Dolce far niente

Pamela und David im Loveboat.

Pamela und David im Loveboat.

Nach unserer Tournee durchs Klabautertal geht es, wie bereits im Vorjahr, ins Land, wo die Zitronen blühn, genauer: in die Welthauptstadt der Haselnuss (im Ernst: Capitale della Nocciola al centro del Mondo).[1] Dort angekommen, machen alle fast genau da weiter, wo sie letztes Jahr aufgehört haben: Die Kinderschar vergnügt sich wahlweise an Tischkicker oder Pool, die Erwachsenen fallen direkt in irgendwelche Liegestühle und die DorfbewohnerInnen veranstalten uns zu Ehren erneut ihr nettes kleines Fest, um die schönste und größte Nocciola zu küren.

Salami-Sorten: Esel, Wildschwein, Trüffel, Bauer

In schnuckeligen alten Gässchen erwerben wir Haselnusseis, Haselnusscreme sowie diverse Sorten Salami („Esel“, „Wildschwein“, „Trüffel“, „Bauer“) und Frau Hopp spielt, wie auch im vergangenen Jahr, mit dem Gedanken, eine total verfallene, aber unaussprechlich romantische Ruine zu erwerben, um dort eine Urlaubskommune zu begründen. Neu ist ihre durch aktuelle Lektüre hervorgerufene Geschäftsidee, dort auch gleich eine Trafik einzurichten. Girls gotta eat. Zudem gibt es dieses Jahr noch eine Runde Kettenkarussell für Hotti, Lotti, Fräulein Picasso, Chéri und Frau Hopp, der restlichen Reisegruppe ist von zu viel Gelati und Salami bereits leicht schlecht.

Die verbleibende Zeit verbringen wir mit ebenso anspruchsvollen wie umfassenden Tätigkeiten wie in Liegestühlen herumlungern, lesen, Eis essen, Espresso trinken, Städtchen angucken und im Pool planschen, was heuer eine besondere Attraktion mit sich bringt: ein Schlauchboot, das gute FreundInnen aus dem Gammeltal Chéri und mir dieses Jahr zu unserem 88. Wiegenfeste verehrt haben. So schippern wir gemütlich durch die Woche, und als uns an Tag 5 der Sinn nach einer kleinen Variation steht, brettern wir ans Meer, um dort die Baywatch-Nummer zu machen. Und auch diesbezüglich gibt es eine positive qualitative Veränderung zu vermelden: Klebten Hotti und Lotti letztes Jahr beim „Schwimmen“ noch wie kreischendes Senkblei an ihrer Mutter, ziehen wir nun gesittet und wohlgeordnet unsere Runden durchs Mittelmeer. Vacanze é possibile!

[1] Damit wäre auch der nervenzerfetzende Cliffhanger unserer netten kleinen Geschichte über unseren ersten Patchworkurlaub für alle die aufgelöst, die ein schlafloses Jahr hatten („Stellt sich nur noch eine Frage: Wohin geht es nächstes Jahr?“). [zurück]

Oh Fortuna oder: Dusel g’hett

„Und wenn Du den Eindruck hast, dass das Leben ein Theater ist, dann such Dir eine Rolle, die Dir so richtig Spaß macht.“ (Shakespeare)

Gegessen wird, was auf den Tisch kommt!

Gegessen wird, was auf den Tisch kommt!

Man ist ja bekanntlich viele, und wenn man sich erst einmal auf diesem Planeten reinkarniert hat, sind potenziellen Betätigungsfeldern nur wenige Grenzen gesetzt. So beschließen Fanta und Herzog Ullrich, diesen Sommer mit Brut, Gauklertruppe und Theaterwagen durchs Klabautertal auf der Schwäpischen Alp zu ziehen, um die dortigen Eingeborenen mit Kultur in Form der Commedia dell’arte zu beglücken. Zu diesem Zweck gründen sie kurzerhand die Compagnia Cocolores, werben fremde Menschen an, die dann halt mal LaienschauspielerInnen wären, und funktionieren Hotti, Lotti, Mulle, Rulle und Wulle naheliegenderweise zu Trollen um. Da Fantas und Herzog Ullrichs Plan zudem vorsieht, die Zeit der Tournee gemeinsam in einem recht ansehnlichen Zeltlager zu verbringen, verdingen Chéri und ich uns jenseits des Rampenlichts als Feldköche, schließlich muss das fahrende Volk ja bei Laune und Kräften gehalten werden.

Die Komödie, die mit nicht geringeren Themen als Glück, Liebe, Gier, Hunger und anderen irdischen Zumutungen aufwartet, trägt im Übrigen den klangvollen Titel Oh Fortuna. Als allerdings eine Bekannte der Compagnia Cocolores fragt, ob denn das Stück überhaupt auf deutsch wäre, erwägt man kurz den Alternativtitel Dusel g’hett, um auch den letzten Schwaben hinterm Ofen hervorzulocken. Der Vorschlag wird zwar verworfen, Dusel – oder Fortuna – ist der Truppe dennoch hold. Die Sonne scheint, der Theaterwagen hält (im Großen und Ganzen), und die Fans gehen voll mit: Als die Truppe bei den Proben auf den Klabauterauen ihren Hit Werft die Sorgen über Bord! schmettert, stürzt sich ein vorbeifahrender Kanut direkt selbst in den Fluss.

Die Brut hat das Rumhängstadium erreicht

Auch das Lagerleben gestaltet sich erstaunlich angenehm. Nach zwei Tagen Hitze riskiere ich es meiner Umwelt zuliebe sogar, erstmals einen Fuß ins sogenannte Waschzelt zu setzen, das aus einem Wasserkanister, zwei Plastikschüsseln und zwei Gießkännchen besteht. Abends gibt es Lagerfeuer mit Romaliedern und Dixi-Klo-Blues [1], die Kinder schnuckeln sich auf dem fliegenden Teppich in ihre Schlafsäcke, und als die Perseiden unterwegs sind, liegen wir hochoben auf der Burgruine Hohengundelfingen und zählen Sternschnuppen, die teilweise so groß sind, dass Lotti ein „Alter, war die fett!!!“ entfährt.

Zudem hat die Kinderschar ganz offensichtlich das Rumhängstadium erreicht. Im Gegensatz zu früher streiten, fallen und heulen sie nicht mehr den ganzen Tag, sondern hängen, wenn sie nicht gerade von Fanta oder mir zum Zähneputzen gescheucht oder Aufräumen gezwungen werden, im Pulk herum: im Schatten unter Bäumen, in Hängematten zwischen Bäumen, vor Fantas Piroschka oder im Zirkuswagen von Clown Paul-Uwäh. Dort zocken sie wahlweise Uno oder Werwolf mit dem Capitano, Dotore Baloardo und Matt-Diesel, dem Sohn von Clown Paul-Uwäh.

