New Cat in Town

Miezmiezmiez!!!

Miezmiezmiez!!!

Wir haben Nachwuchs: Putze und Messie, zwei entzückende adoleszente Katzendamen, die wir bereits im letzten Jahr bei Chéri einquartierten und nun, da letzterer just von seinem Landwohnsitz in unseren Kiez nach Lingendingen gewechselt ist (Wunderbra wird berichten), bei Hotti, Lotti und mir hausen. Die Kinderschar war im Vorfeld schon ganz aufgeregt und malte sich aus, wie schön das würde, wenn die Miezen endlich bei uns wären und wie süüß und wie niiiedlich, und man könnte streicheln und füttern und herumtragen, und sie würden schnurren und maunzen und schnurren, und nachts würde man die Kinderzimmertüren auflassen und die Miezen würden zu ihren Füßen oder auf ihren Bäuchen nächtigen, blühende Haustierlandschaften.

Draußen vor der Tür

Bei ihrer realen Ankunft stellen wir Putze und Messie in Lottis Zimmer und umzingeln zu viert ganz entspannt den Korb, aus dem beide Katzen mit weit aufgerissenen Augen herausstarren. Als zehn Minuten später Messie in Zeitlupe eine Pfote aus dem Korb setzt, stürzen sich Hotti und Lotti mit beruhigenden Worten auf sie: „HAALLLLOOOO MEEESSSSIIIIIIEEE!!! KOMM HEEER, KUCK MAL, FANG DIE MAUS!!!“ Sie wollen nur spielen. Putze schleicht zügig und geduckt in die hinterste Ecke unter Lottis Bett und glotzt für die nächsten Stunden mit Kulleraugen zu uns, die wir abwechselnd auf allen Vieren vorm Bett liegen und sie herauszulocken versuchen. Schließlich kommt das erste Fressie, das erste Pipi, sie schnurren und schmusen und vier alle sind mächtig stolz auf unsere lieben Kleinen, wie überaus gefasst sie den Transfer vom Land in die Stadt genommen haben.

Nach der ersten Nacht allerdings stehen Putze und Messie vor verschlossenen Kinderzimmertüren. Lotti berichtet am Morgen mit tiefen Ringen unter den Augen, dass die Katzen in der Nacht aus dem Stand ihr Hochbett angesprungen hätten (glücklicherweise schläft sie unten), nur um wieder herunterzuhopsen und das Ganze zu wiederholen. Messie kämpfte mit dem Teppich und kaute ihn durch, Putze wiederum wurde gesehen, wie sie ihr Stoffkörbchen durchs halbe Zimmer schob. Hotti sieht auch nicht viel besser aus und ergänzt, dass Messie ihren Engelsflügel (aus Vogelfedern) an der Wand traktiert hätte, während Putze erst ihr Hochbett erklomm und dann jämmerlich maunzte, weil sie angeblich nicht mehr herunter konnte.

Miezmiezmiez!!!

Und auch sonst akklimatisieren sich die beiden Damen recht schnell. Sie inhalieren tütenweise Nass- und Trockenfutter, spielen Fußball mit Teebeutelpapieren, schlafen auf dem Küchentisch, wuseln zwischen Füßen herum, und wenn ich das Katzenklo saubermache, schauen sie zu, um, wenn ich fertig bin, noch in meinem Beisein direkt erneut ihr Geschäft zu verrichten. Außerdem sitzen sie auf Fensterbänken und beobachten vorbeispazierende Hunde, hauen ab ins Treppenhaus oder latschen über die Küchenzeile. Was will man auch machen den ganzen Tag, wenn einen diese Irren plötzlich einsperren?

Dann kommt der große Tag: Putze und Messie dürfen das erste Mal das Haus verlassen und ihr neues Revier erkunden. Zu diesem Zweck setzen Hotti, Lotti und ich sie ans Badfenster, von dem aus es auf das Schuppendach geht. Messie steigt vorsichtig nach draußen, Putze drückt hinterher, und dann bleiben beide versteinert hocken, den Schwanz sorgsam um die Vorderpfoten gelegt. Dann Pause. Nichts, nur zuckende Ohrmuskulatur. Etwa drei Minuten später rasen sie wie der geölte Blitz in Lottis Zimmer, unters Bett, und erholen sich von ihrem wilden Abenteuer. Da habe ich jetzt schon ein bisschen mehr erwartet. Also locke sie noch einmal hervor und schiebe sie durch Lottis Fenster nach draußen. Und dann legt es bei ihnen einen Schalter um und weg sind sie. Früher fand ich es immer besonders entwürdigend, wenn ich Leute mit Fressnäpfen klappernd an Fenstern und Türen habe stehen sehen, wie sie unsägliche Namen in die Straße riefen und ihre entlaufenen Katzen mit allen möglichen dämlichen Geräuschen ins traute Heim zurückzulocken versuchten. Diese Blöße würde ich mir niemals geben. Als Chéri nach Hause kommt und die Lage überreißt, holt er Schüsselchen und Löffelchen aus der Küche, stellt sich auf den Balkon, klappert und ruft im Chor mit mir: „PUUUTZEEE! MEEESSSIIIIIIEE!! KO-HOMMT, FREEESSSIIIIIE!!! MIEZMIEZMIEZ!!!“ Und tatsächlich: Sie kommen von sonst woher angaloppiert und rasen vor unseren Augen auf die Bäume im Garten. Sie rasen wieder runter und verschanzen sich unter Autos. So rutschen Chéri und ich auf Knien vor dem Auto der Nachbarin herum und klappern und locken. Schließlich gelingt es uns, beide Damen einzutüten und sicher in den Katzenknast zurückzubefördern. Sag niemals nie.

