Zirkusmutti

ZirkusmuttiVier alle haben ein neues Hobby: den Lingendinger Kinder- und Jugendzirkus Cannelloni, der an zwei Wochenenden im Frühjahr mit seinem Programm das Publikum beglückt. Glanz und Glamour bleiben dort per definitionem zwar nur den Heranwachsenden in der Manege vorbehalten. Aber auch die Eltern, Geschwister und sonstigen Angehörigen mit zu viel Zeit und Enthusiasmus dürfen sich jenseits von Ruhm und Rampenlicht nach Strich und Faden selbst verwirklichen. Während Hotti also am Trapez baumelt, Flugrollen macht und als Piratin mit Pois herumfuchtelt, entfalten Chéri und ich uns unter anderem am Kuchen- und Würstchenstand. Da Lotti noch zu jung für die Manege ist, aber bereits mit den Hufen scharrt, macht sie derweil mit anderen Geschwisterkindern in der Warteschleife Karriere im Popcornverkauf.

Auch ansonsten bietet der Zirkus unzählige Betätigungsfelder und Gewerke, bei denen sich die Familien zu ungeahnten Höchstleistungen aufschwingen können. So glänzen manche Eltern beim Frittieren von Langos, andere entfalten sich beim Lose-, Getränke- oder Kartenvorverkauf oder entdecken ihre Leidenschaft für das Auf- und Zuziehen der Theatervorhänge während der Vorstellungen. Wieder andere entpuppen sich als passionierte TontechnikerInnen, MaskenbildnerInnen, Sicherheitsbeauftragte oder Spendendosenbastler. Eine Großgruppe brilliert bei der Artistenverpflegung, ein anderes Team poppt Popcorn bis zum Exzess, und das Zirkusorchester, selbstredend bestehend aus Eltern, gibt ohnehin immer das Letzte. Dass die Zirkus-Community eine Zeitung herausgibt, die Requisite bastelt und das tonnenschwere Zirkuszelt selbst auf- und abbaut, versteht sich von selbst. Eine Zirkusmutter bringt es folgendermaßen auf den Punkt: „Du verabschiedest dich im Februar von deinen Freunden und hoffst, dass sie im Juni noch da sind.“ So ähnlich würde ich das auch unterschreiben: Wer uns im Frühjahr sehen will, kommt auf den Zirkusacker.

Nach zwei Aufführungswochenenden mit Blut, Schweiß, Tränen, Matsch, Erkältung und Adrenalin sind wir tot, aber glücklich. Ich habe keine Ahnung, wie die anderen Zirkusfamilien die Pfingstferien verbringen – wir schlafen.

P.S.: Hier eine sehr nette kleine Reportage der Lingendinger Studierenden Anna Schaden, Katrin Gildner & Sebastian Gabler (Klarnamen-Alarm!!!) über den Zirkus Cannelloni und sein diesjähriges Programm „Schrottkompott“:

Auf die Pferde!

Wichtige Information vorab

Da Wolverine aka Batman sich im Laufe der vergangenen 23 Monate zum Herzallerliebsten der aktuellen gefledermausert hat, wird er im vorliegenden Veröffentlichungsmedium hinfort nicht mehr als Wolverine auftreten, sondern nunmehr und für alle Zeiten als: Chéri (le vrai). Nur dass hier keine Missverständnisse aufkommen.

Aussichtsreiche Radtouren, herrliche Naturlandschaften

In den letzten drei Tagen machen es sich David Hasselhoff und Pamela Anderson an der Slipanlage gemütlich.

In den letzten drei Tagen machen es sich David Hasselhoff und Pamela Anderson an der Slipanlage gemütlich.

Für die Pfingstferien habe ich mir für unsere entzückende kleine Patchworkfamilie etwas ganz Besonderes ausgedacht: pädagogisch und sportlich wertvolle Radtour zum Podensee, schnuckeliger Bauernhof mit zauberhaften Tierchen (Ponyreiten), aussichtsreiche Touren in herrlichen Naturlandschaften. Mir schwebt ein Urlaub vor, an den vier alle noch im hohen Alter denken werden. Werden wir womöglich auch. Chéri, der bei uns für die Realität zuständig ist und als professioneller Familienhelfer mit der Lizenz zur Freizeitgestaltung glücklicherweise über einige Erfahrung in sozialer Gruppenarbeit verfügt, stutzt das von mir erstellte Programm auf Kindermaße zurecht, setzt ein Zugticket für die erste und schlimmste Etappe durch und verhindert so im Vorfeld womöglich den einen oder anderen Kreislaufzusammenbruch.

