, gibt es keine zauberhaften Tierchen, Ponyreiten auch nicht. Außerdem wollen die Grazien lieber eine Villa am See, von wo aus sie direkt zum Shoppen oder Schwimmen können. Als zutiefst überraschend und ungerecht wird zudem empfunden, dass man selbst im Urlaub seinen Teller abräumen muss. Halte ich anfangs gut gelaunt die Schaut-doch-mal-wie-schön-das-hier-alles-ist-Fahne hoch, werfe ich den Damen schließlich bar jeder Contenance vor, dass ich mir das alles aber echt anders vorgestellt hätte und dass ich dachte, sie würden sich freuen – über so einen tollen Radurlaub. Und so. Das Gewitter hilft kurzfristig und sie heucheln sportlichen Ehrgeiz sowie aufrichtiges Interesse an den herrlichen Naturlandschaften.

Freilaufende Riesengehirne

Horrorhasen im Haustierzoo: Streicheln, lachen, staunen.

Horrorhasen im Haustierzoo: Streicheln, lachen, staunen.

Aber es ist nicht alles schlecht. So radeln wir in Ermangelung putziger Tierchen auf dem eigenen Bauernhof in den nächsten Streichelzoo („Streicheln, lachen, staunen“), essen Schnitzel und Lotti entdeckt freilaufende Riesengehirne. Wir schaffen es, die hässlichsten Rastplätze der Welt auszumachen, und Chéri überrascht mich, indem er nicht nur den Radprofi und Routenplaner, sondern auch den Klugscheißer in sich auspackt: Bergauf, bergab referiert er über Höhenmeter, Kraftumsetzung, Hebelwirkung sowie diverse geografische Gegeben- und Besonderheiten („Rhein rein, Rhein raus!“). Wir beobachten Störche und Fledermäuse, zählen Kuhherden und Mückenstiche, überfahren die Schweizer Grenze und besuchen Horny Tawny in ihrer neuen Zwangsheimat.

In der zweiten Wochenhälfte macht dann endlich eine Hitzewelle alleine den Gedanken an jede größere Tour obsolet. Wir lassen uns drei Tage im Strandbad nieder, stopfen uns mit Eis und Pommes voll und bewachen als Baywatch-Team von der Slipanlage aus Hotti und Lotti, die stundenlang kreischend vom Sprungturm in den See hüpfen. David Hasselhoff lässt sich gar zu einer Runde Schweinchen-in-der-Mitte herab. Und am Ende der Woche treibt es mir nahezu die Tränen in die Augen, als Hotti und Lotti sagen: „So schlimm war es gar nicht.“

Nachklapp

Als uns nach unserem Urlaub Hottis Freundin Annika besucht und ich sie frage, ob sie und ihre Familie nicht auch mal mit den Rädern zum Podensee gefahren wären, antwortet sie mit Grabesstimme: „Ja, wir mussten das auch mal machen.“

Family Guy

Family GuyWolverine ist heute selbstverständlicher Bestandteil unserer familiären Lebenswelt, also meiner, Hottis und Lottis. Das war nicht immer so. War ich in der zugegebenermaßen etwas holprigen Anfangszeit unserer Jahrhundertromanze noch recht skeptisch bezüglich der Qualitäten und Mitbringsel dieses X-Man, beeindruckten und überzeugten mich schließlich dann doch dessen an Stoizismus grenzende Hartnäckigkeit, sein selbst gezogenes Gemüse sowie nicht zuletzt ein bahnbrechender Familiensinn. Aufmerksamen Beobachterinnen und Beobachtern hätte das bereits in jener grausligen Anbahnungsphase auffallen können, als Wolvi sich am Ende eines Freiluftkonzerts mit maximalem Körpereinsatz die damals 7-jährige, dennoch riesige und schlafschwere Lotti über die Schulter wuchtete und zu meinem Auto bugsierte. Ich jedoch verbuchte diese Heldentat damals lediglich schnöde und hartherzig unter berechnendem Balzverhalten eines bemitleidenswerten Verliebten auf dem Holzweg.