Siegreich an sämtlichen Fronten

Chéri und ich dagegen hängen wahlweise in unserer Kochjurte herum oder im ortsansässigen Supermarkt, wo wir tonnenweise Nudeln, Sprudel und Taschenlampen jagen und es einmal sogar schaffen, zwei Getränkerückgabeautomaten gleichzeitig lahmzulegen. An der Küchenfront kämpfen wir täglich erfolgreiche Schlachten gegen Hunderte, ach was sage ich, Tausende von Wespen und lassen abends zahllose Salatköpfe rollen für die ausgegaukelten HeimkehrerInnen. Ansonsten versäumen wir als echte Groupies der Compagnia lediglich zwei Vorstellungen: einmal, um von der Klabauter bis zur Tonau und zurück zu radeln, und ein weiteres Mal, um im Freibad heiß zu duschen.

Doch das Theaterleben kennt auch Tiefpunkte, die der Vollständigkeit halber nicht unerwähnt bleiben sollen. So verwandelt sich Herzog Ullrich nach diversen anderen Strapazen in einer ohnehin schon fürchterlichen Gewitternacht in Rumpelstilzchen, das den Capitano und Dotore Baloardo jeweils einen Kopf kürzer macht, da diese ein wenig zu tief in die Rotweinflasche geschaut haben und infolgedessen mit Kampfsportübungen das halbe Küchenzelt einreißen. Glücklicherweise hat Mulle am nächsten Tag ihren 13. Geburtstag, den wir in einem netten kleinen Erlebnispark begehen. Dort stopfen wir uns zunächst voll mit Feuerwehrkuchen, dann gehen wir mit Herzog Ullrich rutschen und anschließend parken wir ihn vor dem Saloon-Westernstand, wo er sich den Frust der letzten Stunden aus der Seele schießen darf. Als wir uns dann noch kollektiv im Spiegelkabinett zum Affen machen, ist die Laune vollends wiederhergestellt. Dusel g’hett!

[1] Der Dixi-Klo-Blues handelt u.a. davon, dass eine Frau namens Barbie die blauen Toiletten schüttelt, um deren Inhalt gleichmäßig zu verteilen. [zurück]

Auf die Pferde!

Wichtige Information vorab

Da Wolverine aka Batman sich im Laufe der vergangenen 23 Monate zum Herzallerliebsten der aktuellen gefledermausert hat, wird er im vorliegenden Veröffentlichungsmedium hinfort nicht mehr als Wolverine auftreten, sondern nunmehr und für alle Zeiten als: Chéri (le vrai). Nur dass hier keine Missverständnisse aufkommen.

Aussichtsreiche Radtouren, herrliche Naturlandschaften

In den letzten drei Tagen machen es sich David Hasselhoff und Pamela Anderson an der Slipanlage gemütlich.

In den letzten drei Tagen machen es sich David Hasselhoff und Pamela Anderson an der Slipanlage gemütlich.

Für die Pfingstferien habe ich mir für unsere entzückende kleine Patchworkfamilie etwas ganz Besonderes ausgedacht: pädagogisch und sportlich wertvolle Radtour zum Podensee, schnuckeliger Bauernhof mit zauberhaften Tierchen (Ponyreiten), aussichtsreiche Touren in herrlichen Naturlandschaften. Mir schwebt ein Urlaub vor, an den vier alle noch im hohen Alter denken werden. Werden wir womöglich auch. Chéri, der bei uns für die Realität zuständig ist und als professioneller Familienhelfer mit der Lizenz zur Freizeitgestaltung glücklicherweise über einige Erfahrung in sozialer Gruppenarbeit verfügt, stutzt das von mir erstellte Programm auf Kindermaße zurecht, setzt ein Zugticket für die erste und schlimmste Etappe durch und verhindert so im Vorfeld womöglich den einen oder anderen Kreislaufzusammenbruch.

Radeln und maulen

Am Bahnhof wirft Lotti erst mal ihr Fahrradschloss auf die Gleise unter den Zug, und weil wir auf Reisegold verzichtet haben, muss sie sich aufgrund der Neigetechnik übergeben. Nach vier Minuten Radeln hat Lotti einen Stein im Schuh. Beide Damen klagen über Mückenstiche und darüber, dass das Kühlgel zu Hause vergessen wurde. Ich empfehle Spucke für die Stiche und verweise darauf, dass es „bei uns“ schließlich auch kein Kühlgel gegeben habe. Lotti kontert, dass sie und ihre Schwester „ja auch nicht aus dem 19. Jahrhundert“ kämen. Nach zwanzig Minuten haben sie keine Lust mehr auf Radfahren und fangen an zu maulen.

So geht es weiter, tagelang. Wir radeln und sie maulen. Auf unserem Bauernhof in Daisydorf, der auf einem steilen Berg außerhalb der Zivilisation liegt, gibt es keine zauberhaften Tierchen, Ponyreiten auch nicht. Außerdem wollen die Grazien lieber eine Villa am See, von wo aus sie direkt zum Shoppen oder Schwimmen können. Als zutiefst überraschend und ungerecht wird zudem empfunden, dass man selbst im Urlaub seinen Teller abräumen muss. Halte ich anfangs gut gelaunt die Schaut-doch-mal-wie-schön-das-hier-alles-ist-Fahne hoch, werfe ich den Damen schließlich bar jeder Contenance vor, dass ich mir das alles aber echt anders vorgestellt hätte und dass ich dachte, sie würden sich freuen – über so einen tollen Radurlaub. Und so. Das Gewitter hilft kurzfristig und sie heucheln sportlichen Ehrgeiz sowie aufrichtiges Interesse an den herrlichen Naturlandschaften.

Freilaufende Riesengehirne

Horrorhasen im Haustierzoo: Streicheln, lachen, staunen.

Horrorhasen im Haustierzoo: Streicheln, lachen, staunen.

Aber es ist nicht alles schlecht. So radeln wir in Ermangelung putziger Tierchen auf dem eigenen Bauernhof in den nächsten Streichelzoo („Streicheln, lachen, staunen“), essen Schnitzel und Lotti entdeckt freilaufende Riesengehirne. Wir schaffen es, die hässlichsten Rastplätze der Welt auszumachen, und Chéri überrascht mich, indem er nicht nur den Radprofi und Routenplaner, sondern auch den Klugscheißer in sich auspackt: Bergauf, bergab referiert er über Höhenmeter, Kraftumsetzung, Hebelwirkung sowie diverse geografische Gegeben- und Besonderheiten („Rhein rein, Rhein raus!“). Wir beobachten Störche und Fledermäuse, zählen Kuhherden und Mückenstiche, überfahren die Schweizer Grenze und besuchen Horny Tawny in ihrer neuen Zwangsheimat.

