Vom Einen und dem Anderen

Kurz vor der Vierzig haben wir endlich Folgendes erkannt: Die Welt ist ein großes Aquarium mit vielen verschiedenen bunten Fischen drin. Das erklärt dann auch, weshalb manche Menschen 10 Dinge gleichzeitig im Kopf am Laufen halten können und ich mit einer Sache schon voll bedient bin. Ich muss entscheiden, ob ich eine SMS tippen oder laufen will, sonst lande ich mit Beule an der nächsten Straßenlaterne oder unter dem Bus. Ich bin der blau-rosa-gestreifte Eins-nach-dem-anderen-Fisch mit den gelben Punkten und der schnittigen Heckflosse.

Wenn man eins nach dem anderen macht, dann braucht man ein gedankliches Parkdeck für das Andere, während man in kosmischer Ausgeglichenheit die eine Sache bewältigt. Ich stelle mir vor, dass all das Andere schön in der Schlange ansteht und wartet, bis es dran ist – sozusagen im Wartezimmer Platz nimmt, bis es aufgerufen wird. „Die Lohnsteuererklärung bitte“ oder „die engagierte Initiativbewerbung bitte an Schalter 5“. Anstatt mir ständig gleichzeitig durch den Kopf zu flappen und die Erledigung von dem Einen unmöglich zu machen würde das Andere friedlich in einer Falte des Kosmos ruhen und warten, bis es dran ist.

Zu meiner Verteidigung in dieser ewig multitaskenden Welt kann ich Folgendes anführen: Die eine Sache würde ich dann echt gründlich und mit Leib und Seele machen. Wenn es sein muss höre ich das Gras wachsen. Ich bin mit Haut und Haaren Eins und nicht etwa mit einem Bein schon auf halb Zwei. Dann werden die Dinge manchmal ganz groß. Sie fangen an zu leuchten und sind plötzlich mit einem Hauch Glitzerpulver versehen. Wenn ich hingebungsvoll Wäsche aufhänge oder dem Käse auf der Lasagne im Ofen beim Schmelzen zusehe, dann habe ich das Gefühl, etwas von der Welt zu verstehen. Wenn ich währenddessen über 5 andere Dinge nachdenke, dann verstehe ich nix – wirklich garnix, weder vom Einen, noch vom Anderen.

Wenn ich mir etwas anschaue, dann tue ich das gründlich. Normalerweise gehe ich bei einem Schulausflug mindestens 3 Mal verloren, weil ich mir zuerst die Dampflock im Verkehrsmuseum sehr gründlich angeschaue, dann das Wolfsgehege im Zoo und zuletzt die Gummikrokodile am Kiosk vor dem Ausgang, während meine Klasse jeweils bereits weiter geht. Sie sind gehen weiter und behaupten hinterher, ich sei verloren gegangen! So ein Bullshit. Ich bin überhaupt nicht gegangen. Ich bin geblieben, also wenn dann verloren geblieben. Soviel Zeit muss sein im großen Aquarium!

 

 

Freeze 2.0

Mal so heimlich gefragt, von Hamsterrad zu Hamsterrad: Wo rödelt Ihr eigentlich grade rum? Wer weiß noch genau, wo’s hingehen soll? Kann einem ja schon mal aus dem Schirm rutschen. Solange man wenigstens nicht vergisst, dass man gestern schon längst wo auch immer hätte ankommen sollen, ist ja noch alles ok. Aber dachte man bisher, Entspannung sei etwas Passives, was sich einfach so einstellt, wenn man meint, es wäre jetzt genehm, dann fällt man inzwischen ganz schön auf die Schnauze. Wenn sie dann endlich da sind, die raren Stunden oder Tage, in denen man mal aufhören könnte, zu hampeln, stellt man fest, dass man genau das eben nicht mehr kann.