Radeln und maulen

Am Bahnhof wirft Lotti erst mal ihr Fahrradschloss auf die Gleise unter den Zug, und weil wir auf Reisegold verzichtet haben, muss sie sich aufgrund der Neigetechnik übergeben. Nach vier Minuten Radeln hat Lotti einen Stein im Schuh. Beide Damen klagen über Mückenstiche und darüber, dass das Kühlgel zu Hause vergessen wurde. Ich empfehle Spucke für die Stiche und verweise darauf, dass es „bei uns“ schließlich auch kein Kühlgel gegeben habe. Lotti kontert, dass sie und ihre Schwester „ja auch nicht aus dem 19. Jahrhundert“ kämen. Nach zwanzig Minuten haben sie keine Lust mehr auf Radfahren und fangen an zu maulen.

So geht es weiter, tagelang. Wir radeln und sie maulen. Auf unserem Bauernhof in Daisydorf, der auf einem steilen Berg außerhalb der Zivilisation liegt, gibt es keine zauberhaften Tierchen, Ponyreiten auch nicht. Außerdem wollen die Grazien lieber eine Villa am See, von wo aus sie direkt zum Shoppen oder Schwimmen können. Als zutiefst überraschend und ungerecht wird zudem empfunden, dass man selbst im Urlaub seinen Teller abräumen muss. Halte ich anfangs gut gelaunt die Schaut-doch-mal-wie-schön-das-hier-alles-ist-Fahne hoch, werfe ich den Damen schließlich bar jeder Contenance vor, dass ich mir das alles aber echt anders vorgestellt hätte und dass ich dachte, sie würden sich freuen – über so einen tollen Radurlaub. Und so. Das Gewitter hilft kurzfristig und sie heucheln sportlichen Ehrgeiz sowie aufrichtiges Interesse an den herrlichen Naturlandschaften.

Freilaufende Riesengehirne

Horrorhasen im Haustierzoo: Streicheln, lachen, staunen.

Horrorhasen im Haustierzoo: Streicheln, lachen, staunen.

Aber es ist nicht alles schlecht. So radeln wir in Ermangelung putziger Tierchen auf dem eigenen Bauernhof in den nächsten Streichelzoo („Streicheln, lachen, staunen“), essen Schnitzel und Lotti entdeckt freilaufende Riesengehirne. Wir schaffen es, die hässlichsten Rastplätze der Welt auszumachen, und Chéri überrascht mich, indem er nicht nur den Radprofi und Routenplaner, sondern auch den Klugscheißer in sich auspackt: Bergauf, bergab referiert er über Höhenmeter, Kraftumsetzung, Hebelwirkung sowie diverse geografische Gegeben- und Besonderheiten („Rhein rein, Rhein raus!“). Wir beobachten Störche und Fledermäuse, zählen Kuhherden und Mückenstiche, überfahren die Schweizer Grenze und besuchen Horny Tawny in ihrer neuen Zwangsheimat.

In der zweiten Wochenhälfte macht dann endlich eine Hitzewelle alleine den Gedanken an jede größere Tour obsolet. Wir lassen uns drei Tage im Strandbad nieder, stopfen uns mit Eis und Pommes voll und bewachen als Baywatch-Team von der Slipanlage aus Hotti und Lotti, die stundenlang kreischend vom Sprungturm in den See hüpfen. David Hasselhoff lässt sich gar zu einer Runde Schweinchen-in-der-Mitte herab. Und am Ende der Woche treibt es mir nahezu die Tränen in die Augen, als Hotti und Lotti sagen: „So schlimm war es gar nicht.“

Nachklapp

Als uns nach unserem Urlaub Hottis Freundin Annika besucht und ich sie frage, ob sie und ihre Familie nicht auch mal mit den Rädern zum Podensee gefahren wären, antwortet sie mit Grabesstimme: „Ja, wir mussten das auch mal machen.“

Metakind

Hotti steht über den Dingen.

Hotti steht über den Dingen.