In der zweiten Wochenhälfte macht dann endlich eine Hitzewelle alleine den Gedanken an jede größere Tour obsolet. Wir lassen uns drei Tage im Strandbad nieder, stopfen uns mit Eis und Pommes voll und bewachen als Baywatch-Team von der Slipanlage aus Hotti und Lotti, die stundenlang kreischend vom Sprungturm in den See hüpfen. David Hasselhoff lässt sich gar zu einer Runde Schweinchen-in-der-Mitte herab. Und am Ende der Woche treibt es mir nahezu die Tränen in die Augen, als Hotti und Lotti sagen: „So schlimm war es gar nicht.“

Nachklapp

Als uns nach unserem Urlaub Hottis Freundin Annika besucht und ich sie frage, ob sie und ihre Familie nicht auch mal mit den Rädern zum Podensee gefahren wären, antwortet sie mit Grabesstimme: „Ja, wir mussten das auch mal machen.“

Und täglich grüßt …

Es ist Sommer, wir sind Urlaub, it’s hot and we’re wearing sunglasses. Wir haben unsere Angst, irgendwann zu enden wie die Menschen, die seit 40 Jahren immer in das gleiche Kaff nach Österreich fahren, überwunden und uns entschlossen, in der fünften Wiederholung die kretinische Südküste aufzusuchen. Weil uns unser Leben nach 3 Zimmer, Küche, Bad Teil 1 bis 3 in Tübingen und verschiedenen beruflichen Wendungen aufregend genug erscheint und wir uns einig sind: Im Moment sind Konstanten angesagt und keinesfalls NEUES!

Auch Konstanten brauchen innovative Highlights

Um der Gefahr von 40 Jahre Österreich offensiv etwas entgegen zu setzen ist das Motto auch dieses Jahr: Jeden Tag etwas machen, was wir noch nie gemacht haben. Das sind zum Beispiel spektakuläre Dinge wie den Nachmittagskaffee in einer Kneipe zu trinken, in der wir noch nie waren. Oder zum ersten Mal den kleinen Herd in unserem Zimmer zu benutzen, um Frühstückseier zu braten. Unter den Highlights dieser Newmakes ist zum einen eine richtige Wanderung in einem echten Gebirge, bei der wir in sengender Hitze zu einer der vielen Höhlen hochkraxeln, in der angeblich Zeus geboren wurde. Schatzi 1 spricht allerdings nach fast 1000 Höhenmetern die wirklich waren Worte: Du, ich glaub, es geht hier einfach immer nur bergauf! Verblüfft über die Stichhaltigkeit dieser Aussage lassen wir Höhle Zeus sein, rücken unsere Sonnenbrillen zurecht und suchen die Götter weiter talwärts.                                                                                                               Das zweite Highlight ist das Yogaevent, das eines Morgens angeboten wird. Wir sind uns einig, dass uns ein bisschen asiatische Dehnerei gut tun wird, trotzen abwechselnd ein bisschen rum und landen letztlich als einzige Besucher etwas überfordert von dem doch sehr exponierten Setting auf einer Yogamatte. Naja, wer abends Raki saufen kann, kann morgens Yoga machen, auch wenn die Koordination etwas schwerfällt.                          Der Spitzenreiter unserer Newmake-Liste ist aber unsere Fußwanderung auf den Kófinas, den höchsten Gipfel der südlichen Berge Zentralkretas. Sowas kann natürlich jeder. Was allerdings nicht jeder kann ist, sich dort oben auf 1280 Meter von drei Gewitterfronten gleichzeitig überraschen zu lassen. Das ist mal ein exponiertes Setting, dagegen erscheint uns die Solonummer auf der Yogamatte wie ein Witz. Wir sind beide noch nie zwei Stunden um unser Leben geklettert und gerannt – ein echter Newmake und damit Platz 1!

Der Lokalkrimi

Das hartnäckigste Neue in diesem Urlaub ist aber unbestritten der Lokalkrimi, der sich jeden Tag und vor allem jede Nacht in unserem Schlafgemach abspielt. Nein, diesmal handelt er nicht von Geschnarche , im Schlaf rumzappeln und zuviel Decke beanspruchen. Es geht garnicht um die üblichen Schwierigkeiten in einem Ehebett. Sondern von DEN ANDEREN – wir sind nämlich nicht allein. Schon am zweiten Tag fällt uns auf, dass eine üppige Moskitopopulation unser Heim bevölkert. Sowas gab es noch nie. Doch Schatzi 1, der im Zimmer mit dem Balkon schläft, liefert stichhaltige Beweise: Augenringe, Scheißlaune und zahlreiche Stiche. Zuerst glauben wir noch, wir könnten der Sache durch ein Rundummassaker und diszipliniertes Lichtaus, wenn Fenster auf Herr werden. Das ist ein Irrtum. Wir schlafen abwechselnd bescheiden, werden im Schlaf fast aufgefressen und sind irgendwann so neurotisch, dass wir keine zwei Sätze mehr miteinander wechseln können, ohne dass einer plötzlich an die Decke starrt und schreit: Da is einer!! An tiefsinnige Gespräche oder entspannte erotische Begegnungen ist nicht mehr zu denken. Hinzu kommt, dass sich der Aufbruch zu irgendwelchen Unternehmungen im Durchschnitt um etwa zwei Stunden verzögert. Immer in dem Augenblick, in dem wir loswollen, entdeckt einer von uns wieder ein blutsaugendes Untier, welches dann, getrieben von puren Rachegelüsten ohne Rücksicht auf Verluste durch’s Zimmer gejagt wird, bis es erlegt ist. Hinterher müssen wir dann das Chaos aufräumen, die Schrben auffegen, dann muss nochmal jemand auf’s Klo und bis wir wieder startklar sind sitzt das nächste Vieh auf dem Badspiegel. Wir fühlen uns wie in Täglich grüßt das Murmeltier, alles passiert in einer endlosen Zeitschleife immer wieder von vorne.

Wir sehen dringend Handlungsbedarf und entwickeln im Team eine ausgefeilte Jagdtechnik. Da Schatzi 1 der Größere ist und deshalb auch höhere Zimmergefilde errecicht wird er zum Chefmeuchler ernannt – was ihm ein an Besessenheit grenzendes Vergnügen bereitet. Wir erschaffen eine schlagkräftige Waffe in Gestalt eines nassen Badetuchs und jetzt wird uns endgültig klar, was Douglas Adams zu seinen Ausführungen über die nutzbringenden Anwendungsmöglichkeiten eines Handtuchs bewegt hat – nass als Waffe unschlagbar! Sitzen die Viecher außerhalb der Reichweite unserer Wunderwaffe werden sie solange mit Ma Bakers Gymnastikutensilien beworfen bis sie runterkommen. Die entscheidende Frage nach jedem Schlag ist : Gibt es eine Leiche?? Wo keine Leiche, da kein Mord, also weiter geht’s. Während Schatzi 1 an der Front agiert liegt Schatzi 2 auf dem Boden und verfolgt mit Adleraugen die Flugbahn des Untiers, damit wir es nicht aus den Augen verlieren, falls es wider Erwarten flüchten kann. Bis endlich Vollzug gemeldet werden kann und ein weiterer blutiger Fleck unsere weiße Wand ziert.