Familienhilfe 24/7

Inzwischen bestreitet der X-Man mit der Lizenz zur Freizeitgestaltung an meiner Seite unerschütterlich Kindergeburtstage in Spaßbädern, Bowlingcentern und Eislaufhallen, Weihnachtsfeste unter Nordmanntannen sowie Zirkusaufführungen und damit einhergehende Krankenhausbesuche. Heimlich organisiert er mit mir Weihnachtsgeschenke für die Kinder und mit denen wiederum welche für mich. Er koordiniert und synchronisiert Freizeitaktivitäten meiner Brut mit denen seiner eigenen Familie, um alles irgendwie unter einen Hut zu bringen, und schafft sich Katzen an, nicht nur, um uns beide zu stolzen und glücklichen Katzeneltern zu machen, sondern auch, um mit diesem Patchwork-Trojaner Hotti und Lotti zu becircen und öfter nach Zenhausen zu locken. Dort überlässt er ihnen ein eigenes Zimmer, das sie nach Belieben mit Selena Gomez und anderen Größen des aktuellen Pophimmels plakatieren dürfen.

Wenn es Hotti oder Lotti wochenends einfällt, sich trotz Wolvis Anwesenheit in mein Bett zu quetschen, klemmt er sich an die Wand unters Fenster. Im Sommer lässt er sich von den zwei Grazien an der wünderschönen Blumen-Beton-Riviera zwischen Sonnenschirmen und Strandmatten im Sand vergraben, und als die beiden den Ferienbus zur Waldheimbespaßung verpassen, chauffiert er sie allen Ernstes mit dem Auto hin, während ich meinem Hobby Erwerbstätigkeit fröne. Er kennt sämtliche Namen der Kinder meiner Freundinnen sowie die Namen von Lottis Freundinnen auswendig (Hotti bringt keine mit nach Hause, ich bin zu peinlich), und als unsere heißgeliebte Horny Tawny in Ermangelung öffentlicher Gelder unsere kleine Lokalredaktion verlassen muss und zum Abschiedsumtrunk lädt, ist es Wolvi, der zu Hause die Brut ins Bett scheucht. (Zudem dekoriert er neuerdings, mutmaßlich um die Hausfrau in mir bei Laune zu halten, meine Küche mit Prilblumen.)

Maggie Thatcher, die Queen und ein Eiswürfel

Sonntags fährt Family Guy Jugendzimmermöbel durch die Gegend, montags ist er fest gebucht für die Schlammschlachten des familiären Abendessens und seine Freitagabende verbringt er mittlerweile eingepfercht zwischen Hotti, Lotti und mir auf unserem viel zu kleinen Küchensofa, um sich den großen Kanon der Kinderfilme zu geben. E.T., Ottos 7 Zwerge und sämtliche Shrek-Filme haben wir schon durch. Wollen wir mal nicht hoffen, dass er wie Shrek in Teil 4 eines Tages einen Vertrag mit Rumpelstilzchen abschließt, in dem er seine verlorene Freiheit gegen den Tag eintauscht, in dem er mich und meine Brut kennenlernte.

Und die Brut? Zeigte Hotti sich anfangs noch einigermaßen skeptisch, weil sie ja kein Problem mit Wolvi an sich, jedoch mit seiner Rolle in unserem royalen Haushalt hätte, siegten bei meiner Teenietusse Nr. 1 in der Zwischenzeit Sympathie und ein gewisser Pragmatismus: Wolvi = entspannte Mutter sowie Wolvi = Urlaub. Lotti dagegen weiß noch nicht so recht. Ihm gegenüber benimmt sie sich wie ein Konglomerat aus Maggie Thatcher, der Queen und einem Eiswürfel. Zwar lässt sie sich bereitwillig von ihm zu Events bei seiner Familie kutschieren, ein proaktives Guten Morgen ihrerseits wäre jedoch schon wieder zu viel verlangt. Immerhin hat sie sich heute dazu herabgelassen, sich nach seinem Gesundheitszustand zu erkundigen, nachdem er gestern krank für sie und ihre Geburtstagsgäste das Taxi gespielt hat.