Nach einem endlosen Semestermaraton an meiner Lieblingsuni, der Reise in die Matrix der quantitativen Sozialforschung und der zwischenmenschlichen Atomisierung verschiedener Arbeitsgruppen habe ich frei. Hooray, denke ich, jetzt mach ich’s mir voll gemütlich, während ich unter meinem Bett staubsauge und dann meinen Kleiderschrank ausmiste. Zielsicher fällt mein Auge in all die versteckten Winkel und Ecken, die normalerweise unsichtbar sind – und ich stelle fest, dass es in der Wohnung aussieht wie Schwein! Es ist, als wäre jeder Filter von mir abgefallen. Ich sehe ALLES und halte NICHTS DAVON auch nur eine Sekunde aus. So putze ich mich in meiner neu entdeckten Hochsensibilität einmal quer durch das Haus, von der Rückseite des Kühlschranks über staubigen Zimmerpflanzen und Innereien unseres Ofenrohrs bis zu meinem Bücherregal und frage mich dort, wie ich es nur aushalten konnte, dass die Bücher NICHT der Größe nach sortiert sind.

Ein knurrender Magen zwingt mich jedoch, die Erörterung dieser lebensnotwendigen Frage auf später zu verschieben und treibt mich in die Küche, wo ich den Plan fasse, mir was total Leckeres zu kochen. Beim Schneiden des Gemüses bemerke ich, dass ich scheinbar sehr großen Wert auf die perfekte Anordnung der einzelnen Zutaten lege. Zuccini paßt farblich besser zur roten Paprika als neben den Lauch. Ich schneide also die Paprika in gleich große Streifen und ordne sie jeweils mit einem Zentimeter Abstand zwischen Zuccini und Lauch an. Als ich anfange, darüber nachzudenken, ob das Schneidebrett eigentlich im rechten Winkel zur Tischkante liegt, wird mir die ganze Sache unheimlich. Vielleicht doch einfach ein Bier, das scheint mir eine entspannte und vor allem unverfängliche Angelegenheit zu sein. Ich flüchte mit Alkohol und Zigaretten auf die Terasse. Als ich nach einem Bier leicht bedüdelt wieder hereinkomme, scheint sich die Sache mit den rechten Winkeln erledigt zu haben. Dafür ist mir schlecht – Entspannung und Alkohol am hellichten Tag ist nix für Weicheier.

FREEZE – Nobody move

Die Frage, ob wir mit dem Jahr 2012 auf irgendeine apokalyptische Angelegenheit zusteuern, möchte ich gerne an die Kornfeldgucker outsourcen, denn wer in umgefallenem Getreide binäre Codes entdeckt, dem fällt sicher auch zum jüngsten Gericht direkt vor unserer Haustür irgendwas Lustiges ein. Während des unerschrockenen Mitschwimmens im großen Alltagsstrudel, beim engagierten Festhalten verschiedenster Gäule und Hochhalten diverser Fähnchen begegnet einem allerdings eine Art von Plage, die zwar nicht biblischen Ursprungs ist, aber Heuschrecken, Hagel und schwarzen Geschwüren in nichts nachsteht. Wir sprechen vom MULTI TASKING!!
In meinem Alltag als Vollzeitstudentin, Bibliotheksmitarbeiterin, Teilzeittherapeutin, gedanklicher Volkshochschuldozentin, Lebensgefährtin, Blogautorin, Kräuterhexe und Rockstar in spe jage ich diesen Softskill auf alle erdenklichen Arten, in der Hoffnung, ich hätte ihn irgendwann mal erlegt und dann würde hier Ruhe einkehren! Es muß doch diesen magischen Moment geben, wo mal das Gröbste erledigt ist und sich ein entspannendes doppelflügliges Zeitfenster in Gestalt eines flauschigen Wohlfühlkissen vor einem ausbreitet. Da will ich hin, es scheint ganz nah! Jetzt nur noch schnell die Wäsche in den Schleudergang, die Hausarbeit fertig schreiben, ein bißchen arbeiten gehen, das Klo putzen, ein wichtiges Gespräch mit einer Freundin führen und eine Lebendfalle für die Maus kaufen, die gerade überall in unserem Haus Hantaviren verteilt. Und dann darüber bloggen! Ist doch alles machbar! Und so beeile ich mich, schleudere meine Hausarbeit, blogge die Mausefalle und schreibe seitenweise Wäsche, während das Klo arbeiten geht und die Hantaviren mit der Freundin telefonieren. Auf das flauschige Kissen im doppelflügligen Zeitfenster, welches sich am Ende des Tunnels materialisieren sollte, warte ich vergebens.
Statt dessen zieht ein leerer Kühlschrank herauf, gefolgt von einem Referat zu einem unsäglichen Thema, einer Steuererklärung und Teilen eines fremden Gartenhäuschens, das der Sturm in meinem Blumenbeet platziert hat.
FREEZE, bedrohe ich mich gedanklich. Erst das Kissen, vorher wird hier garnix Neues angefangen! Dann kommt mir die schlaue Idee, dass ich zu meiner Entspannung ja genausogut nichtstuend im Garten rumstehen kann, vielleicht kommt mir ja beim Nichtstun eine schlaue Idee, wie ich das Gartenhauswrack aus meinem Blumenbeet kriegen kann. Oder ein lustiger Gag für einen Blogartikel?