Dass Hotti irgendwie über den Dingen steht, ahne ich erstmals, als sie mit zweieinviertel Jahren (damals zählte man noch die Jahresviertel mit) beschließt: „Ich werde immer größer, und dann trinke ich Kaffee und Sahne und Zucker!“ Bis dahin war sie recht dinglich und materieverhaftet wie jedes andere Kleinkind auch: Sie brabbelte, krabbelte, sabberte, lachte, tobte, nuckelte an ihren Füßen, aß tonnenweise Sand oder weckte mich, indem sie mir morgens liebevoll den Wecker ins Gesicht schlug. Sie nuckelte am Fußspray ihres Vaters, versenkte Spielzeug in meinem Kaffee und die Zahnpasta in der Toilette. Zuhause wickelte sie ganze Klopapierrollen ab, während sie im Schwimmbad auf die Wiese kackte und sich damit ordentlich einschmierte. Sie fiel vom Wickeltisch, kippte sich Joghurt über den Kopf und Waschpulver ins Gesicht, woraufhin ich mit Fanta schließlich einen Erste-Hilfe-Kurs für Kleinkinder an der Lingendinger Familienbildungsstätte besuchte.

„Du bestimmst nicht, was ich mache!“

Das zweite Mal werde ich auf die Neigung meiner Erstgeborenen, Dinge aus der Metaperspektive zu beschreiben, aufmerksam, als sie mir, etwa ein Vierteljahr später, um den Hals fällt und jubelt: „Ich bin eine Kraft!“ An ihrem ersten Tag im Kindergarten (die Erzieherinnen und ich hatten uns selbstverständlich auf eine ausgiebige und pädagogisch extrem wertvolle Eingewöhnung verständigt) schickt Hotti mich nach fünfzehn Minuten heim: „Du kannst jetzt gehen.“ Und als Lotti, ihre kleine Schwester, das Licht der Welt erblickt, konstatiert Hotti, nun drei: „Die Lotti is meine Freundin, gleich von geborn an.“ Kurz darauf findet sie allerdings: „Dass Du die Lotti stillst, ist für mich zu nervig.“

Um ihren vierten Geburtstag herum quittiert sie eine Aufforderung meinerseits, erst fertig zu essen und dann aufzustehen, mit den Worten: „Du bestimmst nicht, was ich mache!“ Und als die eineinhalbjährige Lotti tobt und kreischt, weil sie sich partout nicht anziehen lassen will, erklärt ihr Hotti, mittlerweile viereinhalb, das Prinzip Inkarnation und damit verbundene Widrigkeiten: „Ja, Lotti, so ist das, wenn man zu einer Mama geht, bei der man bleiben muss!“ Stutzig werde ich auch, als ich das Buch Gibt es intelligentes Leben? geschenkt bekomme, Hotti mich nach dessen Titel fragt und daraufhin stöhnt: „Ääähh, dann brauche ich mir das gar nicht anschauen.“

„Gott ist tot!“

Ihre Vorliebe für Abstraktion stellt sie ebenfalls nachdrücklich unter Beweis, als sie kurz vor ihrem fünften Geburtstag getauft werden soll. Als waschechte Lingendinger Übermutter versuche ich, Hotti dieses bedeutsame Ritual kindgerecht zu erklären, woraufhin sie mich anschaut, als hätte ich vollkommen den Verstand verloren, und erwidert: „Aber Mama – Gott ist tot!“ Bald darauf, es ist mittlerweile Herbst, erkennt sie: „Du ziehst uns doch nur so warm an, weil dir selber dauernd kalt ist.“ Und mit fünfeinhalb Jahren kommt sie schließlich zu folgendem Ergebnis: „Menschen sind komische Teile.“ Auf meine Nachfrage, was genau sie meine, entgegnet sie: „Na, wenn Außerirdische Menschen angucken, finden die die Menschen bestimmt voll komisch. So, wie die aussehen, und was die für komische Sachen machen.“

Nach Vollendung ihres sechsten Lebensjahres wiederum erklärt mir Hotti wutentbrannt: „Du behandelst mich wie ein Baby, obwohl ich schon so groß bin! Du sollst mich nicht immer rumerziehen wie ein Baby und sagen ,Hotti, tu dies, Hotti, tu das!‘ – Ich will über mich selbst bestimmen!!!“ Mit acht Jahren muss sie bereits über sich selbst lachen: „Ich habe mir ja mal Weltfrieden gewünscht. Dabei streite ich mich ja selber dauernd mit der Lotti – HAHA!“ Und mit zehn lobt sie sich selbst beim Ausmisten ihres Zimmers: „Ich bin stark, weil ich loslassen kann.“