Und ich? Beende diese Hymne auf meinen Family Guy mit Fantas Jubelruf, als sie vernahm, dass wir die montäglichen Abendessen zu institutionalisieren gedächten: „Hurra – du willst einen Mann an deinem Tisch!!!“

Superpep und Reisegold

Was Ma Baker und der SysOp können, können wir schon lange und setzen sogar noch einen drauf: Wir haben uns nämlich nicht nur als Deutsche unter Deutschen im mediterranen Ausland herumgetrieben, nein, wir haben sogar noch die Patchwork-Nummer hingelegt. So bereiten mein persönlicher X-Man und ich Hotti und Lotti so früh wie nötig und so pädagogisch-wertvoll wie möglich auf die ersten gemeinsam zu verbringenden Ferien vor, was durchaus die eine oder andere Vertrauenskrise mit sich bringt. Als es Wolverine beispielsweise nicht auf Anhieb gelingen will, den Urlaubsort auf Google Maps zu lokalisieren und vorzuführen, meint Lotti: „Du musst schon wissen, wo du hinfährst, sonst fahre ich nicht mit.“ Auch dass man mit Google Street View zwar durch die angepeilte Ortschaft, jedoch (noch) nicht in die dortigen Häuser laufen kann, schreibt meine Zweitgeborene Wolvi höchstpersönlich zu und nicht den derzeitigen technischen Gegebenheiten.

Quickfix von der Heimatfront

Als die Reise näherrückt, lasse ich mich, geschult durch vergangene 15-stündige Autofahrten mit Lotti und mental unterstützt von Dr. Sprite, Horny Tawny und Mr. Matrix, in der Apotheke in Sachen Reiseübelkeit bei Kindern beraten. Die nette Apothekerin hat gleich zwei tolle Produkte auf Lager mit den klangvollen Namen Superpep und Reisegold, beide enthalten den gleichen Wirkstoff. Bei Superpep handelt es sich um ein Kaugummi, Reisegold hingegen ist eine teilbare Tablette mit der doppelten Dosis. Nachdem mir die Apothekerin glaubhaft versichert hat, dass beide Präparate durchaus legal und die jeweils sedierten Kinder noch immer wieder aufgewacht seien, entscheide ich mich für Reisegold, das passt auch viel besser in unseren royalen Haushalt.

Die Hinfahrt verläuft recht unspektakulär. Lotti beschimpft ihre große Schwester, bis ihr dank Reisetabletten die Augen wegrutschen und sie einschläft, und Hotti, die Bücher früher nicht mit der Pinzette angefasst hätte, verschlingt eine Vampirschnulze nach der anderen. Als wir ankommen, ist das ruhiggestellte Kind zwar schläfrig, aber lebendig. Die erste Woche verbringen wir mit 14 anderen netten Menschen in einem piemontesischen Haselnusshain (von wegen Piemontkirsche), und wider Erwarten dreht nicht Lotti durch, was sie hin und wieder ja recht gerne und ausgiebig tut, weil sie irgendetwas Unmögliches will bzw. Mögliches oder Gebotenes nicht will, sondern ich, weil Lagerkoller. Durch ein Quickfix per SMS von Ma und Fanta bekommen wir die Situation allerdings relativ zügig wieder in den Griff (ein herzliches Dankeschön noch einmal an dieser Stelle).

ALLES VOLLER SEEIGEL!!

