Highway to Neues

Das monotone Brummen läßt mich in eine Art Halbschlaf zurücksinken, während das Getriebe unter mir den Gang wechselt und ich sanft hin und her geschüttelt werde. Ich werfe einen Blick aus dem Fenster mitten ins Morgengrauen, das gerade anfängt, die Alb mit orangenem Gold zu überziehen. Es ist halb acht und ich fahre mit dem Bus, so wie ungefähr 150 andere mehr oder weniger ausgeschlafene Mitmenschen, die sich in dasselbe öffentliche Nahverkehrsmittel quetschen. Es ist eng, stickig und laut. Die charmante Männerstimme vom Band verkündet den nächsten Halt: Kliniken Berg! Erstaunt stelle ich fest, daß ich nicht aufspringe und mir den Weg zur Tür freikämpfe. Nein, ich lehne mich nochmal entspannt zurück und atme aus, während die Bergklinik Richtung Morgengrauen hinter mir zurück bleibt. Und mit ihr die Waschlappen, Sauerstoffmasken, Blasenkatheter in 40 verschiedenen Größen, die Flächendesinfektionsmittel, die verschwundenen Akten und DAS OPFER! Jenes langatmige, facettenreiche Klagelied über miserable Bezahlung, Burnout, Rückenschmerzen, kaputte Topfspülen (man trägt AA in der Schüssel gerne wochenlang über das halbe Stockwerk:-)), Hilflosigkeit, Überforderung, schwachsinnige Hirarchien und TROTZDEM unermüdliches Weiterarbeiten. Man war jemand – ein Opfer dieses Systems, eine Ausgebeutete, die aber doch mit einer so wichtigen Aufgabe betraut war. Das Opfer ist wie ein sicheres stabiles Netz, in das man jederzeit getrost zurückfallen kann, wenn man mit anderen Entwürfen der eigenen Identität scheitert. Das Opfer ist sicher, es ist immer da und es nimmt einen jederzeit wieder freudig auf wie die verlorene Tochter. Und es ist geschickt darin, zu verschleiern, daß man einen verdammt hohen Preis für die Dauerkarte in die warme vertraute Höhle zahlt, in der es immer ein wenig nach alten Socken riecht.
Mit einem Ruck wechselt der Bus wieder den Gang und kämpft sich tapfer weiter den Berg hinauf Richtung Hörsaalzentrum Morgenstelle, in eine neue, unvertraute Welt. Ich kann sie riechen. Sie riecht nach Vielfalt und Möglichkeiten, nach Mensaessen, nach Freiheit, zweifelhaftem Automatenkaffee, nach Eigenverantwortung und nach Computern, die samt der fast fertigen Hausarbeit abstürzen. Sie riecht fremd, sie ist ein anderer Mikrokosmos mit eigenen Gesetzen und vielen Unbekannten. Sie macht Angst. Der schützende Opferanzug funktioniert nicht mehr und dort, wo er gewohnt hat, klafft jetzt ein unschönes Loch in der eigenen Identität. Und die Natur mag keine Löcher, genauso wenig wie mein Unk, der ein solches Vakuum sofort mit vielfältigsten Befürchtungen flutet. Wenn ich kein Opfer mehr bin, was zum Geier bin ich dann? Ein erwachsener Mensch mit Möglichkeiten? Eine Privilegierte? Und wie bin ich so, wenn ich privilegiert bin und mir Möglichkeiten offenstehen? Was für eine Frau kommt da am Ende raus? Mag ich die dann noch?
Das Beruhigende ist: Ich hab satte 3 Jahre, um das rauszufinden.

Ma Baker

Die Geschichte eines Alarms

Jeden Tag beim Zeitunglesen werde ich alarmiert. Mal sind Gurken die Bösewichter, mal Tomaten und jetzt die Sprossen. Irgendwo in Japan schmilzt ein Atomkraftwerk vor sich hin und keiner weiß so genau, was das eigentlich bedeutet. Aber man informiert sich fleißig, ARD-Brennpunkte werden zum social event. Während man Biosteaks auf dem Grill wendet und sich an einer Flasche Bier festhält läßt man sich im trauten Freundeskreis ALARMIEREN und genießt den wohligen Schauer des hormonellen Outputs gemeinsam, ohne irgendeinen Plan davon zu haben, was denn jetzt eigentlich zu tun ist. Vielleicht hat der Alarm inzwischen einfach auch einen Selbstzweck und es geht garnicht mehr um konkretes Handeln. Vielleicht war das auch noch nie anders. Gewarnt zu sein ist jedenfalls ein gutes Gefühl, der Rest ist Nebensache. Und es ist sichér auch für diejenigen, die in unserem Land Verantwortung tragen einfach wichtig, gewarnt zu haben. Da hat man später, wenn die Scheiße dann dampft nicht den Kittel in der Tür.