„Ich habe ja kein Problem mit dem Wolvi…“

Und dann steht plötzlich Wolverine mit Blümchen vor unserer Tür und partizipiert zunehmend an den Gepflogenheiten unseres Hofes. Das Metakind, mittlerweile zarte zwölf, is not amused: „Ich habe ja kein Problem mit dem Wolvi, den kenne ich ja gar nicht. Aber ich habe ein Problem mit der Rolle, die er hier einnimmt.“ Das Ganze wirft sie offensichtlich einigermaßen aus der Bahn, denn bald fragt sie ihn entgegen ihrer sonstigen Gewohnheiten, bei einem offiziellen Kaffeekränzchen mit Tante Janeway, ganz konkret: „Willst du meine Mama eigentlich heiraten?“ Glücklicherweise findet sie schnell zu ihrer alten Form zurück. Als sie sich hinter abgeschlossener Badezimmertür die Augenbrauen fast vollständig und vollkommen ungleichmäßig auszupft und ich ihr dafür gehörig die Ohren lang ziehe, lächelt sie kokett und kontert: „Mama, ich bin halt in der Vorpubertät, da muss man alles mal ausprobieren.“ Zudem hat sich ihr jüngst der Daseinszweck ihrer aktuellen Inkarnation offenbart: „Ich weiß jetzt, was ich hier will: Weltreisen! Menschen beobachten und berühmte Denkmäler und so anschauen!“

Lotti, die grundsätzlich eine eher stoffliche und konkrete Art mit sich bringt, zeigt übrigens neuerdings ebenfalls Ansätze von Metagebaren. Neulich rennt sie mir am Wochenende um 7 Uhr 30 mit folgender Forderung die Schlafzimmertür ein: „Ich brauche Struktur!“

Der König der Scheißtage

Was bisher geschah: Nach einem psychosozial mehr als herausforderndem Sommer gelang es Hotti, Lotti und mir, uns gerade noch rechtzeitig in die Mutter-Kind-Kur nach Kloßburg abzusetzen. Oma Highspeed flog uns mit ihrem Silberpfeil direkt vor die Pforten des Müttergenesungswerkes, wobei wir lediglich einmal geblitzt wurden, und bevor Lotti Highspeeds neues Fluggefährt in den Serpentinen des Schwarzwaldes bis oben hin vollkotzten konnte, gelang es uns in letzter Sekunde, links ranzufliegen und die Tür zu öffnen, eine glückliche Fügung jagte quasi die nächste. Im Erholungsparadies angekommen, taten wir drei Wochen mit wenigen Ausnahmen von morgens bis abends wenig anderes als zu schlafen, zu essen, im Wald herumzuturnen und unsere sechzig Finger- und Fußnägel rauf- und runterzulackieren.

Entsprechend hart gestaltet sich nun der Aufschlag in der Realität. Seit geschlagenen zwei Wochen ringen wir in der irdischen Welt mehr oder weniger erfolgreich mit Weckern, Stundenplänen, Jahresberichten, Supermärkten, GEZ-Gebühren und Sitzungen. So ende ich nach einem Tag in der Öffentlichen Anstalt mit beeindruckenden 18 Tagesordnungspunkten auf einem dreieinhalbstündigen Hotti-Elternabend. Angesichts der uns bevorstehenden 15 TOPs raune ich Hanutas Mutter ins Ohr, dass wir uns unbedingt ein Radler hätten mitnehmen sollen, woraufhin ich einen leicht irritierten Blick ernte.

Lebendig an der Forschung teilnehmen

Zunächst stellt sich kurz und knackig der neue Konrektor vor, nachdem die alte Schulleitung sich zum vorigen Schuljahresende überraschenderweise quasi selbst abgeschossen hat. Anschließend stellt sich eine sehr junge und motivierte Frau vor, die sich dem „Analysieren der Prozesse im Rahmen der Entwicklung / Implementierung zur Gemeinschaftsschule“ verschrieben hat, Begleitforschung heißt das Zauberwort, das sie Eltern- und Lehrerschaft nun in einer ausschweifenden Powerpoint-Präsentation unterbreitet inklusive Phasen, Dauer, Zielsetzung, Maßstäben und Teilprojekten ihres Forschungsvorhabens. Zusätzlich erfahren wir, was die junge Motivierte alles nicht untersucht, nämlich Leistung, Kompetenzentwicklung sowie die SchülerInnen und Lehrkräfte als solche, schließlich gehe es ihr um pädagogische Professionalität, Unterrichtsorganisation und -kultur und natürlich Inklusion. Ihre gebündelten Ergebnisse werde sie als verschriftlichtes Reflexionsinstrument an die Politik weiterleiten, der damit wiederum fundiertes Steuerungswissen für die laufende Schulreform zur Verfügung stehe. Ein Vater meldet sich und bekundet, dass er es schön und besonders finde, so „lebendig an der Forschung teilzunehmen.“ Ich denke an den heutigen Facebook-Post von Horny Tawny „Heute regiert der König der Scheißtage.“, behalte dieses Bonmot jedoch für mich.