In der zweiten Woche verlassen vier alle die Riesengruppe und fahren als neuer Stern am Patchwork-Himmel an die Blumenriviera in eine nette kleine Ferienwohnung in einer idyllischen abschließbaren Wohnanlage direkt an der Autobahn, unter unserem Balkon gähnt eine Baugrube. Stante pede fange ich an, mich zu entspannen, während nun Hotti und Lotti Gas geben und sich alles heißen, was ihnen den lieben langen Tag so einfällt („DU DUMMES KIND!!!“). Nichtsdestotrotz schmeißen wir uns gut gelaunt in unsere Badesachen und fahren raus aus der Schließanlage, runter ans Meer. Dort angekommen, stellen wir fest, dass wir unser gesamtes Strandequipment zu Hause vergessen haben. Also kaufen wir noch schnell einen Sonnenschirm, eine Schwimmbrille für Lotti und ein Kopftuch für mich, rollen zwischen unzähligen anderen deutschen Familien (sic!) routiniert unsere Badematten aus und machen es uns gemütlich. Hotti, Lotti und ich sind tatsächlich erst mal zufrieden, nur unser X-Man schaut jetzt etwas unglücklich aus der Badehose, konnte er diese Urlaubsform die letzten Jahrzehnte doch glücklich umschiffen. Und dass man mit uns drei Grazien nicht mal ohne ein Jenseitsgekreische („DA SIND SEEIGEL!!“ „SCHEIßE, DA IST JA ALLES VOLLER STEINE!!!“ „JETZT ZERRT NICHT DAUERND SO AN MIR RUM!!!!!“ „MAAAMMMAAAAAA, ICH HAB AAAAAANGST!!!!!!!!!!!!!!“) auch nur eine klitzekleine Runde durch eine harmlose Bucht im Mittelmeer schwimmen kann, macht es nicht so richtig besser.

Aber auch diese Hürde nehmen wir ebenso superpeppig wie würdevoll, schließlich haben wir schon ganz anderes gemeistert und Superhelden sind ja ohnehin so etwas wie Berufsoptimisten. Künftig schlagen wir unser Lager auf den Felsen im Meer auf, Hotti und Lotti beschimpfen sich zehn Meter entfernt von uns auf ihrem eigenen Stein, und ich gehe einfach nicht mehr mit ins Wasser. Farblich sortierte Bezahlliegeplätze, heruntergekommene Hotels, verfallene Gewächshäuser sowie pubertäre Unflätigkeiten („WARUM MÜSSEN WIR UNS SCHON WIEDER SO EINE BESCHEUERTE STADT ANGUCKEN????“) blenden wir aus und deeskalieren situationsadäquat mit Cappuccino, Eis, Bier und Pizza. Stellt sich nur noch eine Frage: Wohin geht es nächstes Jahr?

Der Sauberberg

Wolverine hat einen Gutschein für vier Tage Extremwellnessen im Piperacher Quarkhotel gejagt, von dem ich mir nach einer Woche mit einer Magen-Darm-kranken Lotti, einer heiser röchelnden, vorpubertären Hotti sowie einer ausufernden Sisyphos-Orgie an der Home-Office-Front maximale Erholung und mindestens ewige Jugend verspreche. So stopfen wir den Kofferraum bis obenhin voll mit Bademänteln, Plastiklatschen, Wanderstiefeln, Joggingschuhen, Laptop, Büchern, Hörspielen und Schokokeksen, meine alltags festgewachsene Armbanduhr hingegen vergesse ich Freud sei Dank zu Hause.