Apropos Weihnachten

„Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.“
(Engel Lotti, Krippenspiel Weihnachten 2013)

Im Gegensatz zu ihrem sonstigen Gebaren entscheidet sich Lotti gegen Ende des Jahres den Engel zu geben, zumindest im Krippenspiel der ortsansässigen Kirchengemeinde. Ich begrüße das aus mehreren Gründen und, Wunder über Wunder, erklärt sich der Hotti-Lotti-Papa bereit, den nicht ganz eingängigen Text mit unserer Zweitgeborenen einzustudieren („Er kam in diese Welt, in sein Eigentum, und die Seinen nahmen ihn nicht auf.“) sowie auch gleich ein Paar Engelsflügel zu organisieren. Und da wir den diesjährigen Heiligen Abend mit der aus Neukamerun zurückgekehrten Fanta samt Mulle, Rulle und Wulle, ihrem neuen Clown und Herzog Ullrich sowie Oma Highspeed und Wolverine, ehemals Batman [1], begehen werden, finden wir uns alle am Nachmittag des 24. Dezember im Familiengottesdienst der Ullrichkirche wieder. Ich darf zwischen dem Hotti-Lotti-Papa und Wolverine sitzen, Weihnachten, das Fest der Liebhaber.

Hört der Engel helle Lieder

Draußen wird es allmählich dämmrig, drinnen breitet sich Stille aus. Pfarrer Cyborg spricht einleitend ein paar besinnliche Worte, dann beginnt das Krippenspiel. Lotti und zwei weitere Engel schweben zum Altar, mutterstolz und erwartungsvoll blicke ich nach vorne. Inbrünstig leiern die Engel ihren Text herunter („Er ist den (!) Weg und die Wahrheit und das Leben, niemand kommt zum Vater denn durch ihn.“) und röhren dann ein derart schiefes Halleluja ins Mikrofon, dass die Gemeinde kollektiv in unterdrücktes Gekicher verfällt. Fürchtet Euch nicht, denn siehet, ich verkündige Euch große Freude, die allem Volke widerfahren wird! Oh ja, und noch einmal: Halleluja! Ich distanziere mich innerlich von den Gesangskünsten meiner Tochter und verschwinde äußerlich unter meiner Kapuze.

Nach dieser kirchlich-kulturellen Erbauung begeben wir uns alle in Fantas neue Kaserne, wo wir mit zwei Raclette-Geräten älteren Datums binnen Minuten dauerhaft die Stromversorgung der gesamten Wohnung lahmlegen. Herzog Ullrich und Fanta kriechen im Dunkeln auf allen Vieren durch die Wohnung und fixieren Verlängerungskabel mit Gaffaband, bis Wolverine endlich irgendwelche Kerzen angezündet hat, die Kinder kreischen: „Das Licht ist aus!!!“ und Highspeed ruft vom Sicherungskasten aus: „Ich hab hier so gemacht!“. Fanta strahlt: „Hach, Weihnachten kann so aufregend sein!“

Familie Hoppenstedt wäre blass vor Neid

Nach Wiederherstellung des Stromkreislaufes transferieren Wolverine und ich kistenweise Geschenke von Fantas Schlafzimmer unter den von Highspeed, Lotti und mir gefällten Weihnachtsbaum, Familie Hoppenstedt würde in jeder Hinsicht blass vor Neid. Wir versammeln uns rund um den Raclette-Grill, wobei die lieben Kleinen locker den Lärmpegel einer Rock-am-Ring-Veranstaltung erreichen. Sie essen nur Mais, und für den Einkaufszettel im nächsten Jahr notieren die lieben Großen „mehr Mais“ und „Ohrenstöpsel“. Als wir abräumen, bemerkt Rulle, dass ihre Großeltern dieses Jahr gar nicht anwesend sind („Wo sind eigentlich Urmel und Elsa?“) und Tinkerbell, die heuer anstelle der abwesenden Großeltern mit uns feiert, stellt fest, dass „wir dieses Jahr echt schnell für ein Käsefondue waren“. Wir sind eben alle nicht mehr die Jüngsten.

In Ermangelung eines metallenen macht Highspeed das bezaubernde humanoide Weihnachtsglöckchen („Dingdingdingdingding!!“), und die Kinderschar stürmt bis an die Zähne mit Blockflöten bewaffnet die festliche Stube. Hotti übernimmt die Moderation und fordert aktive Publikumsbeteiligung: „Um Mitsingigkeit wird gebeten!“ Fanta und ich greifen zu unseren eingestaubten Altflöten, Herzog Ullrich rundet das Gesamtarrangement mit Ukuleligkeit ab. Danach werden noch diverse andere Weihnachtshits mehr oder weniger textsicher geschmettert, und dann gibt es eine schöne Bescherung: Die Kleinen bekommen ihre sehnlichsten Herzenswünsche erfüllt (Nähkurs, Monster High, Meister Yoda), die Großen auch (alles Mögliche) und ich ebenfalls (Das Buch der Queen, Skeletteierwärmer mit Hut, Discokugel, Landfrauenkalender). Besondere Erwähnung finden soll an dieser Stelle die Weihnachtskarte, die Rulle für mich schrieb:

„Liebe aktuelle,
ich freue mich, dass ihr mit uns Weihnachten feiert. Apropos Weihnachten: Frohe Weihnachten
Deine Rulle“

Und dann machen wir es uns gemütlich.