Ma Baker

Gib mir 5!

5 gewinnt.

Hooray, Lotti ist 5! Das bedeutet einerseits, dass sie nun reifer, verständiger, selbstbewusster, frecher, widerspenstiger, bockiger und noch eigenwilliger ist als je zuvor; andererseits, dass es nur noch ca. 15 Jahre bis zu ihrem Auszug sind. Wenn man 5 wird, bekommt man einen Kindergeburtstag, und was für einen. Ich weiß nicht, was Lotti sich konkret vorstellte, als sie seit Ende November den Countdown bis zum Tag X runterzählte („Noch 32 Mal schlafen, noch 31 Mal schlafen, noch 30 Mal….“). Dass sie einen Abend vorher („Gell, Mama, nur noch EINMAL SCHLAFEN?!???!!!!“) nicht hyperventilierte, grenzt an ein Wunder.

Der Tag X ist da und fängt erstaunlich entspannt an. Zuerst kriechen Hotti und Lotti unter meine Decke zum Wachschnuckeln, dann gibt’s Bescherung, Hotti und ich schmettern „Heute kann es regnen, stürmen oder schnein“, Lotti strahlt rolfzuckowskimäßig wie der Sonnenschein, wir setzen die Geburtstagsqueen auf ihren mit Luftschlangen und Luftballons geschmückten Thron, diese packt Geschenke aus und ist im Rosaglitzermädchenglück (ein rosa Glitzerspiegel, ein rosa-lila Glitzereinhorn, eine rosa Glitzerperücke mit Blümchenhaarreif), alle stopfen noch im Schlafanzug Kuchen in sich rein. Später kommt der Hotti-Lotti-Papa, sogar fast pünktlich, bringt Muffins mit und verwandelt mit den beiden das Kinderzimmer in ein Girlanden-Luftballon-Luftschlangen-Paradies. Alles prima.

Ich setze „Schnaps“ auf meine innere Einkaufsliste

Und dann geht’s rund, die Gäste kommen, alle auf einmal, alle haben einen totalen Feiertagshaschmich, und kein Elternteil, das seinen Spross zwischen den Jahren bei mir abstellt, versäumt darauf hinzuweisen, wie großartig sie das finden, dass sie jetzt mal einen Nachmittag Pause haben und sie so unverhofft zum Shoppen / zum Friseur / zurück ins Bett gehen können. Juhu, ich komm‘ mit. Den Auftakt macht Paul, der in dem Moment, als er feststellt, dass seine Mutter das Geburtstagsgeschenk wieder mitgenommen hat, schlicht durchdreht. Auch als seine Mutter zwei Minuten später wieder auf der Matte steht, um das Geschenk abzuliefern, ist für Paul die Party gelaufen, er will heim und zwar sofort, und ich bange um meine Fensterscheiben. Währenddessen versucht ein Papa, sein Kind im Kinderzimmer bei den anderen Gästen zu parken, aber sein Kind will nicht, weil die anderen zu laut sind und das Kind eher leise. Nach langem Hin und Her kann der Papa gehen, und das Kind klebt nicht mehr an seiner Hand, sondern an meinem Bein. Nebenan flippen 7 überdrehte, feiertagsaufgestaute, mit Süßigkeiten vollgestopfte, partygeile Vorschulkinder komplett aus, ich bin froh, dass das Hochbett an der Wand festgeschraubt ist, und spiele mit dem Gedanken, einen Schnaps zu trinken, habe aber leider keinen da. Ich setze „Schnaps“ auf meine innere Einkaufsliste.