Alles will, ich muss nichts

Bestehend aus Unterkünften, Familienbad, Thermal- und Salzwasserbecken, Saunadorf und Betreutem Wohnen ist das Quarkhotel am Hang des Piperacher Sauberbergs ein Mikrokosmos für sich, und es dauert eine ganze Weile, bis ich auf dem Weg in die Schwitzhütten nicht mehr ins Betreute Wohnen abbiegen will. An der Rezeption werden wir als erstes mit Chips für die wunderbrare Wellnesswelt ausgestattet. Sie sehen aus wie Uhren ohne Zifferblatt, und ich liebe es, mehrmals täglich einen Blick darauf zu werfen und ordentlich „HAAha!“ zu denken. Als nächstes schmeißen wir den Kofferrauminhalt in unsere Royal Suite, reißen uns die Kleider vom Leib, werfen unsere Luxuskörper in Bademäntel und -latschen und schlappen los in Richtung Saunawelt. Um die Vorfreude auf selbige noch auf die Spitze zu treiben und den Kontrast von Alltag und Urlaub aufs Äußerste auszureizen, hatten die Architekten des Bades die grandiose Idee, die Saunagäste zunächst durch weitläufige Familienplanschlandschaften zu leiten, wo es unentwegt und allerorten in schrillen Frequenzen quietscht, kreischt, streitet, kleckert und will, egal ob Pommes, Eis, die Schwester hauen, noch mal rutschen oder alles auf einmal, und es ist einfach schön zu sehen, was man gerade alles nicht muss.

Augen, Nasen, Popos

Das Saunadorf besteht aus einem Außenbereich mit gemeiner Finnensauna, abwehrstählendem Heustadel und beruhigender Kräuterhütte sowie einem Innenbereich mit gemeiner Finnensauna, esoterischer Softsauna (Lichtorgel und Indiandergedüdel) und feucht-fröhlicher 75°-Vitalsauna, was spontan die Frage aufdrängt, ob es im Gegenzug auch eine 195°-Lethalsauna gibt. Verbunden werden Innen und Außen durch ein großes, warmes Planschbecken, in dem Menschen träge wie Nilpferde tiefenentspannt vor sich hin treiben, aus dem Wasser ragen lediglich Augen, Nasen und manchmal noch das Hinterteil. Auffällig dabei ist vor allem die erstaunlich hohe Quote verschnuckelter glücklicher Pärchen. Zahlreiche faule Frauen hängen im Becken schwer auf den Rücken ihrer Männer herum und lassen sich im wahrsten Sinne des Wortes abschleppen oder auch mal vor die Massagedüse drücken. Deren Ehrgeiz wiederum scheint hauptsächlich darin zu bestehen, ihre Nilpferdfrauen durchs Wasser zu ziehen und wahlweise Kaffee, Bier, Schokokekse oder freie Wasserbettenplätze zu jagen. Vielleicht ist auch nur irgendwas im Chlorwasser, aber so viel geballte Glückspärchi-Harmonie bekommt man in keiner langen Einkaufsnacht in keiner Shopping Mall der Welt zu sehen, im Gegenteil. Abends gehen wir ins hoteleigene Restaurant Frankenstein, wo Wolverine ein australisches Flankensteak verzehrt und ich ein vegetarisches Asia-Nudelgericht, doing gender auch hier.

An Tag 2 spiele ich mit dem Massageprospekt und dem verwegenen Gedanken, mir wahlweise eine Kopf- oder eine Rückenmassage zu leisten, und weil ich mich nicht entscheiden kann, ob ich eher der verkopfte oder der verspannte Typ bin, suche ich den Maestro höchstselbst auf, um ihn zu fragen, was denn so das Richtige sei bei meiner hochsensiblen und -speziellen Konstitution. Der Maestro, Wolfgang Taler, sieht genau so aus wie im Prospekt: verstrahlter Hippie mit Schnauzbart, Knochen-Muschel-Kette und rosa Lotusblütenhemd. Mit verwirrenderweise italienischem Akzent meint Wolfgang, heute gebe es nur noch zwei Termine, und die seien Lomi Lomi und doppelt so teuer, aber morgen sei dann alles wieder normal. Das sind doch mal Sorgen! Ich verschiebe das Schmankerl auf den morgigen Tag, bis dahin kann ich dann auch noch in Ruhe darüber nachdenken, was das vorherrschende Problem ist, meine Verkopft- oder Verspanntheit.