Dazu eine kleine Geschichte aus einem süddeutschen Uniklinikum. In Zeiten der Terrorhysterie nach 9/11 befürchtete man ja an allen Ecken und Enden Anschläge auf das Herz der freien Welt. Dieses Herz schlägt sicher auch in Krankenhäusern, weshalb sie wie viele anderen öffentlichen Gebäude besonderer Obhut bedurften. Versorgt mit einer zentral gesteuerten Klimaanlage schienen sie für mögliche Terroristen besonders lukrative Anschlagsbedingungen zu bieten. Was auch immer das konkret bedeuten sollte! Pockenviren durch die Gegend blasen oder gleich Giftgas? Jedenfalls gab es Handlungsbedarf und das Gebäudemanagement begegnete der drohenden Gefahr mit der Montage eines roten Lämpchens, auf dem das Wort GASALARM zu lesen war. Auf die Frage, was denn zu tun sei, sollte das Lämpchen einmal blinken wurde man auf die Telefonnummer hingewiesen, die unter dem Lämpchen mit Thesa an die Wand geklebt war. Da anrufen und dann alles Wichtige erfahren. Die Wochen gingen ins Land und nach der ersten Aufregung war das Lämpchen bald vergessen. Bis es eines Tages  tatsächlich anfing hektisch zu blinken und ein schrilles Warnsignal von sich zu geben. Tapferes Pflegepersonal schritt beherzt zur Tat und wählte besagte Nummer, um dort irgendeine Leitstelle an der Strippe zu haben, die weder von dem Lämpchen, noch von ihrer vermeintlichen Zuständigkeit irgendetwas wußte. Immerhin wurde uns eine andere Nummer gegeben, unter der man es ja mal probieren könne. Inzwischen hatte sich auf dem Flur eine aufgeregte Menschentraube aus Besuchern und bekrückten Patienten versammelt, die sehr erpicht darauf war, Instruktionen zu erhalten. Wer auch immer der Inhaber zweiten Nummer war, er machte es spannend, indem er garnicht abhob. Die beherzte Pflegekraft verlor schon langsam die Lust an der Sache, doch das schrille Signal gab einem doch irgendwie das Gefühl, daß man das Ganze nicht einfach ignorieren konnte. Also wieder bei der ersten Nummer angerufen und das Problem geschildert, untermalt mit einzelnen panischen Schreien aus der Besuchermenge, was zumindest dazu führte, daß eine weitere Nummer herausgerückt wurde. Die Sache bekam so langsam den Flair einer Schnitzeljagd. Und wir kamen voran! Das nächste Telefonat wurde mit einem Zivi geführt, der irgendwie auch nicht wußte, sich aber ungemein verantwortlich fühlte und versicherte, er würde das Problem seinem Chef mitteilen, der in etwa einer halben Stunde aus der Mittagspause käme. Also warten und Ruhe bewahren. Um die Gemüter bei Laune und beschäftigt zu halten wurden vom Pflegepersonal frisch gewaschene Mullbinden verteilt, die man von Hand sauber aufrollen mußte, was ein hohes Maß an Koordinationsfähigkeit verlangt. Außerdem zeigte sich langsam auch, daß Panik nicht unbegrenzt lange aufrecht erhalten werden kann. Irgendwann setzt Gewöhnung an die neue bedrohliche Situation ein und es war ja außer dem Alarm bisher auch nix passiert. So war es garnicht mehr nötig, daß uns der Haustechniker, der sich dann eine Stunde später meldete anwies, ruhig zu bleiben. Waren wir eigentlich schon und wickelten begeistert weiter Mullbinden auf. Etwa drei Stunden später (inzwischen ging der Stationsalltag schon längst wieder seinen gewohnten Gang und auch die Sirene hatten wir schon unter Normal integriert) kam dann ein zuständiger Elektriker, der uns fragte, was er denn jetzt tun solle. Wir boten ihm eine Mullbinde an. Und nachdem er etwa 5 Minuten vor dem blinkenden Lämpchen meditiert hatte packte er eine große Zange aus und brachte unseren liebgewonnenen Gasalarm rüde zum Schweigen, indem er mit den Worten “ Herrgottsack!“  das Kabel durchtrennte. Einige Wochen hing der Alarm noch ohne Saft an der Wand rum, dann entschloß er sich, einfach abzufallen und sich von irgendeiner Kehrmaschine entsorgen zu lassen.

Doch wir werden ihn nie vergessen und veranstalten seitdem jedes Jahr eine Gasalarm-Party!

Ma Baker