Und dann werfe ich mich todesmutig ins Auge des Kinderpartytornados, zwinge die Berserker zum Flaschendrehen und strukturierten Geschenkeauspacken, verfrachte sie an den Kuchentisch, wo sie sich mit noch mehr Süßbapp vollstopfen, verbinde ihnen die Augen, drücke ihnen Kochlöffel in die Hand und zwinge sie auf den Boden: „LOS, TOPF SUCHEN, ALLE HELFEN MIT, WÄRMER, WÄRMER, KÄLTER, WÄRMER, HEEEEI???, JAAAAA!!!! LOS UND DER NÄCHSTE, HOPP!!!“ Das ist der Punkt, wo Hotti sich langweilt, nur noch doof im Weg rumsteht und ich sie entnervt in ihr Zimmer schicke, woraufhin das Geburtstagskind anfängt zu heulen und sagt, was das für ein blöder Geburtstag ist, und so hätte sie sich das alles überhaupt nicht vorgestellt. Innerlich kippe ich einen zweiten, dritten und vierten Schnaps. Und atmen. Unerwartet interveniert plötzlich der Hotti-Lotti-Papa und sediert für ein paar Minuten den ganzen Haufen mit seinem Phlegma und den neuen Plemo-Spielsachen.

Dann noch Schatzsuche in der eigenen Wohnung (und alle so yeah), Brezeln, und der Spuk ist vorbei, die Meute wird abgeholt, meine Hülle sinkt auf dem Küchenstuhl in sich zusammen. Für den nächsten Kinderwahnsinn notiere ich: 1. Auswandern in ein Kinder-Hüpf-und-Kreisch-Center. 2. Schnaps, viel.

Wunschzettel II

Da Hotti und Lotti mich nicht nur haben ausschlafen lassen (abgesehen davon, dass sie um 7 Uhr auf Zehenspitzen zu meinem Bett geschlichen sind, um mir ganz vorsichtig ins Gesicht zu flüstern: „Mamaaaaa, wo ist die Schnur von meinem Baaademaaaaantellll?“), sondern auch seit geraumer Zeit ihre Barbies an- und ausziehen und Glitzernikoläuse in Serie herstellen, konnte ich heute Morgen ungestört meinen eigenen Wunschrecherchen nachgehen. Und nun, dear Ladies and Gentlemen, ist es so weit, wie lange haben wir auf diesen Augenblick gewartet, und hier ist er, we proudly present: den Wunschzettel der aktuellen. Dabei herausgekommen ist ein wildes Medley, das in etwa meine momentane Verfassung widerspiegelt.

Ok, wir müssen leider kurz unterbrechen, ich bekomme von Hotti gerade einen weiteren Glitzernikolaus geschenkt, den es entsprechend zu würdigen gilt, und Lotti vermisst ihre 297. gerade gebogene Büroklammer, die sie zum Aufstechen ihrer zugeklebten Kleberflasche benötigt. Abgesehen davon langweilt sich Hotti gerade zu Tode, weil sie niemanden ihrer Klassenkameraden auftreiben kann, aber Besuch haben will, während Lotti den Boden um meinen Schreibtisch herum mit Überraschungseikrümeln übersät. Überraschung. So, und jetzt ist den beiden eingefallen, dass ihr Papa heute Geburtstag hat und sie ihm deswegen am Telefon ein Ständchen bringen wollen. Aber nicht irgendeines. Deswegen haben sie jetzt alle Liederbücher dieser Welt – vor meinem Schreibtisch – ausgebreitet und singen jetzt mal alles an, was sie so kennen und nicht kennen. Jetzt ist die Schokolade vom Ü-Ei aufgefressen, daher muss ich nur eben ganz kurz das gelbe Plastikding aufmachen, heraus kommt eine Schildkröte, zum Glück ist sie schon fertig und ich muss ihr nicht noch die Beine in den Panzer stecken. Und jetzt sind sie neugierig geworden, was ich da eigentlich mache, so dass ich ihnen kurz erkläre, dass ich sie gerade ins Internet stelle. Lotti kreischt: „Nein, Du sollst uns nicht ins Internet stecken!“ Vielleicht ist das die schwarze Weihnachtspädagogik des digitalen Zeitalters: Statt zu drohen „Wenn Du nicht mit xy aufhörst, kommt Knecht Ruprecht mit der Rute / bringt das Christkind nur Kartoffeln!“ kommt man den Kindern von heute mit „Wenn Du nicht Dein Kinderzimmer aufräumst, steck‘ ich Dich ins Internet! Oder ins Kindermedienland.“