Be prepared!

Es folgt ein spontan eingeschobener Tagesordnungspunkt, in dem es um schulpolitische Interna der Vergangenheit geht, die laut referierendem Vater allerdings in schlappen fünf Minuten abgehandelt werden können. In der 14. Minute erinnert mich Hanutas Mutter daran, dass wir beim nächsten Mal keinesfalls das Radler vergessen dürfen, am besten zwei für jede. In der 20. Minute, in der es noch immer um das schulpolitische Inferno geht, beginnt mein Auge zu zucken. In Minute 30 wird auf Seiten der Elternschaft massiv der Wunsch nach mehr Transparenz und Demokratie laut, ich versenke mich innerlich in Felsen, Wasserfälle, esoterische Meditationsmusik und mein Bett. Nach diesem die Gemüter erhitzenden Punkt geht es im wilden Ritt weiter durch Schullandheimausflüge, Projektwochen, Elternvertreterwahlen, Herbstfeste sowie Rückmeldungen der Lehrerschaft über die allgemeine Verfassung von Hottis Klasse, die die Englischlehrerin euphemistisch als „diskussionsfreudig und interessant“ bezeichnet. In diesem Zusammenhang zeigen sich die Lehrkräfte in diesem Schuljahr extrem gut vorbereitet. Haben die lieben Kleinen beim Schwimmunterricht beispielsweise zufällig ihre Badehose vergessen, wird mit einer ebenso zufällig vorhandenen Tasche mit alter Bademode gekontert. Und auch dem Ungemach, das in Form zahlreicher Baustellen rund um das Schulgelände droht, begegnet die Klassenleitung mit gänzlich neuer Gelassenheit: Sie werde künftig mit dem Hubschrauber einfliegen. Nur mit dem Besen anreisen wäre cooler.

Der Albtraum nach Weihnachten

Nach maximal lässigen Feiertagen in Neukamerun streckt uns die Realität zurück in Lingendingen erbarmungslos zu Boden. Als erstes geben die Wasserrohre in unserem Mehrfamilienhaus den Geist auf, literweise ergießt sich über die einst von Dr. Sprite und Santa Claus geerbte Traditionsspülmaschine Dreckbrühe in Küche und Wohnzimmer. Ich organisiere den zuständigen Klempnernotdienst, der Retter naht bald, ich schicke ihn unter die Spüle. Als nächstes gibt Hotti den Geist auf, sie läuft zwar nicht aus, dafür klappt ihr Kreislauf zusammen, sie bekommt hohes Fieber und klagt über Halsschmerzen und Übelkeit. Ich schicke sie mit dem neuen MP3-Payer aufs Sofa, Lotti schreit, ihr sei langweilig und sie wolle jetzt The Nightmare before Christmas schauen, gedanklich schicke ich sie auf den Mond. Für meinen Geschmack ist der Albtraum nach Weihnachten schon jetzt perfekt, aber Kinder haben ja eine ganz eigene Vorstellung von Wahnsinn.

Ölverklebte Wasservögel verenden in meiner Küche

Jetzt meldet sich der Heilsbringer in der Küche mit seiner Diagnose zu Wort. Er verkündet, dass über all die Jahre Öl, Fett, Essensreste und sonstiger Schlonz die Wasserrohre im Haus verstopft haben, so dass sich das Abwasser der oberen vier Stockwerke ab heute aufgrund des Rückstaus durch meine Spülmaschine Bahn bricht. Mit einer sieben Meter langen Metallspirale bohrt der Gute den Schlonz aus den Leitungen, allerdings ohne einen Eimer unterzustellen, schwallartig schießt die klebrige, teerähnliche Masse aus dem Rohr in meine Küche. Vor meinem inneren Auge erscheinen sterbende Wasservögel, die einer Ölpest zum Opfer gefallen sind. Lotti schreit, sie wolle jetzt den Film sehen.