„Wie wär’s denn mit denen?“

Nach zwei Tagen exzessiven Vor-uns-Hinschrumpelns und Mit-den-Zehen-Wackelns wird es an Tag 3 Zeit, sich neuen Herausforderungen zu stellen, und wir machen uns auf nach Piperach City, Städtchen anschauen und Souvenirs für meine Brut ergattern. Außerdem braucht Wolverine Schuhe, und ich brauche keine zwei Minuten, um überzeugend die Mutternummer zu machen: „Wie wär’s denn mit denen?“ Als direkt im Anschluss „Probier doch mal die!“ aus mir herausbricht, setze ich mich schockiert weit weg und denke an Horny Tawny, die mir einst riet, für jeden gekauften Kinderschuh ein Bier zu trinken und zwar noch im Laden. Wir starten einen zweiten Versuch in einem weiteren Laden, und als Wolvi den ersten Schuh anprobiert und ich allen Ernstes „Lauf doch mal ’ne Runde!“ sage, verziehe ich mich ebenso erschüttert wie unaufgefordert in die Damenabteilung, wo ich mir anstelle der geplanten Kopf-oder-Rücken-Massage zwei Paar Blümchen-Sommerschlappen rauslasse. Abgesehen von der akuten Deeskalation deucht mir auch der Entspannungseffekt ein deutlich langfristigerer. Wolverine findet überraschenderweise auch ohne mich und meine mütterliche Unterstützung zu neuem Schuhwerk, und dann ist es auch schon wieder Zeit fürs Mittagessen. Nach all den Strapazen der Real World kehren wir zurück in den sicheren Mikrokosmos des Sauberbergs mit seinen Honigmatschesalzaufgüssen, Wasserbetten und Nilpferdbecken. Die Andenken habe ich vollkommen vergessen.

Aber Tag 4 ist auch noch ein Tag, und an diesem wackeln wir noch kurz in die ans Quarkhotel angegliederte Sinn-Welt, wo ich schließlich Drehorgeln und Himbeerbonbons für Hotti und Lotti sowie 500 Gramm Sinn für mich erstehe. Was wir ihnen außerdem mitbringen, sind zwei praktische Schilder mit der Aufschrift „Bitte Zimmer aufräumen“, die ich ihnen bei Bedarf an ihre Türklinken hängen kann. Erschöpft von dieser weiteren Erledigung machen wir ein letztes Mal die Nilpferdnummer und fliegen dann heim ins Reich der Arbeit, der Kinder und der Kleidung. Mein persönliches Fazit: Nieder mit den Shopping Malls, Heustadel für alle!

Oma Highspeed

Der Kosmos meint es derzeit gut mit mir. So bin ich aktuell nicht nur vom einen oder anderen Superhelden umgeben, sondern auch von einem Haufen wohlmeinender Feen, die keine Wünsche offen lassen. Die eine vermietet mir meine neue Traumwohnung zu einem für Lingendinger Verhältnisse mehr als fairem Preis und spendiert mir nächstes Jahr möglicherweise einen schicken Ostbalkon für meinen Morgenkaffee. Eine andere stabilisiert mich nachhaltig beim Nikotinentzug, indem sie mir keine Zigaretten gibt, auch wenn ich noch so hartnäckig auf Holzscheiten knieend im Schlamm vor ihr herumrutsche. Die nächste zaubert mitten im Umzugsirrsinn für Fanta, mich und unsere Sippschaft ein mediterranes Menü und spendiert tütenweise Haute Couture für die Mädels, eine weitere wiederum will mir günstig ihren Trockner vermachen. Und dann ist da noch die beruflich pensionierte, politisch jedoch hyperaktive Oberfee mit dem langen grauen Zopf, die Frauengeschichte schreibt, keine S21-Demo auslässt und nicht nur meine Wäsche vor heraufziehenden Gewittern in Sicherheit bringt, sondern sie neuerdings auch noch ordentlich zusammengelegt vor meine Tür stellt.

Batman oder Superman?