[1] Aus Gründen kam es zu einer Umbenennung meines aktuellen Superhelden. [zurück]

Beyond

Nachdem man in den letzten Jahren diverse Kinder geboren, die dazugehörigen Plazentae, Beziehungen und andere Illusionen begraben, Universitätsabschlüsse, Umzüge und Kindergeburtstage gemanagt, sein Innerstes in einem öffentlichen Tagebuch preisgegeben sowie Playlists auf Youtube angelegt hat, gilt es nun, pünktlich zur anstehenden Vorweihnachtsmadness, sich der möglicherweise letzten Herausforderung zu stellen: dem Handarbeitsdiskurs. Mein Plan für dieses Jahr sieht folgendermaßen aus: Ich kaufe Unmengen an Wolle und Nadeln, Fanta bringt mir Häkeln bei, und alle bekommen Mützen. Menschen, die diesen Blog verfolgen, vergessen alles, was sie bisher gelesen haben, entweder sofort oder werden unter der Nordmanntanne unbändige Freude heucheln.

Fanta sagt für die erste Handarbeitsstunde direkt und freudig zu, Ma Baker ist spontan sehr beeindruckt ob meiner Entschlossenheit und träumt seit unserem letzten Telefonat von den Landfrauen und Weihnachtsbasaren, und sogar Bedenkenträgerin Dr. Sprite, die zunächst mit hochgezogener Augenbraue darauf verweist, dass der Wolldiskurs ja gerade eh voll trendy wäre, zieht nach manischen Ausführungen meinerseits (blühende Landschaften!) in Erwägung, ihr vor Jahren eingemottetes Stricknadelset zu reaktivieren. Wenn ich eins kann, dann ist es mitreißen, egal wohin.

„Mütze häkeln“

Das Ergebnis der ersten Handarbeitsstunde mit meiner Lieblingsgrundschullehrerin ist frustrierend und landet im frisch aufgestellten Küchenschrank von Batman. Und weil mich heute das Siechtum dahingerafft hat, so dass ich keiner geregelten Arbeit, sondern lediglich maximal stumpfsinnigen Aktivitäten nachgehen kann, lege ich mich ins Bett, befestige Wärmflasche und Laptop auf meinem Bauch und youtube „Mütze häkeln“. Das erste Video ist eine ernstzunehmende Anleitung für halbe Stäbchen, ich denke „Keine halben Sachen!“, suche erst mal weiter und stoße dabei auf „Boshi in einer Minute“, wobei mich selbstverständlich vor allem „in einer Minute“ reizt. Von Fanta weiß ich, dass Boshi gerade voll hippe Häkelmützen sind, die zur Zeit offenbar vorrangig von männlichen Planetenbewohnern gefertigt werden, und sie muss es ja wissen, schließlich ist ihr Ex bereits diesem neuen Trend verfallen. Vollends abgetörnt werde ich schließlich vom dritten Video, in dem eine zuckersüße Schnuckimausi die „Jungs“ von MyBoshi und Hatnut fragt, warum und wieso sie denn zum Häkeln gekommen sind, was sie so besonders macht und ob sie heimlich auch mal stricken. Die Jungs kichern und kokettieren damit, dass sie eher nicht so stricken, weil sie schließlich Männer seien und dadurch nicht in der Lage, zwei Geräte gleichzeitig zu bedienen. Offenbar ebenfalls ein neuer Trend: die unterstellte Blödheit als niedlichen Fakt verkaufen und sich dann entspannt zurücklehnen. Mit Häkeln bin ich jedenfalls fertig. Morgen wieder Rockstars stalken.

Gut. Was wünscht Ihr Euch sonst so?

Oma Highspeed

Der Kosmos meint es derzeit gut mit mir. So bin ich aktuell nicht nur vom einen oder anderen Superhelden umgeben, sondern auch von einem Haufen wohlmeinender Feen, die keine Wünsche offen lassen. Die eine vermietet mir meine neue Traumwohnung zu einem für Lingendinger Verhältnisse mehr als fairem Preis und spendiert mir nächstes Jahr möglicherweise einen schicken Ostbalkon für meinen Morgenkaffee. Eine andere stabilisiert mich nachhaltig beim Nikotinentzug, indem sie mir keine Zigaretten gibt, auch wenn ich noch so hartnäckig auf Holzscheiten knieend im Schlamm vor ihr herumrutsche. Die nächste zaubert mitten im Umzugsirrsinn für Fanta, mich und unsere Sippschaft ein mediterranes Menü und spendiert tütenweise Haute Couture für die Mädels, eine weitere wiederum will mir günstig ihren Trockner vermachen. Und dann ist da noch die beruflich pensionierte, politisch jedoch hyperaktive Oberfee mit dem langen grauen Zopf, die Frauengeschichte schreibt, keine S21-Demo auslässt und nicht nur meine Wäsche vor heraufziehenden Gewittern in Sicherheit bringt, sondern sie neuerdings auch noch ordentlich zusammengelegt vor meine Tür stellt.

Batman oder Superman?

Ihr entgeht im Übrigen: Nichts. So macht sie mich darauf aufmerksam, dass ich vor einer Minute Fantas Auto leider auf dem Handwerkerparkplatz abgestellt habe und dieses doch bitte umparken möge, dass ich wiederum die Scheibe meines eigenen Fahrzeugs auf der Fahrerseite offen gelassen habe und dass ich gestern Abend entweder Besuch gehabt oder sehr laut telefoniert habe, wobei sie breit grinsend versichert, dass sie selbstredend „kein Wort!“ verstanden habe. Sie hat mittlerweile herausgefunden, dass mein W-LAN Lady Blabla heißt und verrät mir im Gegenzug, dass sie Highspeed wäre. Neulich fängt sie mich mit hochgezogener Augenbraue auf der Treppe ab und sagt mit tiefer Stimme: „Ich habe übrigens Deinen Blog gelesen!“ Noch nicht einsortieren könnend, ob das jetzt gut oder schlecht für mich und unser künftiges nachbarschaftliches Verhältnis ist, kontere ich betont lässig: „Ah ja?“ Darauf sie: „Und wer war das jetzt neulich morgens: Batman oder Superman?“