Was zu beweisen war. Genau deswegen weiß ich nicht, was ich mir wünschen soll. Also nochmal von vorne:

„Liebes Christkind!
Ich wünsche mir dieses Jahr zu Weihnachten:

eine Haushaltshilfe (Perle)
eine Glitzerstrumpfhose
alle Staffeln von Scrubs
alle Staffeln von Sex and the City
alle Staffeln von Scrubs and the City
Drei Nüsse für Aschenbrödel-DVD
keine Bücher
Kinder, die nicht riechen, wenn man sich 5 Minuten ausklinken will und ganz viele Pralinen (von Reber)

Ich war meistens brav und kann auch ein Gedicht.
Deine
aktuelle (35 Jahre alt)“

Oh, da liegen ja ein Lebkuchen und ein Schokoherz auf meinem Schreibtisch, die haben wohl die Weihnachtswichtel hier platziert… Man bekommt ja so viel zurück!

Offener Brief an Frau Müller-Lüdenscheidt

Werte Frau Müller-Lüdenscheidt!

Kein Problem!

Schon Johanna von Koczian kam anno 1977 in Rechtfertigungsnöte, als sie sang: Das bisschen Haushalt ist doch kein Problem, sagt mein Mann. Auch Johanna wuchsen anscheinend die einen oder anderen Dinge über den Kopf, war von den alltäglichen Anforderungen ihres Schlagerfilm- und Hitparadenlebens heillos überfordert und wurde damit zum Idol zahlloser 80er-Jahre-Hausfrauen inklusive meiner Mutter. Und dabei hatte sie nicht mal Kinder, geschweige denn einen Blog!

Was treibt die Frau den ganzen Tag?

Aber Sie haben natürlich vollkommen Recht: Man kann nicht Leute anfixen und ihnen dann keinen neuen Stoff besorgen. Genauso wenig kann man einen Blog betreiben und dann nicht schreiben. Und natürlich sind Sie nicht die einzige, die schweißgebadet, zitternd und zähneklappernd auf Turkey vor dem Rechner sitzt und auf Nachschub wartet. Nein, auch Monsieur Ackerpaul und vermutlich zehntausend Andere sind seit Wochen vollkommen hilflos, weil ihnen durch die Absenz von Lady Blablas Horrorskop jegliche Orientierung flöten gegangen ist. (Warum DIE allerdings nicht schreibt, weiß ich auch nicht – DIE hat doch den ganzen Tag weißgott nichts zu tun.)

Die Preisfrage lautet nur wie immer: WANN, zum Teufel, soll man schreiben? Bei zwei pflegeleichten Kindern und einem popeligen Halbtagsjob fragt man sich natürlich unwillkürlich: Was treibt die Frau den ganzen Tag? Um meine Fangemeinde ein bisschen mit dem harten Los der versorgungstechnischen Unregelmäßigkeit auszusöhnen, gewähre ich jetzt und hier exklusiv intime Einblicke in die Abgründe meines Familienplaners – und sagt hinterher nicht, so genau wolltet Ihr’s gar nicht wissen! Hier ein wildes Medley der letzten zwei Wochen:

Kalenderwoche 18: Kinder nicht vergessen!!

  • Kindsvater 2 Wochen Türkei, keine Fahrgemeinschaft mit Mr. Sonic, Kinder selbst abholen (nicht vergessen!!)
  • 10:25 Lancelot Flughafen (Exilende NY, Vulkan hat Einsehen)
  • Die Muffia schlägt zurück: Freispiel statt Kinderbespaßung.