Das Zauberwort

feenbett-1Über mangelnde Bewegung kann sich vor allem Schatzi 1 nicht beklagen, über zuviel Schlaf keiner von uns. Nach etwa sieben Tagen, in denen sich unsere psychische Verfassung in eine bedenklich obszessive Richtung verschoben hat, kapituliert das Kampfhandtuchgeschwader. Schatzi 1 hat mitten in einer schlaflosen Nacht endlich die rettende Idee, die unseren persönlichen Tatort beenden sollte. Gegen unsere nächtlichen Eskapaden ist die Aufgabe, mitten in der kretinischen Pampa zwei Moskitonetze zu erwerben vergleichsweise einfach. Nur etwa fünf hilfsbereite Ladenbesitzer wollen uns Sprays, Cremes und etwas in orangenen Kanistern verkaufen, das eine starke Ähnlichkeit mit denen aufweist, die die Bauern auf dem Rücken tragen, wenn sie Pestizide in ihren Olivenhainen verteilen. Schatzi 1 ist schon bereit, in einem traditionellen kretinischen Geschäft einige große Tischdecken zu erwerben und daraus einen Moskitoschutz zu improvisieren. Da fällt endlich das erlösende Wort: KUNUPIERA!                                                                                                             Genau, wir wollen zwei verdammte Kunupieras!! Ab da ist alles ganz einfach. Wir erstehen zwei Träume von einem Moskitonetz in orange und rosa, die wir kurzerhand an der Lampe aufhängen. Von da an schlafen wir engelsgleich in Betten, die wie eine Mischung aus Feenstaub und Hello Kitty aussehen und sind uns einig: Das Wort des Urlaubs ist Kunupiera.

Superpep und Reisegold

Was Ma Baker und der SysOp können, können wir schon lange und setzen sogar noch einen drauf: Wir haben uns nämlich nicht nur als Deutsche unter Deutschen im mediterranen Ausland herumgetrieben, nein, wir haben sogar noch die Patchwork-Nummer hingelegt. So bereiten mein persönlicher X-Man und ich Hotti und Lotti so früh wie nötig und so pädagogisch-wertvoll wie möglich auf die ersten gemeinsam zu verbringenden Ferien vor, was durchaus die eine oder andere Vertrauenskrise mit sich bringt. Als es Wolverine beispielsweise nicht auf Anhieb gelingen will, den Urlaubsort auf Google Maps zu lokalisieren und vorzuführen, meint Lotti: „Du musst schon wissen, wo du hinfährst, sonst fahre ich nicht mit.“ Auch dass man mit Google Street View zwar durch die angepeilte Ortschaft, jedoch (noch) nicht in die dortigen Häuser laufen kann, schreibt meine Zweitgeborene Wolvi höchstpersönlich zu und nicht den derzeitigen technischen Gegebenheiten.

Quickfix von der Heimatfront

Als die Reise näherrückt, lasse ich mich, geschult durch vergangene 15-stündige Autofahrten mit Lotti und mental unterstützt von Dr. Sprite, Horny Tawny und Mr. Matrix, in der Apotheke in Sachen Reiseübelkeit bei Kindern beraten. Die nette Apothekerin hat gleich zwei tolle Produkte auf Lager mit den klangvollen Namen Superpep und Reisegold, beide enthalten den gleichen Wirkstoff. Bei Superpep handelt es sich um ein Kaugummi, Reisegold hingegen ist eine teilbare Tablette mit der doppelten Dosis. Nachdem mir die Apothekerin glaubhaft versichert hat, dass beide Präparate durchaus legal und die jeweils sedierten Kinder noch immer wieder aufgewacht seien, entscheide ich mich für Reisegold, das passt auch viel besser in unseren royalen Haushalt.

Die Hinfahrt verläuft recht unspektakulär. Lotti beschimpft ihre große Schwester, bis ihr dank Reisetabletten die Augen wegrutschen und sie einschläft, und Hotti, die Bücher früher nicht mit der Pinzette angefasst hätte, verschlingt eine Vampirschnulze nach der anderen. Als wir ankommen, ist das ruhiggestellte Kind zwar schläfrig, aber lebendig. Die erste Woche verbringen wir mit 14 anderen netten Menschen in einem piemontesischen Haselnusshain (von wegen Piemontkirsche), und wider Erwarten dreht nicht Lotti durch, was sie hin und wieder ja recht gerne und ausgiebig tut, weil sie irgendetwas Unmögliches will bzw. Mögliches oder Gebotenes nicht will, sondern ich, weil Lagerkoller. Durch ein Quickfix per SMS von Ma und Fanta bekommen wir die Situation allerdings relativ zügig wieder in den Griff (ein herzliches Dankeschön noch einmal an dieser Stelle).

ALLES VOLLER SEEIGEL!!

In der zweiten Woche verlassen vier alle die Riesengruppe und fahren als neuer Stern am Patchwork-Himmel an die Blumenriviera in eine nette kleine Ferienwohnung in einer idyllischen abschließbaren Wohnanlage direkt an der Autobahn, unter unserem Balkon gähnt eine Baugrube. Stante pede fange ich an, mich zu entspannen, während nun Hotti und Lotti Gas geben und sich alles heißen, was ihnen den lieben langen Tag so einfällt („DU DUMMES KIND!!!“). Nichtsdestotrotz schmeißen wir uns gut gelaunt in unsere Badesachen und fahren raus aus der Schließanlage, runter ans Meer. Dort angekommen, stellen wir fest, dass wir unser gesamtes Strandequipment zu Hause vergessen haben. Also kaufen wir noch schnell einen Sonnenschirm, eine Schwimmbrille für Lotti und ein Kopftuch für mich, rollen zwischen unzähligen anderen deutschen Familien (sic!) routiniert unsere Badematten aus und machen es uns gemütlich. Hotti, Lotti und ich sind tatsächlich erst mal zufrieden, nur unser X-Man schaut jetzt etwas unglücklich aus der Badehose, konnte er diese Urlaubsform die letzten Jahrzehnte doch glücklich umschiffen. Und dass man mit uns drei Grazien nicht mal ohne ein Jenseitsgekreische („DA SIND SEEIGEL!!“ „SCHEIßE, DA IST JA ALLES VOLLER STEINE!!!“ „JETZT ZERRT NICHT DAUERND SO AN MIR RUM!!!!!“ „MAAAMMMAAAAAA, ICH HAB AAAAAANGST!!!!!!!!!!!!!!“) auch nur eine klitzekleine Runde durch eine harmlose Bucht im Mittelmeer schwimmen kann, macht es nicht so richtig besser.