Darüber hinaus hat sich die Highspeed-Fee kurzerhand zur Vize-Oma für Hotti und Lotti erklärt. So scheucht sie drei Wochen lang meine Brut zum morgendlichen Bus in die Dreckspatzen-Ferienbetreuung, während ich bereits in aller Herrgottsfrühe vollkommen egoman meiner Berufstätigkeit und Selbstverwirklichung in der Landeshauptstadt fröne. Sie beglückt uns mit Apfelmus und Marmelade, Gurken, Brombeeren und Holunderblütensirup, und sie vollbringt sogar das Wunder, die granatensture Lotti dazu zu bewegen, ihr Fahrrad in den Schuppen zu schieben oder sich einen Sonnenhut aufzusetzen, wenn ich mir diesbezüglich schon den letzten Zahn an diesem Esel von einem Kind ausgebissen habe. Und jüngst hat sie beschlossen, für meine Nachkommen Genossenschaftsanteile zur Finanzierung von Mikrokrediten zu erwerben. Ich rechne fest damit, dass sie mir in naher Zukunft zwinkernd drei Haselnüsse in die Hand drücken, dreckig lachen und sagen wird: „Aber um Mitternacht bist Du zu Hause!“

Two princes

Der kosmischen Scherze gibt es ja bekanntlich viele, allein der Themenkomplex „die aktuelle und die Männerwelt“ bildet mittlerweile ein ganzes Genre. Der neueste geht so: Während sich jahrelang kein männliches Wesen so richtig für mich und meine Special Effects erwärmen konnte und ich auf meiner To-do-Liste für die kommenden Jahre erst einmal die Kinder, die neue Wohnung sowie den Hagelschaden meines Autos priorisierte, stehen da jetzt plötzlich zwei Prinzen auf meiner Matte, und zwar sowas von gleichzeitig. Und während der eine, nennen wir ihn spaßeshalber Batman, in mir die tollste Frau des Universums sieht, bin ich für den anderen, nennen wir ihn ebenso spaßeshalber Superman, Hello Kitty und Queen Cola Bitch I. in Personalunion. Nicht, dass ich mich nicht freuen würde ob dieser meiner neuen Beliebtheit in der Welt der Superhelden, man ist ja nicht undankbar. Aber man fragt sich schon auch, was zum Teufel sich der Große Geist bei einem derart miserablen Timing eigentlich gedacht hat. Mutmaßlich zeigt sie mit ausgestrecktem Zeigefinger auf mich und mein frisch gestrichenes Krönchen und kichert irre.

Gemüse versus Stifteköcher

So legt mir derzeit Batman entschlossen die Erträge seines Gemüsegartens in Gotham City vor die Tür, während der Man of Steel in Smallville todesmutig Hello Kitty-Stifteköcher für mich jagt, und beides ist ebenso entzückend wie großartig. Mit Blumen beglücken meine Superhelden mich im Übrigen beide. Und während ich noch Lancelot, der es wagte, mich an meinem 35. Geburtstag mit 35 orangenen Rosen zu bedenken, leider mit einer Kettensäge in seine Einzelteile zerlegen musste, weil mir eine derartige Zuneigungsbekundung definitiv zu weit ging und in meinen Augen an schamloser Übergriffigkeit nicht zu überbieten war, bin ich mittlerweile in der Lage, eine vergleichbar herausfordernde Situation souverän zu meistern. Steht heute ein Prinz, Ritter oder Superheld mit Blumen vor meiner Tür, setze ich mein strahlendstes Lächeln auf, bedanke mich artig und sage: „Ich hol‘ mal eben eine Vase!“ Ein kleiner Schritt für die Otto-Normal-Frau, ein großer Schritt für die aktuelle. Entwicklung ist möglich.

Ihr seht: Es bleibt wie immer spannend, die aktuelle Queen Kitty Cola Bitch of the Universe I. wird Euch auf dem Laufenden halten. Mein besonderer Dank und spezieller Artikel gehen in diesem Fall im Übrigen aufs Herzlichste nach Rothenburg ob der Tauber, genauer an Markus, einen unserer offensichtlich treuesten Fans, der mich gestern Abend auf Ma Bakers Hochzeit dringend dazu aufforderte, ihn doch wieder an unserem Privatleben teilhaben zu lassen. Nichts lieber als das!

Weihnachten in Neukamerun

Um potenziellen innerfamiliären Spannungen zu entgehen, die ja zum Fest der Liebe gerne mal rund um die Nordmanntanne auftreten, packen Hotti, Lotti und ich dieses Jahr am Tag vor Heilig Abend unsere Siebensachen und fahren über die Feiertage zu Santa Fanta und ihren Sprösslingen Mulle, Rulle und Wulle nach Neukamerun. Und siehe da: Friede auf Erden, die Autobahnen 8, 5 und 656 sind frei, die Kinder verschwinden abgesehen von kurzen Unterbrechungen für drei Tage in ihren Zimmern und spielen harmonisch Polizistenraub und Laserlego, während Fanta und ich lesen, den Biomüll vor die Tür tragen, Radler trinken und so lange Tatort glotzen, bis wir Mordopfer, Kommissare und Verdächtige nicht mehr auseinanderhalten können.

