3-2-1-0 Ein notwendiger Abgesang

Bild: DoctorWho, Lizenz: CC

Schon seit Anfang September lief der Countdown langsam aber sicher Richtung Krankenhaus-Glastür, die sich bald für immer hinter mir schließen sollte – ich draußen und der Rest bitte DRINNEN!! Die Schwester war angezählt, ein totes Pferd. Agent Elliot Panty hat ihre letzte Mission erfüllt – sie hat nach ausgiebigem Bebrüten des Eis, wie das so ihre Art ist, kühn und präzise zugeschlagen und gekündigt. Eigentlich sollte dies ein Artikel in bekannter Wunderbramanier werden, ein humoristisch aufbereiteter Abgesang auf 11 Jahre Fencheltee, Schichtwechsel, Kreuzschmerzen, Waschlappen, Lebenretten und Paradiespunkte. Seit meinem finalen Spätdienst letzten Dienstag warte ich darauf, daß sich irgendein wuchtiges Gefühl einstellt – riesengroße Erleichterung, Wehmut wegen den Kollegen, neue Freiheit – irgendwas muß doch jetzt von mir abfallen wie eine Geröllawine. Oder? Die Wahrheit ist eine sehr verhaltene Mischung aus allem gleichzeitig, die auch nach lägerem Nachdenken keinen lustigen roten Faden hergeben will. Also heute mal weniger witzig, dafür mehr wahr.
Hier ein kleiner Blick in meinen Kopf, den seit Tagen Erinnerungen durchwandern. Der Backstagebereich eines Krankenhauses ist eine sehr eigene Welt, die sich von Serien wie Emergency Room im Wesentlichen dadurch unterscheidet, daß man sich in der Realität immer fragt, wo denn die ganzen Leute mit der kleinen Rolle sind, die auf Abruf bereit stehen und ständig rufen: Ich kümmer mich drum! Um die Anlage einer Thoraxdrainage (weil der Patient keine Luft mehr kriegt), oder um eine Notfallcomputertomographie (weil alles den Anschein hat, als wären mal eben einige Liter Blut irgendwo im Patient verloren gegangen, die man dringend wiederfinden sollte, oder zumindest das Loch, durch das sie entwischt sind). Dort, wo in der Glotze einfühldsame Ärzte einfühlsame Gespräche mit Angehörigen führen findet sich in der Realität oft niemand, und der hat für sowas auch keine Zeit. Was hätten wir für einen aufblasbaren George Clooney gegeben, der immer im richtigen Moment mit seinen Rehaugen zur Stelle gewesen wäre und die richtigen Worte gefunden hätte.
Es ist eine Welt, in der einem Seiten des Menschseins begegnen, die man im Leben draußen nicht zu Gesicht bekommt. Vor allem ältere Menschen produzieren nach einer Narkose oftmals einen vorübergehenden Verwirrungszustand. Man bekommt Teetassen an den Kopf und im nächsten Moment eindeutige Avancen, man wird vergöttert, verflucht, gestreichelt, angespukt und dann wieder von vorn.
Und egal, ob sie nun verwirrt sind, Schmerzen haben, bei jedem Handgriff auf Hilfe angewiesen sind oder im Sterben liegen, den meisten Patienten kommt man sehr nahe – so nah, wie man ihnen im normalen Leben nie kommen würde. Man erfährt etwas über das Menschsein an seinen Grenzen. Und über das Sterben, den Tod, den man dann hastig in Kühlfächern verschließt oder versucht, wegzudesinfizieren, obwohl er einfach in der Luft liegt. Manchmal begegnet man ihm in Frieden, winkt mit einem weißen Taschentuch, welches sagt: Du darfst kommen! Aber meistens zieht man in eine Schlacht, bewaffnet mit Beatmungsgeräten, Defibrillator und allem, was pharmazeutisch gut und teuer ist, und erst nach Wochen wird endlich kapituliert. Man fühlt sich wie der Weihnachtsmann und der Osterhase gleichzeitig, der jemandem nach 3 Tagen Nüchternsein den ersten Schluck Wasser anbietet oder ist die gute Fee mit dem hochpotenten Morphinderivat im Anschlag, das grausige Schmerzen in einer weichen weißen Wolke auflöst. Man erfährt tiefe Dankbarkeit und weiß, daß einem etwas sehr Wichtiges anvertraut ist.
Neben dem jahrelangen berechtigten Klagen und Schimpfen wollte ich das nochmal ausdrücklich erwähnen.
Und jetzt bye bye Schwester, es war auch schön mit Dir!