  • 17:15 Hotti Zirkuskurs Ende
  • alleine fahren, 17:00 Hotti und Lotti im Kindi abholen (nicht vergessen!!)
  • 09:30 Frühstücken Giannini
  • 14-17:00 Teambesprechung
  • 16:00 Zirkusvorstellung Zambaioni, Susi abholen, will mit (nicht vergessen!!)
  • Lotti besucht Sophia, Hotti besucht Maria: beide abholen!!!
  • 10:00 Winterreifen wechseln
  • 16:00 Frau Futz (Lottis Logopädin)
  • Pietra Geburtstag, erstmals vergessen, Scheiße, sorry!!!
  • Betriebsausflug Schule Hotti, 12:30 Schulschluss, keine Betreuung!
  • 15:30-18:30 Rulle Kindergeburtstag: Muffins backen + Fanta helfen (Kinder bespaßen), Geschenke besorgen (Zahnbürstendose + Kulturbeutel)
  • Zelt probeaufbauen für Frankreichurlaub (fällt aus, Regen…)
  • Peter mit zu Lotti, Saso (anderes Kind) von anderem Kindi abholen (auf keinen Fall vergessen!!!)
  • 20:15 Tatort mit Frau Odenthal

  • Kalenderwoche 19: Welchen Schlafanzug nehme ich mit?

  • Tagesmutter fällt aus, Ersatz organisieren!
  • Neue Mitarbeiter, Redaktionssitzung
  • alleine fahren, 17:00 Hotti und Lotti Kindi abholen (nicht vergessen!!)
  • 15:15 Frau Futz (Logopädin)
  • Ricky und Martin zu Besuch bei Hotti (Vater holt ab)
  • 10:00 Geburtstagsfrühstück Ma Baker (zu Hause, weil Hotti krank) (Geschenk!!!)
  • 14-17:00 Lancelot (Fußball)
  • 19:30 Geburtstagspizza bei Ma Baker
  • Kumi-Papier mit Dr. Sprite, Donnerstag!!
  • Pädagogischer Tag Schule Hotti, schulfrei (scheiße).
  • Elternsupport Fremdkinderbetreuung: Pizza backen, Nachtisch! (undankbare Kinder, nächstes Mal: Ravioli!!)
  • Hotti: Geburtstag bei Hansi, Geschenk besorgen! (Lego-Hubschrauber oder -Boot)
  • Brückentag: schulfrei (juhuu!!)
  • Freitag: Kindsvater Türkei zurück, Übergabe Hotti+Lotti
  • Wellness-Wochenende in Kurhotel Münze (welchen Schlafanzug nehme ich mit???)
  • Sonntag: Urlaubsplanung mit Salvatores (Sonnencreeeeeeme!!!)
  • Kinder zurück.
  • Uswusw.
  • Strichbienen, Zahnarzt, URL ändern!

    Als Daueruntermalung: Nölige/ kranke Kinder, entzündete Nebenhöhlen und Bindehäute, emotionale und anderweitige Ver- und Entwicklungen, da kommt man dann auch wieder nicht zum Schreiben geschweige denn zum Schlafen. Reicht Ihnen das, liebe Frau Müller-Lüdenscheidt, oder möchten Sie noch mehr?

    To do: Bloggen!


    Als absolutes Entschuldigungs-As im Schlamper-Ärmel hätte ich noch die terminunabhängige To-do-Liste zu bieten, da stehen dann so Sachen drauf wie: Strichbienen für Giannini, EDV-Prinz: Wunderbra-URL ändern!! oder: Bloggen!!!

    Für KW 20 stehen an: Ressort-Sitzung, Zahnarzt, Logopädin, Kinderbesuch, Personalratswahlen und: URLAUB – und das, meine liebe Frau Müller-Lüdenscheidt, mit Ihnen!

    Es grüßt Sie herzlichst und in heller Vorfreude:
    Ihre aktuelle

    Update

    Lissabon, Berlin, New York, Rio, Lingendingen – ja, die Hausfrauen und Mütter von heute kommen herum in der Weltgeschichte. Allerdings gilt es als moderne Frau ja nicht nur durch Metropolen zu jetten, Kinder zu bespaßen und an der Karriere zu feilen, nein, man hat darüber hinaus selbstverständlich auch ein erfülltes Sozialleben vorzuweisen. Gerade Letzteres gestaltet sich allerdings nicht ganz so einfach, weil natürlich alle anderen supermodernen Freundinnen-Frauen ebenfalls darum ringen, Städtehopping, Kinder, Karriere und Socializing unter einen Hut zu bringen.