Heilig Abend, Neukamerun: Das Krönchen sitzt

Am Morgen des 24. Dezember planen Fanta und ich die Choreografie des Tages: Frühstücken, einkaufen, Baum schmücken, kochen, die Kinder ablenken und zeitgleich die Geschenke ins Wohnzimmer zaubern, essen, musizieren, Geschenke auspacken, und dann machen wir es uns gemütlich! Ein guter Plan, in weiten Teilen geht er sogar auf: Wir schmücken den Baum, dieses Jahr nicht in Naturgrün und mit frischen Äpfeln, sondern in Pink und Glitzer. Wir schälen tonnenweise Kartoffeln für einen Gratin, den Fanta leider mit einem Stinkekäse überzieht, der nicht so wirklich zum Fisch passt, aber egal, in Bethlehem gab’s gar nichts, nicht mal Stinkekäse. Das Christkind beamt unbemerkt die Geschenke unter die Tanne, derweil trudeln Urmel und Elsa ein, Fantas Eltern, die leichtsinnigerweise den Abend mit uns verbringen möchten. Unser Krönchen sitzt, wir haben alles im Griff. Gemeinsam essen wir den halbrohen Stinkegratin, spielen Blockflöte und trällern Weihnachtslieder, und wider Erwarten platzt dabei auch keines der Kinder, weil es sich nicht bis zur Bescherung gedulden kann. Letztere verläuft recht hektisch, aber glimpflich, wir bekommen alle Schlittschuhe und sind glücklich, nur Lotti verliert vorübergehend die Fassung, weil das beim Christkind in Auftrag gegebene und so sehnlich erhoffte Freundebuch fehlt. Danach gibt Urmel noch ein selbstverfasstes Weihnachtsgedicht zum Besten, die Kinder schlafen reihenweise ein, und dann ist auch dieser Heilige Abend Geschichte.

Polizisten auf der Drehscheibe

Der 25. Dezember lässt sich ebenfalls unverhofft gediegen an. Zwar hat die Eislaufbahn geschlossen, auf der wir unsere neuen Kollektivgeschenke ausprobieren wollen, dafür kommt es in den Kinderzimmern zu recht ungewöhnlichen Konstellationen wie Konversationen. So spielen ausgerechnet Teenie-Hotti und Lego-Wulle Verbrecherjagd mit dem neuen „Polizeiauto mit Gefängnis hintendran“. Hotti erläutert die Vorgaben: „Die Polizisten verlieren immer, das ist die Regel. Die werden dann ausgeraubt, und das ist dann Pech.“ Ja, so ist das im Leben. Als nächstes will Hotti den Polizisten rauben, allerdings etwas vorschnell, Rulle weist sie zurecht: „Du musst erst mal die Autotür aufmachen, du Dödel!“ Nach vollzogenem Polizistenraub finden die zwei, der Gute müsse jetzt gefoltert werden, und zwar auf der Drehscheibe: „Wird dir schnell schwindelig?“ „Ja.“ „Super, dann setz‘ dich hier auf die Drehscheibe!“ Der Polizist fängt an zu heulen, doch die Gangster kennen kein Erbarmen: „Wenn du weiter so flennst, kommt auch noch die Bombe zu dir!“ Wulle befiehlt: „Gib mir das MASCHINENGEWEHR, die MASCHINENGEWEHRE kommen hierher, wir brauchen mehr MASCHINENGEWEHRE!!“ Und den Menschen ein Wohlgefallen. Als es schließlich hart auf hart kommt, kreischt der Polizist: „Du kannst mich nicht, ich bin Laser!“

Agenten auf der Terrasse

Fanta und ich machen es uns derweil auf dem Sofa gemütlich, ich lese mein neues Schneckenbuch vom Herrn Nachbarn und Fanta säuselt wohlig: „Man könnte fast vergessen, dass wir Kinder haben.“ Im selben Moment schlagen Mulle, Wulle und Hotti fast die Terrassentür ein: Sie sind als bis an die Zähne bewaffnete Agenten im Garten unterwegs, fordern Plätzchen und wollen Benjamin Blümchen hören, und zwar ein bisschen plötzlich. Gleichzeitig betreiben Rulle und Lotti im oberen Stockwerk ein Gruselzimmer: „Wir setzen uns in den Schrank und leuchten mit der Barbielampe, und wenn jemand kommt, werfen wir den Schwabbeltiger!“ Und wo wir schon beim Gruseln sind, wärmen wir abends lediglich die Reste des Stinkegratins auf, dessen Kartoffeln heute endlich durch sind.

Am 26. Dezember schließlich verlassen uns nacheinander Contenance, Grammatik und Semantik. Fanta und ich bellen abwechselnd Kommandos wie: „Es wird nicht mit Dreckservietten geworfen!“, „Es wird nicht ums Sofa oder den Baum gejagt!!“ oder „Rulle egal, Du bist jetzt allein!!!“ Ein guter Zeitpunkt, um auf die Freilufteislaufbahn auszuweichen, die heute ein Einsehen mit uns hat. Zu den Charts 2012, die aus Lautsprechern durch die idyllische Landschaft Neukameruns dröhnen, ziehen wir mehr oder weniger elegant unsere Kreise, danach geht es zurück in Fantas schicke Doppelhaushälfte, wo wir die Kinder zwingen, Teil 3 des Stinkekäsegratins zu essen, und dann ist es Zeit Abschied zu nehmen. Fanta und ich gratulieren uns zu unseren mütterlichen Meisterleistungen und sind nach diesen drei Tagen um eine entscheidende Erkenntnis reicher: Entspannte Weihnachten sind möglich!

Hurra, wir heiraten!

"Stell Dir vor: Wir heiraten!!"