Aber auch diese Hürde nehmen wir ebenso superpeppig wie würdevoll, schließlich haben wir schon ganz anderes gemeistert und Superhelden sind ja ohnehin so etwas wie Berufsoptimisten. Künftig schlagen wir unser Lager auf den Felsen im Meer auf, Hotti und Lotti beschimpfen sich zehn Meter entfernt von uns auf ihrem eigenen Stein, und ich gehe einfach nicht mehr mit ins Wasser. Farblich sortierte Bezahlliegeplätze, heruntergekommene Hotels, verfallene Gewächshäuser sowie pubertäre Unflätigkeiten („WARUM MÜSSEN WIR UNS SCHON WIEDER SO EINE BESCHEUERTE STADT ANGUCKEN????“) blenden wir aus und deeskalieren situationsadäquat mit Cappuccino, Eis, Bier und Pizza. Stellt sich nur noch eine Frage: Wohin geht es nächstes Jahr?

Kulturpessimismus für Anfänger

Im Urlaub erlebt man alle möglichen Abenteuer. Sie haben manchmal mit habituellen Anpassungsschwierigkeiten zu tun (wieviel Raki muss man trinken, um nicht als unhöflich zu gelten?). Manchmal macht die überaus legere Beschilderungskultur im Gastland Probleme (Ziegen wissen schließlich immer, wo es lang geht!) oder der Reiseführern glänzt mit so präzise Angaben wie: Da im Gebirge kommt dann so ne Bergkuppe, da biegen wir dann links ab! Mit Humor und hoffentlich genug Wasservorrat lässt sich das alles meistern.

Manchmal liegt das Problem aber auch woanders. Man ist an einem wunderschönen Flecken Erde am Arsch der Welt – ein Geheimtipp, weil letztes Hippienest Kretas und so. Und man trifft lauter Deutsche, die entweder mit ihren Multifunktionskinderwägen ihre Brut die Schotterpiste langschieben oder mit ergrautem Haar in der einzigen wlan-stabilen Taverne vor ihrem Tablet sitzen und bloggen. Doch damit nicht genug. Abends darf man sich dann anhören, wie sie seufzend an ihrem Paulanerbier nuckeln und ihrem Kulturpessimismus freien Lauf lassen. Wunderbra hat einen kleinen O-Ton zusammmen gestellt:
Tourist A, der ein T-Shirt trägt mit dem Aufdruck „Jetzt red i!“ redet Folgendes:
Also, vor 5 Jahren, da war das hier echt noch anders – echt coole Leute. Und jetzt
? Lauter Deutsche!
Tourist B, mit ordentlichem Sonnenbrand auf der baren Brust, seufzt verständig:
Ja, is echt nicht mehr das selbe. Ich hol uns mal Pommes und nen Jägermeister!
Als deutsche Zwangszuhörerin am Nebentisch möchte man dringend etwas unternehmen. Hingehen und den Jetztredenden tröstend in den Arm nehmen und sagen: Ach, du armes kleines Freakhäschen bist jetzt nicht mehr der einzig wahre coole Deutsche hier. Das is ja furchtbar, da trinken wir doch gleich noch ein deutsches Bier zum Trost!
Oder als Variante B aufspringen und lautstark folgende Gedanken zur Erörterung bringen: Wie kommt man als deutscher Urlauber eigentlich zu einem derartig egozentrischen Weltbild, das einem selbst das Recht gibt, zu bedauern, dass die anderen von der gleichen Sorte auch da sind? Sitzt der Nabel der Welt wirklich auf dem eigenen sonnenverbrannten Bauch? Wie kommt man zu der Ansicht, dass das, was sich um einen herum verändert mit einem selbst nichts zu tun hat? Haben nicht die coolen Leute von damals fleißig allen anderen erzählt, dass es hier voll coole Leute hat, damit noch mehr coole Leute kommen? Und jetzt sitzen die von damals da und jammern. Das ist so wie sich als Schwabe eine Wohnung in Kreuzberg rauszulassen und sich dann über Gentrifizierung zu beklagen. Wir sind nun mal Teil von allem, was passiert!

Die beiden Herren haben sicher über keine dieser großen Fragen jemals nachgedacht. Ich seufze in mein immerhin griechisches Bier und verkneife mir den melancholischen Gedanken, dass alles irgendwie immer schlimmer wird.

 

Walk on the wild side

Wie ja bereits erwähnt ist man in unserem Alter vor allem im Urlaub damit konfrontiert, dass die eigene Freakigkeit indirekt proportional zum kalendarischen Alter abnimmt. Man braucht es geordnet und schön – also keine Wanzen im Bett, kein Puff im Zimmer nebenan, keine intensiven Zeiten in verlassenen Bushäuschen! Schließlich gehen wir auf die vierzig zu. Auch in diesem Jahr verspüren wir allerdings das Bedürfnis, trotzdem möglichst nahe an das Bild des alternativen Rucksacktouristen ranzukommen. Letztes Mal hat uns dafür noch der Trick mit den staubigen Wanderstiefeln gereicht, die in keinster Weise vermuten ließen, dass wir unseren klimatisierten Mietwagen erst vor zwei Minuten sicher im Gebüsch versteckt hatten, bevor wir am Ende unserer Kräfte in die nächste Taverne gekrochen sind. Dieses Jahr brauchen wir die verschärfte Version. Immer wieder angebotene Klettertouren bringen uns auf die glorreiche Idee. Wie wahnsinnig krass und alternativ würde es wohl aussehen, wenn wir neben den staubigen Wanderstiefeln noch jeder ein langes Seil und mehrere Karabiner außen am Rucksack befestigen würden? Die machen Kreta nämlich nicht nur zu Fuß, sondern auch noch querfeldein, Alter!

Im einzigen Trekkingladen der Südküste stellen wir sehr schnell fest, dass wir improvisieren müssen, da unser kleiner Gag sonst unsere Urlaubskasse auffressen würde. Also ab in den griechischen Baumarkt. Dort gibt es verschiedene Wäscheleinen, die ordentlich was hermachen sowie metallig schimmernde Plastikkarabiner zum Einhaken von Sonnenschirmen am Strand. Nun sind wir gerüstet! Wir parken unseren Mietwagen gut versteckt hinter einem Müllhaufen und spazieren einen gut befahrenen Weg den Berg hinauf. Die Einmündung zu einem chilligen Touri-Strand lassen wir verächtlich links liegen und schieben uns fröhlich über diese langweiligen Strandurlauber lästernd weiter den Berg hinauf. Als uns eine Karavane von Jeeps begegnet, die Neckarmann-Urlauber die Küste entlang kutschiert, jubeln uns alle Insassen zu und schenken uns zahlreiche respektvoll hochgereckte Daumen. Die Sache fängt an, uns wirklich zu gefallen und wir fühlen uns zunehmend heimisch in unserer Tarnung, die wir fleißig mit erfundenen Anekdoten ausschmücken. Es wird immer heißer, wir zunehmend selbstverliebter und die Anekdoten, die unserer überhitzten Fantasie entspringen, immer abgefahrener. Der Übergang zwischen Realität und Fiktion verschwimmt nach und nach. Schließlich walken wir hier voll on the wild side!