Das Gerät ist zu kurz

Nach zwei Stunden jammert der Klempner, sein Gerät sei leider zu kurz, er schicke morgen den Kollegen mit dem längeren Gerät vorbei. Er tut mir leid, ich denke, für einen Mann und Handwerker ist es nicht schön, Derartiges einzugestehen. Deprimiert zieht er ab. Lotti schreit, sie wolle verdammt noch mal jetzt den Film sehen, Hottis Fieber überschreitet mittlerweile die 39°-Celsius-Marke, sie sieht inzwischen selbst aus wie die Hauptfigur in Tim Burtons Weihnachtsgruselfilm. Da wir uns jedoch im infrastrukturellen Vakuum zwischen den Jahren befinden, haben sämtliche Lingendinger Kinderarztpraxen geschlossen, und die diensthabende Notärztin ist derart mit kollabierenden Erwachsenen überlastet, dass sie uns unmöglich konsultieren kann. Also lagere ich Lotti zu einer Freundin aus und fahre zwanzig Kilometer über Land zum nächsten Kindernotdienst, wo wir uns während zwei Stunden Wartezeit etwa fünfzig neue Krankheitserreger einkaufen. Wir tauschen mit Streptokokken, Hotti hat Scharlach. Damit sind Lottis Kindergeburtstag übermorgen sowie die geplante Silvesterparty gestorben. Als ich spätabends Lotti von der vermutlich nun ebenfalls infizierten Gastfamilie abhole, schreit sie, sie wolle noch heute Abend den Film sehen. Ich traue mich nicht, sie über die gestrichenen Festivitäten zu informieren.

Endlich: Praxisgebühr entfällt!

Am nächsten Tag habe ich Hals- und Kopfschmerzen und bin schlapp, Lotti ist übel. Der Klempnerkollege mit dem längeren Gerät kommt und veranstaltet eine neuerliche Ölpest in meiner Küche. Als er geht, ist das Wasserrohr wieder frei und die Spülmaschine kaputt. Dafür tropft es nun auch unter der Spüle. Hotti vegetiert weiter mit dem MP3-Payer auf dem Sofa vor sich hin und verteilt Streptokokken, Lotti ist bleich, will aber trotzdem den Film sehen und ich weiß nicht, ob ich töten oder sterben will. Ich entscheide mich für einen Kompromiss und verdonnere den Hotti-Lotti-Papa dazu, gefälligst den Geburtstagskuchen für seine Zweitgeborene zu übernehmen. Abends schauen wir den Film, Lotti findet ihn doof.

Am Tag vor Silvester sitzt ein in Tränen aufgelöstes Geburtstagskind vor einem geschmückten Tisch ohne Kuchen, Vater und Gäste. Lotti wird süße sieben, der HLP hat mit dem Kuchen verschlafen, wir alle sind krank, so einen bescheuerten Geburtstag hat es im Hause aktuelle selten gegeben. Und am letzten Tag dieses glorreichen Jahres hat dann schließlich doch noch die diensthabende Notärztin ihren großen Auftritt bei uns, sie überreicht uns zwei Rezepte für Antibiotika und sagt, dass es ihr herzlich leid tue, aber heute müsse sie uns noch die zehn Euro extra Notarzt-Praxisgebühr berechnen. Ab nächstem Jahr komme sie dann kostenfrei. Da bin ich aber froh.

Weihnachten in Neukamerun

Um potenziellen innerfamiliären Spannungen zu entgehen, die ja zum Fest der Liebe gerne mal rund um die Nordmanntanne auftreten, packen Hotti, Lotti und ich dieses Jahr am Tag vor Heilig Abend unsere Siebensachen und fahren über die Feiertage zu Santa Fanta und ihren Sprösslingen Mulle, Rulle und Wulle nach Neukamerun. Und siehe da: Friede auf Erden, die Autobahnen 8, 5 und 656 sind frei, die Kinder verschwinden abgesehen von kurzen Unterbrechungen für drei Tage in ihren Zimmern und spielen harmonisch Polizistenraub und Laserlego, während Fanta und ich lesen, den Biomüll vor die Tür tragen, Radler trinken und so lange Tatort glotzen, bis wir Mordopfer, Kommissare und Verdächtige nicht mehr auseinanderhalten können.