Es ist soweit, die Wunderbra-Redaktion heiratet, also nicht direkt Ma Baker und die aktuelle, sondern Ma Baker ihren SysOp, aber da man Freundinnen in derart existenziellen wie destabilisierenden Lebenslagen schlecht sich selbst überlassen kann, bin ich gewissermaßen mit im Boot. Bei eingefleischten Dauersingles allerdings, die man mit beziehungstechnischen Erfolgsgeschichten jagen kann und bei denen Hochzeiten maximale Beklemmungen auslösen, bewegt sich die Begeisterung angesichts derartiger Neuigkeiten im Minusbereich. Als sich jedoch herausstellt, dass außer mir noch einige Andere ihren geballten Beziehungsfrust bei der angehenden Braut abladen, tut sie mir leid, und ich sage, dass, wenn sie schon heiraten muss, sie dann aber dringend neue Stiefelchen, schicke Klamotten und Glitzerlidschatten braucht, und dass ich diejenige sein werde, die sie in diesen schweren Stunden durch Schuhgeschäfte, Boutiquen und den Drogeriemarkt führt. Ma ist glücklich, aber der Glitzerlidschatten geht ihr dann doch zu weit.

Rüschen? Spinnst Du??

Unser erster Gang führt uns in einen Hippie-Outlet-Schuppen mit dem vielversprechenden Namen Diva. Mehr ist bei ehemaligen Punkermädchen mental erst einmal nicht drin. Ich schlage ein braunes oder schwarzes Cordröckchen vor, Ma zeigt mir einen Vogel und sagt: „Ich will Farbe!! Wenn schon, denn schon!“ Ich eile mit Oberteilen in Flieder, Beere und Lila herbei, Ma motzt: „Viel zu tot, ich will so ein Hier-komm-ich-Teil!!“ Okay, denke ich, sie ist die Diva, und suche Kleider in Quietsch mit Walla. „Um Himmels Willen, keine Rüschen! Und so ein Esoterik-Walla-Walla, das geht gar nicht!!!“ Nach zwei schweißtreibenden Stunden erwerben wir einen pinken Fummel für obendrüber, einen lila Fummelschal und Stulpen in Beere. Die Accessoires sind eingetütet, fehlt nur noch ein Oberteil für untendrunter sowie ein schwarzer Rock, den Ma jetzt möchte, vielleicht in Cord, und da die Hippie-Boutique das nicht hergibt, machen wir uns auf zur Damenabteilung der nächsten Galeria Kaufhof am Fuße der Schwäbischen Alb.

Die Zeit arbeitet für mich

Dort angekommen, verschwindet Ma umgehend mit je einem braunen und einem schwarzen Cordröckchen, gesäumt von Wallawallarüschenspitze, in einer Umkleide und trägt mir währenddessen auf, ich solle doch mal nach so einem hübschen Shirt in Flieder schauen. Diese modische Zeitverzögerung mittlerweile einberechnend beginne ich, Ma mit paillettenübersäten Funkeloberteilen und Glitzerstrumpfhosen zu behelligen, die sie zwar erwartungsgemäß brüsk abschmettert, aber ich weiß, die Zeit arbeitet für mich. Wenn schon, denn schon! Nach einer weiteren Stunde wird der Rock gekauft. Vollkommen erschöpft von diesem rasanten Ritt durch die gesamte Evolution der Haute Couture an nur einem Nachmittag schleppen wir uns in eine Fischbude und bestellen riesige Portionen Dorsch, Pommes mit Mayo, Sahnesoßenbandnudeln und Cola.

Abgesehen vom folgenden Koffeinrausch, der die zukünftige Braut weitgehend abschießt, frage ich mich, wie man sich derart vollgestopft jetzt noch in irgendwelche Klamotten zwängen kann, aber Ma steuert entschieden den nächsten Laden an. Wir werden fündig, das Outfit steht. Entgegen meiner zeitlichen Berechnungen kann ich zwar mit dem Glitzer nicht mehr landen, aber schließlich heirate ja auch nicht ich, sondern sie. Tot, aber glücklich machen wir uns auf die Heimreise.

Drei Tage später erreicht mich folgende SMS: „Stehe in der Drogerie!! Wie heißt dein Glitzerlidschatten???“

Rampensau

Das Leben ist ja bekanntermaßen eines der absurdesten. Da verliebt man sich im Frühling Hals über Kopf in einen windigen Kommissar aus München (wir berichteten), der sich binnen weniger Wochen mehr oder weniger elegant in Luft auflöst (wir berichteten ebenfalls), verbringt einen Sommer, der an Geschwindigkeit und Madness wenig zu wünschen übrig lässt (keine Zeit zum Berichten), und schwupp, ist es Herbst, und man steht mit eben dem Frühlingskommissar auf ein und derselben Bühne und erntet unter verzweifelten Versuchen, den eigenen Adrenalinhaushalt unter Kontrolle zu bringen, gleichmäßig ein- und auszuatmen und möglichst nicht tot umzufallen, Applaus.

Aber der Reihe nach. Nach der Schlappe mit Leitmayer verbrachte die aktuelle ihre Zeit vor allem damit, ihr Krönchen zu richten und mit stolz erhobenem Haupte, perfekt lackierten Fußnägeln und schicken neuen Pantoletten weiterzureiten, was sich zwar nicht immer so ganz einfach gestaltete, jedoch größtenteils gelang. So galt es beispielsweise im Rahmen des Lingendinger Straßenfestes eine erste Begegnung mit besagtem Kommissar zu überstehen, ohne a) einem Tourette-Anfall zu erliegen, b) heulend nach Hause zu laufen oder c) beim Tanzen direkt vor seiner Nase über die eigenen Füße zu stolpern. Mit Erfolg.