Ihr entgeht im Übrigen: Nichts. So macht sie mich darauf aufmerksam, dass ich vor einer Minute Fantas Auto leider auf dem Handwerkerparkplatz abgestellt habe und dieses doch bitte umparken möge, dass ich wiederum die Scheibe meines eigenen Fahrzeugs auf der Fahrerseite offen gelassen habe und dass ich gestern Abend entweder Besuch gehabt oder sehr laut telefoniert habe, wobei sie breit grinsend versichert, dass sie selbstredend „kein Wort!“ verstanden habe. Sie hat mittlerweile herausgefunden, dass mein W-LAN Lady Blabla heißt und verrät mir im Gegenzug, dass sie Highspeed wäre. Neulich fängt sie mich mit hochgezogener Augenbraue auf der Treppe ab und sagt mit tiefer Stimme: „Ich habe übrigens Deinen Blog gelesen!“ Noch nicht einsortieren könnend, ob das jetzt gut oder schlecht für mich und unser künftiges nachbarschaftliches Verhältnis ist, kontere ich betont lässig: „Ah ja?“ Darauf sie: „Und wer war das jetzt neulich morgens: Batman oder Superman?“

Darüber hinaus hat sich die Highspeed-Fee kurzerhand zur Vize-Oma für Hotti und Lotti erklärt. So scheucht sie drei Wochen lang meine Brut zum morgendlichen Bus in die Dreckspatzen-Ferienbetreuung, während ich bereits in aller Herrgottsfrühe vollkommen egoman meiner Berufstätigkeit und Selbstverwirklichung in der Landeshauptstadt fröne. Sie beglückt uns mit Apfelmus und Marmelade, Gurken, Brombeeren und Holunderblütensirup, und sie vollbringt sogar das Wunder, die granatensture Lotti dazu zu bewegen, ihr Fahrrad in den Schuppen zu schieben oder sich einen Sonnenhut aufzusetzen, wenn ich mir diesbezüglich schon den letzten Zahn an diesem Esel von einem Kind ausgebissen habe. Und jüngst hat sie beschlossen, für meine Nachkommen Genossenschaftsanteile zur Finanzierung von Mikrokrediten zu erwerben. Ich rechne fest damit, dass sie mir in naher Zukunft zwinkernd drei Haselnüsse in die Hand drücken, dreckig lachen und sagen wird: „Aber um Mitternacht bist Du zu Hause!“

Feuerlauf

Zu meinem diesjährigen Geburtstag schenken mir Ma Baker und der Sysop eine Herausforderung in Form eines Feuerlaufs. Zuerst freue ich mich, dann fürchte ich mich, und dann geht es los, hoch auf einen kleinen Bauernhof auf der Alb. Als Ma und ich ankommen, drückt uns die leitende Oberhexe tonnenweise Lebensmittel in die Hand, die wir in die Kühl- und Küchenschränke sortieren dürfen, und ich bin beruhigt: Wir werden vielleicht verbrennen, aber nicht verhungern, und es gibt sogar jede Menge Waffelröllchen. Dann trommelt uns die Oberhexe zusammen, wir stellen uns vor, erhalten erste Instruktionen sowie die Ankündigung, dass sich der Bauer, dem der Hof gehört, nach getaner Arbeit zu uns gesellen wird, und bekommen Obst und Kekse. Danach schleppen wir ungezählte Holzscheite zu einem Scheiterhaufen auf der Wiese, legen mit Klappern, Klicken und Klacken unsere Ratio lahm, dann gibt es Kaffee und Kuchen, und nach weiteren Kopfausschaltspielchen und innerer Sammlung ist es auch schon wieder Zeit fürs Abendessen.