Ma Baker

Grenzen war gestern (und vielleicht morgen wieder)

War ich doch eben noch mitten in der Winterdepression und habe mir überlegt, mit welchem Kostüm ich an Fasching meine Defizite aufpeppen kann (um mit Doktor ZickZackZähn zu sprechen: ich war vollkommen NICHTinnovativ), so schlägt das Ganze jetzt, wie immer die goldenene Mitte vollkommen verfehlend, ins komplette Gegenteil um.
Eben noch demotivierte Krankenschwester, jetzt bereits wahnsinnig?
In den letzten zwei Tagen habe ich gedanklich ein Kunsttherapiestudium abgeschlossen, Kerbschnitzen zu meinem neuen Hobby gemacht, erkannt, daß meine vorsichtig beginnende Selbstständigkeit an einer Homepage nicht vorbeikommt, selbige entworfen und kreiert, dafür circa drei Volkshochschulkurse zum Thema Webdesign absolviert (was ist schon HTML gegen eine entschlossene Frau?), festgestellt, daß Gälisch für Anfänger eine durchaus spannende Sache ist, herausgefunden, wie man Sauerkraut einkocht, ohne daß es sauer wird und in meinem sowieso umgegrabenen Gehirn einen kompletten Kräutergarten angelegt (mit allem, was dann dazu gehört: Pflege, Ernte, Konservierung, Weiterverarbeitung zu Tee, Ölen und allem anderen), samt (um wieder zur Homepage zurück zu kommen) einem entsprechenden Onlineshop, über das ich dann auch gleich den Bestseller vermarkten kann, den ich im Kopf schon so gut wie geschrieben habe.

Bild: downing amanda Lizenz: CC

Da ich über eine therapeutische Qualifikation verfüge, habe ich mir eine beginnende Manie vorsichtshalber ausgeschlossen. Ich frage mich nur, was jetzt als nächstes kommt. Gründe ich morgen einen Verein zur Rettung der Sumpfdotterblume, gleich eine Sekte, oder mach ich dem Mond einen neuen Mann?
Innovation ist ziemlich anstrengend.

 

Ma Baker

Mission Thrombosestrumpf

Bild: K and J Dolls, Lizenz:CC

Mitten in das eisige Heulen des Schneesturmes dringt ein anderes Geräusch.
Ein stetig lauter werdendes Piepsen sägt sich rhythmisch einmal quer durch mein Gehirn und löst dessen Alphazustand in Nichts auf.
Es ist 5.00 Uhr morgens.
Für einen langen Augenblick versuche ich, mir vorzumachen, daß das alles nicht wahr ist, während ich mit der Bettdecke kämpfe, die mich hartnäckig immer wieder niederringt, kaum daß ich mich halb aufgerichtet habe.
Ich besiege sie mit einem zornigen „ Fick Dich“ und einem Schlag in die Weichteile.
Vor dem Spiegel starre ich in das unausgeschlafene, schlecht gelaunte Gesicht einer Arbeitnehmerin im Gesundheitsbereich.
„ Du wirst gebraucht,“ versuche ich, meinem Gegenüber gut zuzureden.
Der Effekt ist nicht der, den ich mir erhofft hatte.
„ Ok, du kommst ins Paradies, wenn…!“ Ein bißchen Bestechung kann ja nicht schaden.
Das Gesicht vor mir verfinstert sich, und ich lasse den Rest meines Satzes in einem verlegenen Hüsteln untergehen.
Wir sind spät dran.
Ich versuche es mit Betteln.
Mein Spiegelbild rührt sich nicht vom Fleck.
Unerbittlich starrt es zurück.
„Also schön,“ lasse ich mich schließlich erweichen. „ Wir machen den Agent, ok?“
Die Augen im Spiegel strahlen, bevor sie artig ihrem Geschwisterpaar auf meiner Seite der Realität folgen und sich für einige Sekunden schließen.
Eine Welle aus Entschlossenheit und Pflichtbewußtsein flutet durch meinen Körper und vertreibt dieErschöpfung. Ich recke das Kinn vor und straffe die Schultern.
Als ich wieder in den Spiegel blicke sehe ich in das Gesicht von Special Agent Elliot Panty. Dieses Gesicht ist frei von jedem Rest Schlafbedürfnis, die Frisur makellos, die Augen umrandet von perfektem Make up. Alles sitzt bis ins kleinste Detail. Special Agent Elliot Panty ist ein Profi.
Sie hat schon viele äußerst gefährliche Aufträge erfüllt – und immer überlebt.
Fehler gibt es für sie nicht.
Und auch heute wird sie wieder nahezu Übermenschliches leisten.
Sie wird unter Extrembedingungen das Richtige tun.
Sie wird im Chaos einen kühlen Kopf bewahren.
Sie wird 250 Dinge gleichzeitig erledigen, ohne den Überblick zu verlieren.
Sie wird ihre Pflicht erfüllen, ohne an so banale Dinge wie Essen, Trinken, Pause, Pippimachen zu denken.
Sie wird einer großen Verantwortung gewachsen sein.
Sie wird Leben retten.
„ Wir haben eine Mission,“ sage ich zu meinem Spiegelbild und Special Agent Elliot Panty macht sich beschwingt auf den Weg.
Heute ist der Tag, an dem der Präsident an einer bestialischen Nierenkolik leiden wird und ich bin die mit dem Opiat.

 

Ma Baker