Als wir endlich oben sind entdecken wir eine wilde Schlucht, die wieder zurück ins Tal führt. In völligem Einvernehmen verlassen wir den sicheren Pfad und entscheiden uns für Adventure. Die Tatsache, dass diese Schlucht in unserem Reiseführer nicht erwähnt wird schreiben wir der Inkompetenz des Autors zu und gedenken, ihn darauf auch aufmerksam zu machen. So kämpfen wir uns im maximalen Wild-Modus den steilen Hang hinunter durch Geröll und Dschungel, trotzen wilden Tieren und überwinden alle erdenklichen Hindernisse – bis wir am Fuß der Schlucht plötzlich vor einem fünf Meter tiefen Abgrund stehen, der unserem wilden Walk ein ernüchterndes Ende setzt. Ohne Kletterausrüstung und das nötige Know-how nicht zu überwinden, darin sind wir uns einig. Ernüchtert starren wir auf unsere Plastikkarabiner und die Wäscheleine und sind ein wenig peinlich berührt. So haben wir uns das nicht vorgestellt.

Schließlich bleibt den krassen Adventuristen nichts anders übrig, als sich seitlich die Schlucht wieder hoch zu kämpfen, um den Abgrund in einer riesigen Schleife zu umgehen. Wir rutschen desillusioniert von Dornengestrüpp zu Kaktus, fallen uncool auf den Arsch oder in verschiedene Sorten von Drecklöchern und tragen sehr zur Unterhaltung der anwesenden Ziegenpopulation bei, welche uns interessiert folgt. Nach vier Stunden aufreibenden Umherirrens überwinden wir im Tal unser letztes Hinderniss – einen Ziegenzaun – und werden dort endlich unsere Groupies los. Wir ziehen uns mit letzter Kraft in die nächste Taverne zurück, um dort unsere Erfahrung in Ruhe zu verarbeiten. Auch dort sorgen wir unter den Einheimischen wegen unseres ziegendreckverschmierten, abgerissenen Erscheinungsbilds für Erheiterung und man versorgt uns großzügig mit Alkohol. So langsam tritt wieder Entspannung bei uns ein. Da nähern sich zwei braungebrannte, barbrüstige Mittzwanziger. Mit einem anerkennenden Blick auf uns und unsere Kletterausrüstung fragt der eine, unverkennbar ein Österreicher: „Ihr seid’s doch coole Typen, oder? Habt’s Lust, mit uns a Seilschaft zu machen und morgen den Psiloritis (Anm.d.Red.: höchster Berg Kretas, 2456 Meter) zu besteigen?

Über unseren unschönen Abgang, bei dem drei Plastikkarabiner zerstört wurden und eine Wäscheleine und ein Klofenster auf den Hinterhof eine entscheidende Rolle gespielt haben sollen, muss hier geschwiegen werden.

Vielerarts Müll

Deutsche sind ja bekanntlich Meister der Mülltrennung und werden dafür vielerorts milde belächelt. Wir sortieren etwa 20  Hauptmüllsorten in verschiedenfarbige Gefäße und Säcke. Papier in die blaue Tonne, Bioabfall in die grüne, Restmüll in die graue und – besonders faszinierend – den grünen Punkt in den gelben Sack! Man könnte denken, damit wäre das, was im normalen Haushalt an Müllsorten anfällt, abgedeckt. Doch das ist ein weit verbreiteter Irrtum.

Jedes Jahr, wenige Stunden, bevor alle Haushaltsangehörigen in den Urlaub verschwinden, stehen wir vor dem selben Problem. Die alltägliche Sorge darüber, dass irgendwie zu wenig leckeres Essen im Haus sein könnte, beschert uns am Abreisetag einen Kühlschrank, der gut gefüllt ist mit Dingen, die man nicht alle mitnehmen kann. In vorderster Reihe stehen aktuelle Konsumgüter wie der Kürbis-Shiitake-Aufstrich aus der Bioboutique, gefolgt von der halb gegessenen Schinkenwurst in Dose. In zweiter Reihe findet die aufmerksame Betrachterin bereits Herausforderungen auf Level 2. Der fettarme Frischkäse, den man vor einer Weile für 1,5 Tage als gesund machenden Butterersatz benutzt hat ( is ja alles ne Frage der Einstellung, ne?) hat grüne Flecken, die nicht von Kräutern herrühren. Daneben liegt Grillgut, das man vor geraumer Zeit mal einen Nachmittag durch die Hitze getragen, dann aber leider keine Grillstelle gefunden hat. Es folgen verschiedene pelzige Milchprodukte und eine angerissene Packung Meeresfrüchte, welche angeblich keiner gekauft und die ebenfalls ihren Zenit überschritten hat. Der Urlauber in Eile stellt eine kurze Überlegung an, die im Wesentlichen daraus besteht, sich auszumalen, wie sich der Kühlschrankinhalt in den nächsten 3 Wochen weiterentwickeln würde, wenn man die Sache einfach auf sich beruhen ließe. Angesichts dieser Horrorvision spaltet er die Geschichte mit den hungernden Kindern in Uganda pragmatisch ab und packt alles hastig in eine große Mülltüte, um diese umgehend in der grauen Restmülltonne zu versenken. Aus den Augen aus dem Sinn – so hofft man.

Beim Schließen des Deckels beschleicht einen aber ein mulmiges Gefühl. Man bemerkt, wie heiß es ist. Wann wird nochmal die Tonne…? Ah, in 2 Wochen…! Unangenehme Erinnerungen drängen sich ins bereits leicht rosa getönte Urlaubsbewusstsein. An entsetzlichen Gestank, wimmelnde Maden und Hühnerherzen in Plastik, fassungslose Nachbarn, kotzende Haushaltsangehörige und den heiligen Schwur, so etwas NIE WIEDER zu tun!

Schnell nimmt man den Müllsack wieder aus der Tonne. Wohin also damit? Vergraben? Dauert zu lange. Irgendwo aus dem Auto schmeißen? Is echt unverschämt. Dann kommt der rettende Einfall: Einfrieren! Unter Umständen bereits begonnene mikrozelluläre Veränderungsprozesse stagnieren einfach und ermöglichen bei Rückkehr aus dem Ferienparadies eine tiefere Auseinandersetzung mit dem Problem und das Ersinnen einer nachhaltige Lösung. Freudig nennen wir unsere neu erschaffene Müllsorte den GEFRIERMÜLL und beginnen hastig damit, im Gefrierfach Platz zu schaffen. Dabei stoßen wir auf eine überaus fest verknotete Tüte mit einem Totenkopfsymbol, die keiner von uns je gesehen hat. In stillem Konsens vermeiden wir jeden weiteren Versuch, diesem Mysterium auf den Grund zu gehen, quetschen Gefriermüll neben Todesmüll und suchen das Weite.