Leben, du Sau

Eine willkommene Ablenkung bot da die Anfrage meines werten Herrn Nachbarn, ob ich nicht Lust hätte, ein paar nette kleine Textchen für eine nette kleine Kindermusikveranstaltung zu schreiben, die im Herbst am Lingendinger Staatstheater aufgeführt werden sollte. Warum nicht, sehr gerne, er komponierte, ich schrieb, alles fein.

Und dann ist er da, der große Tag, an dem meine Lieder das Licht der Bühnenwelt erblicken werden, wie schön, ich freue mich, und mit Röckchen, Stiefelchen, Kinderchen und Madame Mistral geht es los ins Theater, und am Schlagzeug sitzt, Überraschung, niemand anders als Katastrophenkommissar Leitmayer. Leben, ich liebe dich. Und weil ja absurder immer geht, ruft mich am Ende der Veranstaltung der Herr Nachbar ohne Vorwarnung zur Band auf die Bühne, um sich bei mir zu bedanken und mich irgendwas zu fragen, und klatschnass geschwitzt habe ich keine Ahnung, was ich rede, weil zwei Meter neben mir mein Frühlingsdesaster steht und vielleicht hundert Menschen oder mehr vor mir sitzen und ich mich vor Mikrofonen und Präsentiertellern fürchte, und ich überlege, wie ich aus dieser Nummer nur wieder herauskomme und denke, dass das doch alles gar nicht wahr sein kann und ich jetzt leider sterben muss – auf der Bühne, welche Ironie, Willy Millowitsch wäre blass vor Neid. Lieber Herr Nachbar, dafür ist mindestens eine Pizza fällig! Wenn nicht zwei.

Aschenbrödel

Von Aschenbrödel lernen heißt fürs Leben lernen. Denn Aschenbrödel ist nicht nur ein großartiger 70er-Jahre-Weihnachtsschinken mit entzückender Klimpermusik, sondern auch echtes Vorbild in Sachen Lässigkeit und damit beinharte Lebenshilfe. Wir erinnern uns kurz: Die tschechische Cinderella reitet auf ihrem Schimmel Nikolaus immer wieder und verbotenerweise durch den weißen Winterwald und stößt dabei wiederholt auf den Prinzen, der dort ebenfalls unerlaubt unterwegs ist. Während der Prinz versucht, die Identität der schönen Unbekannten herauszubekommen und sich dabei zudem einigermaßen ungeschickt anstellt, entschwindet die angehende Prinzessin ein ums andere Mal erhobenen Hauptes auf weiter, weißer Winterflur, ohne mit der Wimper zu zucken. Außerdem hatte sie ja auch noch ein paar Zaubernüsse sowie eine weise Eule am Start, insofern konnte sie ohnehin unbesorgt ihrer Wege reiten. Der Rest ist Geschichte.

Doof vorm Schloss stehen ist auch keine Lösung

Allein: Was tut man, wenn der Prinz nicht tut, was im Skript steht? Wenn er, anstelle von Aschenbrödel, aus dem Ballsaal stürmt, nur um auf der Treppe seinen gläsernen Schuh zu verlieren und dann, ganz ladylike, auf dem Pferd der künftigen Prinzessin in die Nacht zu entfliehen? Und er sich nicht die Bohne dafür interessiert, wer da eigentlich im Ballkleid vor ihm steht? Dann steht man erst einmal ziemlich doof da, so allein vorm Schloss, mitten in der Nacht, im Ballkleid, ohne Gaul und fragt sich, wer hier eigentlich das Skript nicht gelesen hat. Und warum eigentlich immer alles so kompliziert sein muss, wo es doch, rein theoretisch, so einfach sein könnte. Wenn man dann noch zu einem halbwegs temperamentvollen Charakter neigt, fängt man ab einem bestimmten Zeitpunkt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit an, sich aufzuregen und ein Tourette-Syndrom zu entwickeln. In diesem emotionalen Bermuda-Dreieck ist vermutlich schon so manch eine von uns verlorengegangen.

Aber weil doof Dastehen, sinnlos Grübeln und Sichaufregen dauerhaft auch keine wirklich abendfüllenden Veranstaltungen sind, stellt sich noch einmal die Frage: Was macht man als herausgeputzte Küchenmagd, Mutter, Arbeitnehmerin und angehende Prinzessin ohne Zaubernüsse, wenn sich der Prinz als schnöder Pferdedieb entpuppt? Man erhebt sein Haupt, richtet, einmal mehr, sein Krönchen, macht sich ein Radler auf und gibt niemals (niemals!) den Gaul aus der Hand. Und dann reitet man lässig weiter.

die aktuelle

re:publica 2012 and beyond

Bei so einer großen und wichtigen Blogger-Konferenz wie der alljährlich stattfindenen Berliner re:publica ist es natürlich nicht nur wahnsinnig prickelnd zu erfahren, was Internet-Größen wie Sascha Lobo, Mario Sixtus, Johnny Haeusler, Kathrin Passig oder Markus Beckedahl bei ihren Live-Acts so alles treiben, sondern auch und gerade einmal einen Blick jenseits der großen Netzweltstages zu riskieren. Aus diesem Grund haben sich Erstmaleinerauchen-Sprite und Momentichhabsgleich-aktuelle auf den langen Weg in unsere Hauptstadt gemacht und gemäß dem diesjährigen Motto ACT!ON exklusiv für Euch die finalen Fragen geklärt: Wo gibt es Essen? Wo ist die Raucherecke? Und wo sind hier die Toiletten? #rp12: So war es wirklich.


Weiß Deine Mama, dass Du rauchst?