Ein anderes System übernimmt die Steuerung

Als es langsam dämmert, entzünden wir mit Zeitungsfackeln den Scheiterhaufen, gehen ein letztes Mal nach drinnen, bekommen finale Instruktionen, und dann wird es ganz still. Wir gehen nach draußen, stellen uns im Kreis um das Feuer, das mittlerweile nahezu heruntergebrannt ist. Wie angekündigt stößt der Bauer zu uns, er steht im Kreis neben mir, auf meiner anderen Seite steht eine kleine blonde Frau. Ein anderes System übernimmt die Steuerung, und ich will nur noch eins: ins Feuer, und zwar sofort. Vorher gilt es allerdings noch einen Holzpfeil mit dem Hals zu durchbrechen. Damit hatte ich jetzt nicht gerechnet, und ich möchte auf der Stelle nach Hause. Was, wenn es bei mir nicht funktioniert und ich der volle Feuerlaufholzpfeildurchbrecherloser bin und alle schauen zu? Noch blöder wäre es allerdings, meinen Pfeil heimlich, still und leise anderweitig zu entsorgen und mir so meinen eigenen Feuerlauf zu versauen. Also klemme ich mir mit zitternden Händen den Pfeil zwischen mein Halsgrübchen und ein Holzbrett, das die Oberhexe hält, atme dreimal tief ein und aus und zersplittere das Ding sauber in der Mitte. Und alle schauen zu.

Respekt!

Danach verteilt die Oberhexe die glühenden Kohlen zu beiden Seiten der zu laufenden Bahn. Als wir nacheinander noch einmal mit einem Rechen durch die Glut haken, versengt mir die Hitze fast Gesicht und Jeans. Respekt. Und dann ist es soweit, wir stehen im Kreis und halten uns an den Händen. Der Erste löst sich aus dem Kreis, hält vorm Glutteppich kurz inne und läuft dann mit bloßen Füßen darüber, als wäre es nichts. Einer nach dem anderen läuft, und plötzlich spüre ich, wie der Bauer neben mir anfängt zu vibrieren wie eine Rakete vorm Start, und dann läuft auch er. Kurz darauf zündet die kleine blonde Frau auf meiner anderen Seite und läuft. Und dann laufe ich, laufe über 900 Grad heiße Glut, und es ist wunderschön. So wunderschön und leicht wie bisher weniges in meinem Leben. Mit festen Schritten laufe ich über die Bahn aus glühenden Kohlen, und als ich anschließend an Ma vorbeilaufe, schüttle ich fassungslos und glücklich den Kopf. Ich reihe mich wieder in den Kreis ein, schaue zu, wie wir alle übers Feuer laufen, einer nach dem anderen, wieder und wieder. Dann laufen wir zusammen, in Zweier- und Dreiergruppen, auch Ma und ich, wir laufen für uns, großartige Wunderbra-Artikel und das Leben als solches.

Wiiiuuuuuuuuuuuuuuuuuuuu

Und dann ist es vorbei. Es ist mitten in der Nacht, es gibt beruhigenderweise noch einmal jede Menge zu essen, und ich bin nicht sicher, ob wir übers Feuer gelaufen sind oder LSD genommen haben. Ma und ich verabschieden uns, rauchen eine letzte Zigarette unter einem gigantischen klaren Nachthimmel, eine gestochen scharfe Mondsichel, eine riesige Venus und unzählige andere Sterne leuchten strahlend hell über unserem Bauernhof, und es herrscht unendliche Stille. Die äußere Welt dagegen gestaltet sich als maximal materieproblematisch und sperrig. Nach drei Anläufen gelingt es mir, die Autotür zu öffnen und meinen Rucksack auf der Rückbank zu verstauen, und ich bin sehr froh, dass Ma die Straßenverkehrsordnung im Griff hat und in der Lage ist, unser kleines Raumschiff sicher nach Hause zu fliegen. Als auf der Schnellstraße nach Lingendingen ein anderes Raumschiff mit Lichtgeschwindigkeit und einem pfeifenden Wiiiuuuuuuuuuuuuuuuuuuuu an uns vorbeirast, realisieren wir, dass sich unser Fahrtempo quasi im Minusbereich befindet.

Als ich am nächsten Morgen aufwache, bin ich nicht sicher, ob das alles nur ein Wahnsinnstraum war. Und dann schaue ich mir meine Füße an, und sie sind kohlpechrabenschwarz. Ohne eine einzige Brandblase. Eins steht nach diesem Abend fest: Wir können mehr.