Der Sauberberg

Wolverine hat einen Gutschein für vier Tage Extremwellnessen im Piperacher Quarkhotel gejagt, von dem ich mir nach einer Woche mit einer Magen-Darm-kranken Lotti, einer heiser röchelnden, vorpubertären Hotti sowie einer ausufernden Sisyphos-Orgie an der Home-Office-Front maximale Erholung und mindestens ewige Jugend verspreche. So stopfen wir den Kofferraum bis obenhin voll mit Bademänteln, Plastiklatschen, Wanderstiefeln, Joggingschuhen, Laptop, Büchern, Hörspielen und Schokokeksen, meine alltags festgewachsene Armbanduhr hingegen vergesse ich Freud sei Dank zu Hause.

Alles will, ich muss nichts

Bestehend aus Unterkünften, Familienbad, Thermal- und Salzwasserbecken, Saunadorf und Betreutem Wohnen ist das Quarkhotel am Hang des Piperacher Sauberbergs ein Mikrokosmos für sich, und es dauert eine ganze Weile, bis ich auf dem Weg in die Schwitzhütten nicht mehr ins Betreute Wohnen abbiegen will. An der Rezeption werden wir als erstes mit Chips für die wunderbrare Wellnesswelt ausgestattet. Sie sehen aus wie Uhren ohne Zifferblatt, und ich liebe es, mehrmals täglich einen Blick darauf zu werfen und ordentlich „HAAha!“ zu denken. Als nächstes schmeißen wir den Kofferrauminhalt in unsere Royal Suite, reißen uns die Kleider vom Leib, werfen unsere Luxuskörper in Bademäntel und -latschen und schlappen los in Richtung Saunawelt. Um die Vorfreude auf selbige noch auf die Spitze zu treiben und den Kontrast von Alltag und Urlaub aufs Äußerste auszureizen, hatten die Architekten des Bades die grandiose Idee, die Saunagäste zunächst durch weitläufige Familienplanschlandschaften zu leiten, wo es unentwegt und allerorten in schrillen Frequenzen quietscht, kreischt, streitet, kleckert und will, egal ob Pommes, Eis, die Schwester hauen, noch mal rutschen oder alles auf einmal, und es ist einfach schön zu sehen, was man gerade alles nicht muss.

Augen, Nasen, Popos

Das Saunadorf besteht aus einem Außenbereich mit gemeiner Finnensauna, abwehrstählendem Heustadel und beruhigender Kräuterhütte sowie einem Innenbereich mit gemeiner Finnensauna, esoterischer Softsauna (Lichtorgel und Indiandergedüdel) und feucht-fröhlicher 75°-Vitalsauna, was spontan die Frage aufdrängt, ob es im Gegenzug auch eine 195°-Lethalsauna gibt. Verbunden werden Innen und Außen durch ein großes, warmes Planschbecken, in dem Menschen träge wie Nilpferde tiefenentspannt vor sich hin treiben, aus dem Wasser ragen lediglich Augen, Nasen und manchmal noch das Hinterteil. Auffällig dabei ist vor allem die erstaunlich hohe Quote verschnuckelter glücklicher Pärchen. Zahlreiche faule Frauen hängen im Becken schwer auf den Rücken ihrer Männer herum und lassen sich im wahrsten Sinne des Wortes abschleppen oder auch mal vor die Massagedüse drücken. Deren Ehrgeiz wiederum scheint hauptsächlich darin zu bestehen, ihre Nilpferdfrauen durchs Wasser zu ziehen und wahlweise Kaffee, Bier, Schokokekse oder freie Wasserbettenplätze zu jagen. Vielleicht ist auch nur irgendwas im Chlorwasser, aber so viel geballte Glückspärchi-Harmonie bekommt man in keiner langen Einkaufsnacht in keiner Shopping Mall der Welt zu sehen, im Gegenteil. Abends gehen wir ins hoteleigene Restaurant Frankenstein, wo Wolverine ein australisches Flankensteak verzehrt und ich ein vegetarisches Asia-Nudelgericht, doing gender auch hier.

An Tag 2 spiele ich mit dem Massageprospekt und dem verwegenen Gedanken, mir wahlweise eine Kopf- oder eine Rückenmassage zu leisten, und weil ich mich nicht entscheiden kann, ob ich eher der verkopfte oder der verspannte Typ bin, suche ich den Maestro höchstselbst auf, um ihn zu fragen, was denn so das Richtige sei bei meiner hochsensiblen und -speziellen Konstitution. Der Maestro, Wolfgang Taler, sieht genau so aus wie im Prospekt: verstrahlter Hippie mit Schnauzbart, Knochen-Muschel-Kette und rosa Lotusblütenhemd. Mit verwirrenderweise italienischem Akzent meint Wolfgang, heute gebe es nur noch zwei Termine, und die seien Lomi Lomi und doppelt so teuer, aber morgen sei dann alles wieder normal. Das sind doch mal Sorgen! Ich verschiebe das Schmankerl auf den morgigen Tag, bis dahin kann ich dann auch noch in Ruhe darüber nachdenken, was das vorherrschende Problem ist, meine Verkopft- oder Verspanntheit.

„Wie wär’s denn mit denen?“

Nach zwei Tagen exzessiven Vor-uns-Hinschrumpelns und Mit-den-Zehen-Wackelns wird es an Tag 3 Zeit, sich neuen Herausforderungen zu stellen, und wir machen uns auf nach Piperach City, Städtchen anschauen und Souvenirs für meine Brut ergattern. Außerdem braucht Wolverine Schuhe, und ich brauche keine zwei Minuten, um überzeugend die Mutternummer zu machen: „Wie wär’s denn mit denen?“ Als direkt im Anschluss „Probier doch mal die!“ aus mir herausbricht, setze ich mich schockiert weit weg und denke an Horny Tawny, die mir einst riet, für jeden gekauften Kinderschuh ein Bier zu trinken und zwar noch im Laden. Wir starten einen zweiten Versuch in einem weiteren Laden, und als Wolvi den ersten Schuh anprobiert und ich allen Ernstes „Lauf doch mal ’ne Runde!“ sage, verziehe ich mich ebenso erschüttert wie unaufgefordert in die Damenabteilung, wo ich mir anstelle der geplanten Kopf-oder-Rücken-Massage zwei Paar Blümchen-Sommerschlappen rauslasse. Abgesehen von der akuten Deeskalation deucht mir auch der Entspannungseffekt ein deutlich langfristigerer. Wolverine findet überraschenderweise auch ohne mich und meine mütterliche Unterstützung zu neuem Schuhwerk, und dann ist es auch schon wieder Zeit fürs Mittagessen. Nach all den Strapazen der Real World kehren wir zurück in den sicheren Mikrokosmos des Sauberbergs mit seinen Honigmatschesalzaufgüssen, Wasserbetten und Nilpferdbecken. Die Andenken habe ich vollkommen vergessen.