    Wir brauchen Doubles!

    Das sieht dann so aus, dass man an seinem kinderfreien Wochenende Telefon, Adressliste und Kaffee-Venentropf im Bett postiert und ab 9 Uhr morgens Gespräche in einer Frequenz führt, die jedem Callcenter-Chef Tränen in die Augen treiben würde. Um 15 Uhr bin ich zwar reizüberflutet, aber auf dem neuesten Stand.

    Strichbienen, tiefgefrorene Nagetiere und Frau Odenthal

    Giannini möchte mit mir, Hotti und Lotti nach Südfrankreich in den Urlaub fahren und braucht Strichbienen. Schwester S hebt ein Grab aus für Hamster Willi, der zwar bereits letzte Woche verstorben ist, aber wegen Kind und Arbeit noch nicht bestattet werden konnte und daher seit seinem Ableben in der Tiefkühltruhe zwischengelagert wurde. Meine Mutter hat ihren kleinen Kater nach stundenlanger Suche im Garten schließlich auf der Markise wiedergefunden, glücklicherweise noch vor dem Einkurbeln. Schwester T hingegen ist in der nordhessischen Provinz verschollen, auch Captain Janeway bleibt unerreicht, ich simse ihr, Missy RB, Pietra und Celada bekommen E-Mails. Ma Baker muss für die nächsten zehn Tage ihrem Angestelltenverhältnis im Irrenhaus nachgehen und daher diesen Sonntag bei der Mädchengruppe Tatort leider aussetzen, im Gegensatz zu Frau Odenthal sowie den Herren Bootz und Lannert, mit denen ich ein ganz reales Date für Sonntagabend, 20.15, arrangieren kann. Es gibt noch Konstanten. Heureka!

    Onkel Alfred schaffe ich heute nicht mehr

    Tante Marion muss warten.

    Onkel Alfred und Tante Marion verschiebe ich auf morgen, die schaffe ich heute nicht mehr. Dafür erwische ich Boccaccia, die ich schon Ewigkeiten weder gehört noch gesehen habe. Sie hat einen neuen Job, ein neues Auto, die Malerrolle in der Hand, ihr Kind und den alten Vermieter am Rockzipfel und steckt mitten im Umzug. Wir telefonieren nur kurz und versichern uns gegenseitig, dass wir uns ganz bald treffen. HA! Nichts leichter als das!

    Frau Erdinger und ich verabreden uns noch für denselben Abend für einen ganz konkreten Spaziergang mit echter Face-to-face-Kommunikation, wir sind beide zutiefst erschüttert ob derartiger Spontaneität. Bei Fanta versuche ich es gar nicht erst, sie verbringt das Wochenende im bayrischen Ausland, und Urschula, die ich eigentlich in ihrem Gütle besuchen wollte, muss ich leider versetzen, weil ich mit dem Hörer in der Hand einschlafe.

    Her mit dem bedingungslosen Grundeinkommen!


    Fazit: Wir alle brauchen entweder jede 20 Doubles oder das bedingungslose Grundeinkommen. Oder wie ein Typ auf der Re:publica meinte: Mein Tag hat 48 Stunden, ich bräuchte 72.

    Wie war die Woche, Liebling?

    Es ist zwar erst Donnerstag, innerlich habe ich diese Woche allerdings bereits abgehakt und würde gerne zur nächsten übergehen. Zeit also für einen kleinen Rück- und Ausblick.

    Montag: Tschüss Auto
    Die Woche beginnt mit einer qualmenden und nach Schwefel stinkenden Autobatterie (vier Monate alt) und das einen Tag, bevor ich mit meinen werten KollegInnen Frau Dr. Sprite und Mr. Sonic zu einem Workshop im Siebenzwergegebirge fahren soll. Leider kann mir keiner der vier Autohelden, die ich zur Rettung von R2D2 (mein Auto, 17 Jahre alt) bemühe, spontan wirklich weiterhelfen. Die Ferndiagnosen reichen von Kurzschluss über Marder bis hin zum Lichtmaschinenregler. Mein Haus- und Hofmechaniker ist leider für die nächsten zehn Tage verhindert, also gibt mir eine Freundin die Nummer ihres Haus- und Hofmechanikers. Wie sich herausstellt, handelt es sich dabei um denselben.