Heilig Abend, Neukamerun: Das Krönchen sitzt

Am Morgen des 24. Dezember planen Fanta und ich die Choreografie des Tages: Frühstücken, einkaufen, Baum schmücken, kochen, die Kinder ablenken und zeitgleich die Geschenke ins Wohnzimmer zaubern, essen, musizieren, Geschenke auspacken, und dann machen wir es uns gemütlich! Ein guter Plan, in weiten Teilen geht er sogar auf: Wir schmücken den Baum, dieses Jahr nicht in Naturgrün und mit frischen Äpfeln, sondern in Pink und Glitzer. Wir schälen tonnenweise Kartoffeln für einen Gratin, den Fanta leider mit einem Stinkekäse überzieht, der nicht so wirklich zum Fisch passt, aber egal, in Bethlehem gab’s gar nichts, nicht mal Stinkekäse. Das Christkind beamt unbemerkt die Geschenke unter die Tanne, derweil trudeln Urmel und Elsa ein, Fantas Eltern, die leichtsinnigerweise den Abend mit uns verbringen möchten. Unser Krönchen sitzt, wir haben alles im Griff. Gemeinsam essen wir den halbrohen Stinkegratin, spielen Blockflöte und trällern Weihnachtslieder, und wider Erwarten platzt dabei auch keines der Kinder, weil es sich nicht bis zur Bescherung gedulden kann. Letztere verläuft recht hektisch, aber glimpflich, wir bekommen alle Schlittschuhe und sind glücklich, nur Lotti verliert vorübergehend die Fassung, weil das beim Christkind in Auftrag gegebene und so sehnlich erhoffte Freundebuch fehlt. Danach gibt Urmel noch ein selbstverfasstes Weihnachtsgedicht zum Besten, die Kinder schlafen reihenweise ein, und dann ist auch dieser Heilige Abend Geschichte.

Polizisten auf der Drehscheibe

Der 25. Dezember lässt sich ebenfalls unverhofft gediegen an. Zwar hat die Eislaufbahn geschlossen, auf der wir unsere neuen Kollektivgeschenke ausprobieren wollen, dafür kommt es in den Kinderzimmern zu recht ungewöhnlichen Konstellationen wie Konversationen. So spielen ausgerechnet Teenie-Hotti und Lego-Wulle Verbrecherjagd mit dem neuen „Polizeiauto mit Gefängnis hintendran“. Hotti erläutert die Vorgaben: „Die Polizisten verlieren immer, das ist die Regel. Die werden dann ausgeraubt, und das ist dann Pech.“ Ja, so ist das im Leben. Als nächstes will Hotti den Polizisten rauben, allerdings etwas vorschnell, Rulle weist sie zurecht: „Du musst erst mal die Autotür aufmachen, du Dödel!“ Nach vollzogenem Polizistenraub finden die zwei, der Gute müsse jetzt gefoltert werden, und zwar auf der Drehscheibe: „Wird dir schnell schwindelig?“ „Ja.“ „Super, dann setz‘ dich hier auf die Drehscheibe!“ Der Polizist fängt an zu heulen, doch die Gangster kennen kein Erbarmen: „Wenn du weiter so flennst, kommt auch noch die Bombe zu dir!“ Wulle befiehlt: „Gib mir das MASCHINENGEWEHR, die MASCHINENGEWEHRE kommen hierher, wir brauchen mehr MASCHINENGEWEHRE!!“ Und den Menschen ein Wohlgefallen. Als es schließlich hart auf hart kommt, kreischt der Polizist: „Du kannst mich nicht, ich bin Laser!“

Agenten auf der Terrasse

Fanta und ich machen es uns derweil auf dem Sofa gemütlich, ich lese mein neues Schneckenbuch vom Herrn Nachbarn und Fanta säuselt wohlig: „Man könnte fast vergessen, dass wir Kinder haben.“ Im selben Moment schlagen Mulle, Wulle und Hotti fast die Terrassentür ein: Sie sind als bis an die Zähne bewaffnete Agenten im Garten unterwegs, fordern Plätzchen und wollen Benjamin Blümchen hören, und zwar ein bisschen plötzlich. Gleichzeitig betreiben Rulle und Lotti im oberen Stockwerk ein Gruselzimmer: „Wir setzen uns in den Schrank und leuchten mit der Barbielampe, und wenn jemand kommt, werfen wir den Schwabbeltiger!“ Und wo wir schon beim Gruseln sind, wärmen wir abends lediglich die Reste des Stinkegratins auf, dessen Kartoffeln heute endlich durch sind.