Aber Tag 4 ist auch noch ein Tag, und an diesem wackeln wir noch kurz in die ans Quarkhotel angegliederte Sinn-Welt, wo ich schließlich Drehorgeln und Himbeerbonbons für Hotti und Lotti sowie 500 Gramm Sinn für mich erstehe. Was wir ihnen außerdem mitbringen, sind zwei praktische Schilder mit der Aufschrift „Bitte Zimmer aufräumen“, die ich ihnen bei Bedarf an ihre Türklinken hängen kann. Erschöpft von dieser weiteren Erledigung machen wir ein letztes Mal die Nilpferdnummer und fliegen dann heim ins Reich der Arbeit, der Kinder und der Kleidung. Mein persönliches Fazit: Nieder mit den Shopping Malls, Heustadel für alle!

Urlaub in Zenhausen [1]

Würde und Magen-Darm-Infekte schließen sich aus.

Willkommen, welcome, bienvenue, ein neues Jahr [2] erwartet Sie, dessen Beginn Sie hoffentlich ebenso aufregend wie wir begangen und eingeläutet haben. Nachdem wir einen Tag vor Silvester noch geschwind und erfolgreich Lottis achten Geburtstag mit gefühlten anderen 500 Familien im Spaßbad abgefeiert haben (kein Kind ist abgesoffen), stürzen Wolverine und ich uns auch schon wieder in die Vorbereitungen des anstehenden Jahreswechsels. Monsieur installiert tolle bunte Blinklichter, die im Set mit der Discokugel unter dem Weihnachtsbaum lagen, auf meinem Buffetschrank, vom Einsatz des Stroboskops [3], ebenfalls im Discoset enthalten, rate ich angesichts des ohnehin schon recht erhöhten Adrenalinspiegels der Kinder allerdings eher ab. Ich verteile Luftschlangen überall, und dann kommt auch schon Frau Antje aus Holland [4], die meine frisch renovierte Küche derart „90er“ findet, dass sie darin direkt eine alternative Clubdisco eröffnen möchte, die „Mathilde 11“ zum Beispiel. Ich behalte das mal als Geschäftsidee im Hinterkopf.

Der Rest des Festes ist schnell erzählt: Wulle schläft auf der Stelle ein, Rulle bald danach, Boney M’s Zappel und Zuppel fallen beim „Dinner for One“-Schauen vor Lachen fast von den Stühlen, und Dark Lotti schafft es nicht nur, sich einen Knaller ins Auge zu schießen, sondern sich auch beim Bleigießen eine beachtliche Brandblase zuzulegen. Herzog Ullrich, der die amtierende und bislang ungeschlagene Verletzungskönigin noch nicht so lange kennt, fragt mich, ob ich es schon mal mit einen Schutzbann rund um das Kind probiert hätte. Auch das eine blendende Idee, auf die ich schon aus Zeitgründen sicher bald zurückkommen werde. [5]

Romantisches Wochenende zu zweit

Als dann Hotti und Lotti für drei Tage ihren Papa heimsuchen, will ich nur noch eins: raus aus meiner Wohnung und Urlaub in Zenhausen. Wolverine schlägt vor, bevor wir uns es in seinem Wellnesstempel so richtig gemütlich machen, doch noch „geschwind“ die Discokugel in meiner Badezimmerdecke anzudübeln. Ich schlage ihm dies ebenso geschwind wieder aus dem Kopf und packe meine Saunasachen. Was mir vorschwebt, sind maximale Bewegungslosigkeit sowie Verdrängung sämtlicher realer Anforderungen, und zwar sofort. Im Thermalbad bemerke ich, dass ich meinen Bikini vergessen habe, aber egal, ich erwerbe einen schicken schwarzen Omabadeanzug und falle nach der ersten Schwitz- und Schwimmrunde in einen tiefen Schlaf des Vergessens.

Der Urlaub wird super. Wir essen, schlafen, lesen, glotzen, und dann wir mir schlecht, so schlecht, dass ich Wolverine aus der Dusche scheuchen muss, um mich ganz dringend in seine Toilette zu übergeben. Das tue ich dann in stündlichen Abständen bis um sechs Uhr morgens, und dann lasse ich mich vom gleichmäßigen Schnarchen des X-Man in den Schlaf wiegen. [6] Als ich mittags aus dem Bett auferstehe, werde ich mit Wärmflasche und Kamillentee versorgt, und auf dem Rückweg nach Hause machen wir noch einen Schlenker über die Tankstelle und besorgen ein koffeinhaltiges Kaltgetränk mit Zitronensäure, Zwieback haben sie nicht mehr. Der krönende Abschluss eines romantischen Wochenendes.

[1] Die genaue Ortsbezeichnung geht auf Herzogin Fanta I. zurück. [zurück]

[2] 2014. [zurück]

[3] Ein Stroboskop (griechisch strhόbos ‚Wirbel, Sichdrehen‘, strhόmbos ‚Kreisel‘, skopeΐn ‚betrachten, beobachten‘) ist ein Lichtblitzgerät, das Lichtblitze in sehr regelmäßigen zeitlichen Abständen abgibt, wodurch bei dunkler Umgebung Bewegungen abgehackt als eine Abfolge von stehenden Bildern erscheinen. (Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Stroboskop) [zurück]

[4] Frau Antje kommt eigentlich aus dem Osten, aber Zonen-Gaby hätte sie womöglich leicht übelgenommen. [zurück]

[5] Zu erwähnen wären an dieser Stelle alleine im November 2013 zwei Kopfverletzungen, wegen derer Lotti aus der öffentlichen Lernanstalt abzuholen und in der Kinderklinik auf Gehirnerschütterungen zu untersuchen war. Einmal versteckte sie sich vor der Lehrkraft unter dem Tisch, um dann unkontrolliert in die Höhe zu schnellen, woraufhin ihr schlecht wurde und sie verschwommen sah. Ein anderes Mal nutzte sie die einzige auf dem Schulhof zugefrorene Pfütze, um gegen ein anderes Kind zu schlittern und auf dann auf den Hinterkopf zu stürzen. Als sie ein weiteres Mal (ebenfalls im November 2013) senkrecht mit dem Kopf zuerst von ihrem im Zimmer montierten Trapez auf den Boden knallte, blieb es lediglich bei einer Beule. Meine mehrfach ausgesprochene Drohung, Lotti künftig nur noch mit Fahrradhelm und Rugby-Ausrüstung aus dem Bett zu lassen, blieb bislang ohne Konsequenz. [zurück]

[6] Ich muss wieder einmal feststellen, dass Würde und Magen-Darm-Infekte sich grundsätzlich ausschließen. [zurück]

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