Der erste Tag ist ziemlich krass. Es steht buchstäblich nichts mehr an seinem Platz, so wie neuerdings auch die lactosefreien Milchprodukte im Kaufland, die re:publica ist nämlich umgezogen in eine gänzlich neue Location, die STATION am Gleisdreieck, und das ist erst einmal zu viel für uns. Schließlich sind wir auch nicht mehr die Jüngsten, worauf man uns freundlicherweise unablässig aufmerksam macht, indem man uns siezt, egal, ob man uns den Kaffee über die Theke reicht oder uns um Papers und Filter anschnorrt. Man ist geneigt zu kontern: „Weiß Deine Mama eigentlich, dass Du rauchst?“

Auf 20 000 Quadratmetern des ehemals größten deutschen Paketumschlagplatzes ringen wir zwischen 4 000 TeilnehmerInnen um Orientierung, fremdeln und müssen erst einmal alles schlechtmachen. „Boah, diese Hallenakustik, das vertrag‘ ich ja echt nicht“, mault Erstmaleinerauchen-Sprite, „Ja, und diese ganzen Menschen!“, jammert Momentichhabsgleich-aktuelle. Abends fallen wir erschossen in unsere insgesamt acht Betten, unsere Hotelzimmer verfügen nämlich über einen jeweils sehr eigenen Humor: In Erstmaleinerauchen-Sprites Jugendherbergszimmer befinden sich sage und schreibe sechs Betten, aber keine Nachttischlampe, in Momentichhabsgleich-aktuelles Doppelzimmer mit Gardinen in erfrischendem Todesschwarz gibt es dagegen zwar nur zwei Betten, dafür aber eine Nachttischlampe, allerdings keine Steckdose. Aber man kann halt auch nicht immer alles haben.

Manisches Location-Loben und: Wo bist Du?

Nachdem wir am zweiten Tag unsere Krönchen zurechtgerückt und die Contenance wiederhergestellt haben, kann es so richtig losgehen: Erst einmal frühstücken, eine rauchen und dann ab zur STATION. Die Orientierung fällt heute schon deutlich leichter. Wir wissen, wo welche Bühne ist, welche Panels wir auf keinen Fall sehen wollen, wie viele Toiletten es gibt und wo man Kuchen, Rote Grütze und die letzte Hühnerbrust mit Ketchup-Mayonnaise bekommt. Ab jetzt ist manisches Location-Loben angesagt: Momentichhabsgleich-aktuelle begeistert sich nicht nur für das professionelle Catering inklusive Blumenschmuck auf den Tischen, sondern ganz besonders darüber, wie ordentlich alles gehalten wird. Kaum ist das Radler leergetrunken, wird auch schon die Flasche eingesammelt.

Um unsere Illusion von Halt, Orientierung und Sicherheit aufrechtzuerhalten, schicken wir uns mehrmals täglich Kurznachrichten wie „Wo bist Du“ oder auch mal „Huhu wo bist Du“, die wir wahlweise mit „Im Raucherhof“, „Vorne im Hof links kommst Du?“, „Raucherhof again“ oder „Auf dem Klo“ beantworten. So sehen Sieger aus! Darüber hinaus sind wir heute total engagiert und filmen alles, was uns vor die Linse kommt, manchmal sogar das Innenleben unserer Taschen. Wir entwerfen ein inneres Storyboard mit einem Spannungsbogen, der seinesgleichen sucht. Danach erst mal aufs Klo, einen Kaffee und natürlich eine rauchen.

Penis-Enlargement und gottesfürchtige Kinder

Herausragend ist an diesem Abend die Poetry-Spam-Lesung mit Sue Reindke, Carolin Buchheim, Maike Hank und Inés Gutiérrez aka Kaltmamsell, in der die vier Ladies einen thematischen Bogen von der Penisvergrößerung (Betreff: „Mäusepimmel?“) über Partnervermittlung bis hin zur Adoption gottesfürchtiger Kinder spannen. Zwischendrin lässt BigBrother-SüssOp die Momentichhabsgleich-aktuelle per SMS wissen, er habe per Webcam gesehen, wie sie zu spät zu eben dieser Veranstaltung gekommen sei. So viel zur allgegenwärtigen Überwachungsparanoia.

Sag zum Abschied leise Servus

Am dritten Tag heißt es Abschiednehmen, nicht nur von der rp12, sondern auch von Momentichhabsgleich-aktuelle, die abends gen Lingendingen aufbricht, um ihre Hotti-und-Lotti-Brut wieder in Empfang zu nehmen. Und obwohl Erstmaleinerauchen-Sprite, die noch einen Tag Hauptstadturlaub hinten dranhängt und daher ohne Peergroup zurückbleibt, zunächst in eine Phase vorläufiger Desorientierung verfällt, gelingt es ihr dennoch, sich ein neues Hotelzimmer zu organisieren. Ihre neue Unterkunft weist zwar lediglich vier Betten auf, dafür aber, Sensation, auch eine Nachttischlampe PLUS Steckdosenanschluss.

Zur gleichen Zeit ärgert sich Momentichhabsgleich-aktuelle im ICE über eine recht christdemokratisch anmutende junge Dame, die sie von ihrem Fensterplatz verscheucht, weil sie „reserviert!“ habe, ihre Nase dann aber doch nur die ganze Zeit in ein blödes Buch steckt. In ein paar Läster-SMS an Dr. Sprite fasst die aktuelle den Plan, das Gesicht der Fensterschnecke an die ICE-Scheibe zu drücken, damit sie auch besonders gut rausschauen kann, und Sprite schlägt vor, das Ganze fotografisch zu dokumentieren und zu flickrn. Als die aktuelle anfängt irre vor sich hin zu kichern, erntet sie pikierte Blicke. Die re:publica ist definitiv zu Ende.

die aktuelle & Dr. Sprite