Am 26. Dezember schließlich verlassen uns nacheinander Contenance, Grammatik und Semantik. Fanta und ich bellen abwechselnd Kommandos wie: „Es wird nicht mit Dreckservietten geworfen!“, „Es wird nicht ums Sofa oder den Baum gejagt!!“ oder „Rulle egal, Du bist jetzt allein!!!“ Ein guter Zeitpunkt, um auf die Freilufteislaufbahn auszuweichen, die heute ein Einsehen mit uns hat. Zu den Charts 2012, die aus Lautsprechern durch die idyllische Landschaft Neukameruns dröhnen, ziehen wir mehr oder weniger elegant unsere Kreise, danach geht es zurück in Fantas schicke Doppelhaushälfte, wo wir die Kinder zwingen, Teil 3 des Stinkekäsegratins zu essen, und dann ist es Zeit Abschied zu nehmen. Fanta und ich gratulieren uns zu unseren mütterlichen Meisterleistungen und sind nach diesen drei Tagen um eine entscheidende Erkenntnis reicher: Entspannte Weihnachten sind möglich!

Top Ten

Hooray, Hotti, meine Erstgeborene und damit Thronfolgerin im Hause aktuelle, ist zuckersüße zehn! Das bedeutet einerseits ungefähr Halbzeit für mich, andererseits eine modische Neuausrichtung für sie. Nach Jahre währenden theoretischen Erörterungen der entscheidenden Frage „Wie geht tussig?“ mit ihrer Schwester Lotti geht Hotti das Ganze jetzt empirisch an. So führt uns der diesjährige Geburtstagsausflug direkt zum Juwelier, wo mit glitzerblauen Steckern Löcher in Hottis Ohrläppchen geschossen werden. Als geborene Dramaqueen und ganz Tochter ihrer Mutter braucht sie dazu auf der Linken die Hand von Papa, auf der Rechten die Hand von Mama und auf den Knien die Hände von Lotti, und alle reden wir beruhigend auf sie ein, als brächte sie ein Kind zur Welt. Als wir den Laden verlassen, schwebt Hotti zwei Meter über dem Boden, sie strahlt, ihre Ohren leuchten rot und glitzern blau, die Welt hat einen neuen Mittelpunkt, und alle Menschen in der Fußgängerzone Lingendingens sind Zeugen dieses Weltwunders.

Eine Woche später gibt es neue Winterschuhe, auch hier gelten neue Standards. Wasserdichte und matschabweisende Schnürboots mit Winterreifenprofil waren gestern, Cowboystiefel müssen her, und zwar genau solche, wie sie die Aprilla aus der neuen Klasse hat, nämlich mit coolen goldenen Schnallen an der Seite und coolen goldenen Baumelkettchen hinten an der Ferse über dem Absatz. Nur coole goldene Sporen fehlen, wie ich finde, aber egal, Hotti ist glücklich, und weil die neuen Tussenstiefel erstens runtergesetzt und zweitens dick gefüttert sind, bin ich es auch. Als wir den Laden verlassen, stellt sich bei Hotti erneut das Ohrlochphänomen ein, nur dass sie jetzt nicht mehr alle fünf Sekunden die Haare schwungvoll nach hinten werfen, sondern alle drei Schritte stehenbleiben muss, um die Goldkettchen über dem Absatz richtig hinzusortieren.

Um den Einstieg in die neue Ära ordnungsgemäß abzurunden, gibt es eine weitere Woche später passend eine Tussenübernachtungsparty mit Pizza und Filmevent. Der Hotti-Lotti-Papa macht Pizza, ich schütte tonnenweise Süßigkeiten in Knabberschälchen, Lotti wird mit zwei Pumuckl-DVDs und einer Tüte Saure Pommes zu einer Freundin ausquartiert, und dann geht’s los. Acht kichernde Mädels schauen High School Musical Teil 1, ich schaue aus Aufsichtspflichtgründen mit, schließlich sind sie doch noch so klein, und außerdem muss ich zugeben, dass der Film nicht so schlimm ist, wie ich ihn mir vorgestellt hatte. Möglicherweise ist allerdings auch mein Filmgeschmack nicht so sensationell wie bisher angenommen. Als ich um 23 Uhr endlich finde, meiner Aufsichtspflicht Genüge getan zu haben, und verkünde, den Party- und Übernachtungskeller nun zu verlassen, ernte ich nicht enden wollende Standing Ovations. Ach ja: Und frühstücken würden die Damen gerne um 9!

Sternstunden als Mutter

Nach einem laangen Tag abends nach Hause kommen und folgenden Zettel auf dem Küchentisch vorfinden:

„Liebe Mama
Ich und Annika halten Schnecken. Papa hat uns schon ein kleines Terarium do gekauft. Ich halte sie eine Woche und Annika eine. Ist das für dich okey?

PS: Ruf einfach bei Papa an!

Deine Hotti“

Aber natürlich ist das okey, mein Schatz. Solange sie bei Papa bleiben.