    Dienstag: Ein Käfig voller Narren
    Wir fahren also mit einem anderen Auto zum Workshop ins Siebenzwergegebirge. Offizielles Thema ist „Laubsägearbeiten – früher und heute“, aber darum geht es nicht. Man fragt sich, warum man sich inhaltlich vorbereitet hat und nicht psychisch und kampftechnisch. Der Raum ist voll von Profilneurotikern, die den Mund nicht zubekommen, das Seminar eine Plattform für lauter kleine Egomanen. Ich komme mir vor wie zu Hause: ICH!! Nein, ICH!! IIIIICH!!!!!! Willichnicht!!! Willnichtwillnichtwillnicht!!!!!!! Dagegendagegendagegen!!! Du bist sooo blöööd!! Ich mach nicht mehr mit!!!! 55jährige Männer, die sich aufführen wie Dreijährige, das ist nicht schön.

    Mein persönlicher Tiefpunkt ist erreicht, als der Seminarleiter mich beiseite nimmt und fragt, ob diese Augen lügen könnten. Erschrocken drehe ich mich um, möglicherweise steht jemand neben mir, den ich übersehen habe, ich sehe aber niemanden, er muss meine Augen meinen, aber wieso sollten diese lügen können, mir ist der Sinn seiner Worte überhaupt nicht klar, also stammele ich eine Antwort, die irgendwo zwischen „Auf gar keinen Fall!“ und „Gar keine Frage!“ angesiedelt ist, und flüchte mich zu meinen KollegInnen in die Raucherecke (nachträglicher Vorsatz für 2010: Dringend wieder mit Rauchen anfangen!!!). Nach einem Tag unter hochgradig psychisch Auffälligen möchte ich nur noch schlagen.

    Mittwoch: Tschüss Computer
    Mein Laptop verabschiedet sich. Immer, wenn er sich anhört wie ein Staubsauger, weiß ich, er raucht gleich ab, spätestens in zwei Minuten. Ich hasse diesen Sound. Organisiere Auto, um am nächsten Tag zur Arbeit zu fahren.

    Donnerstag: Tschüss Gesundheit
    Habe mit Fanta ein hochdiffiziles Autoarrangement ausgetüftelt inklusive Kinderbetreuung und -logistik, um entspannt (HA!) arbeiten zu können. Nach zehn Minuten auf der B 12784563 stelle ich fest: Ich bin krank. Hatte ich komplett ausgeblendet. Husten, Schnupfen, Halsschmerzen, dröhnende Kopfschmerzen, ich drehe um, fahre heim, lege mich ins Bett und stehe erst wieder auf, als ich Hotti und Lotti von ihren Freundinnen holen muss.

    Donnerstagabend: Hallo Außerirdische
    Habe fremde Lebensformen in meinem Badezimmer entdeckt. Sie benehmen sich unflätig, grölen lautstark Lieder (klingt nach AC/DC) und haben Klorollen-Rüssel im Gesicht. Es entbrennt ein Machtkampf darum, wer zuerst aufs Klo darf. Sie rüsseln sich gegenseitig weg von der Toilette hin zur Badewanne, schließlich gewinnt das mit dem stärkeren Rüssel. Lese den Extraterrestrianern Schneeweißchen und Rosenrot vor („Ich bin Schneeweißchen!“ „Nein, ICH!“), nicke dabei weg, werde unsanft in die Rippen gestoßen, frage mich, was so schlecht an Rosenrot ist, lese fertig, Stimme verabschiedet sich. Zeit für mich ins Bett zu gehen.

    Freitag bis Sonntag: Wünschdirwas
    Schlafe durch bis Sonntag. Zwei brave, gekämmte, stille Mädchen bringen mir um 12 Uhr mittags leise eine große Tasse Milchkaffee ans Bett, dazu ein Hörnchen, frisch vom Bäcker, und schleichen auf Zehenspitzen ins Kinderzimmer zurück, um dort ruhig, gesittet und friedlich bis zum Abendessen zu spielen, das selbstverständlich sie anrichten. Ich lese mein Buch fertig (Working Mum, HA! Liest sich wie mein eigenes Tagebuch.), schaue eine DVD nach der anderen und träume vom Sommer.