Krebs kostet

Million Euro Baby

Million Euro Baby

Chronische Krankheiten sind ein teures Vergnügen. Sie kosten, und zwar nicht nur die eigene Gesundheit, sondern auch Nerven, Zeit und Geld. Der gallische Zaubertrank Paclitaxel, den ich seit zwei Wochen bekomme, macht es da auch nicht besser, nur anders. Er gehört zur Gruppe der sogenannten Taxane, und die verursachen unter anderem gerne Hautprobleme. Aufgrund dieser „Tumortherapie-induzierten Hauttoxizität“ trocknen nun zahlreiche meiner Häute und Schleimhäute aus und machen an allen möglichen Ecken und Enden Sperenzchen: Es spannt, es juckt, es brennt, es blutet, es nervt, und ich möchte buchstäblich aus meiner Haut fahren.

Money, money, money

So verbringe ich aktuell einen nicht unerheblichen Teil meines Tages im Bad mit Gurgeln, Spülen, Sprayen, Tropfen, Tupfen, Wärmen, Salben, Cremen und noch mehr Mundhygiene als sonst. Über diesem neuen Hobby darf ich nicht vergessen, die diversen Tabletten, Pillen, Pulver und Zäpfchen gegen Magenprobleme, Harnwegsinfektionen oder bakterielle Vaginose sowie für eine gesunde Darmflora und ein stabiles Immunsystem einzunehmen und meine Hände und Füße bezüglich anfänglicher Missempfindungen (Kribbeln und Brennen) zu versorgen. Zudem gilt es, den ganzen Tag über literweise Tee zu trinken, alles gut durchzuspülen und sich regelmäßig zu bewegen. Aber was hadere ich, schließlich habe ich sonst nichts zu tun (#Emotionen Pause machen).

Die Sache mit dem Geld ist da schon existenzieller. Einen Teil der Spezialausrüstung übernimmt zwar die Krankenkasse, den Rest zahlt man jedoch höchstselbst. Dazu kommen die schier zahllosen Zuzahlungsbeträge: nicht nur für die verschiedenen Medikamente gegen Übelkeit, Erbrechen, Thrombose, Verstopfung, Schmerzen, Stomatitis, polyneuropathische Sensibilitätsstörungen oder zur Bildung weißer Blutkörperchen, sondern auch für die Zytostatika selbst sowie für die Antibiotika, die zur Behandlung einiger Nebenwirkungen erforderlich sind. Bei den regelmäßigen Taxifahrten in die Tagesklinik und zurück wird ebenfalls ein Eigenanteil fällig, zumindest bei der ersten und der letzten Tour der Serienfahrt; beim Jahreswechsel wird von vorne gezählt. Summa summarum läppert es sich. Natürlich gibt es die Möglichkeit, bei der Krankenversicherung einen Befreiungsantrag für Zuzahlungen zu stellen, wenn diese die persönliche Belastungsgrenze überschreiten – vorausgesetzt, man kann alle entsprechenden Nachweise vorlegen, das kostet dann eben wieder Zeit und Nerven.

Ab in die Sofortrente

Weitere monetäre Kosten verursachen die aktuell benötigten FFP2-Masken (auch für die Brut), da man immunsupprimiert zur Risikogruppe zählt und von zusätzlichen Infektionen derzeit eher absehen sollte, Betäubungspflaster gegen den Port-Anstech-Schmerz, auf die ich allerdings aus Allergie- und Kostengründen künftig verzichten werde, und nicht zuletzt die Anschaffung mehrerer Schlafanzüge wegen nächtlicher Entgiftungsorgien. Menschen, die auf eine Haarattrappe Wert legen, müssen zudem noch ihre Perücke mitfinanzieren, da sparen mir mein Pragmatismus und die Zwergenmützen von Frau Zirkus bares Geld.

Damit ich mir den ganzen Spaß und noch viel mehr leisten kann, hat Chéri sich jüngst etwas ganz Besonderes einfallen lassen und mich mit einem Mega-Jahreslos beglückt, mit dem ich mindestens eine monatliche Sofortrente gewinnen werde, wenn nicht gar wöchentlich eine Million. Sollte dieser Plan nicht aufgehen, werde ich es mit ABBA halten und beim Glücksspiel in Las Vegas oder Monaco ein Vermögen machen. Denn wie sagte schon der Milliardär Aristoteles Onassis, der es schließlich wissen musste? „Dem Geld darf man nicht nachlaufen, man muss ihm entgegengehen.“

Chemo 2.0 oder: Der neue Stoff

Trastuzumab, Paclitaxel und Pertuzumab

Trastuzumab, Paclitaxel und Pertuzumab unterstützen nach Kräften.

Hurra, heute wird geschallt! Offenbar wissen meine neuen Freund*innen in der Onkologischen Tagesklinik mittlerweile schon im Vorfeld, wie es um meine tagesaktuelle Befindlichkeit bestellt ist, und richten den Behandlungsplan an dieser jeweiligen Bedürfnislage aus. Denn wie schon vor drei Wochen verspüre ich auch heute keinerlei Lust auf zytostatische Abenteuer, zumal ein neues Kapitel im Wunderkrebs aufgeschlagen wird, das mich bereits seit Wochen in Unruhe versetzt: Es gibt neuen Stoff, und was ich bis jetzt davon gehört habe, klingt nicht verheißungsvoll. Und so winken sie auch heute wieder mit der Aussicht auf eine Drecksack-Vermessung per Ultraschall am Ende eines langen Chemo-Tages, nur um mich bei Laune zu halten, und damit ich überhaupt noch wiederkomme. Aber der Reihe nach.

Pest oder Cholera

Nach vier Doppelpack-Dröhnungen Epirubicin und Cyclophosphamid im Zweiwochentakt, die hoffentlich nie wiederkommen, gibt es ab sofort jeden Dienstag Paclitaxel und das zwölf Wochen lang. Was klingt wie ein Zaubertrank bei Asterix, ist Pazifische Eibe und im Global harmonisierten System zur Einstufung und Kennzeichnung von Chemikalien mit den Symbolen für „Ätzwirkung“, „Gesundheitsgefahr“ und „Reizend“ versehen. Nach Aussage der Ärzt*innen sei dieses ganz reizende Zeug aber „besser verträglich“ als das vorige, löse eher keine Übelkeit aus, dafür aber möglicherweise bleibende Polyneuropathien, also Empfindungsstörungen und Lähmungserscheinungen in Händen und Füßen. Vor die Wahl gestellt, kann man sich schier gar nicht entscheiden. Seite an Seite mit dem ätzenden gallischen Zaubertrank kämpfen zudem neuerdings zwei mexikanische Gottheiten gegen den Drecksack, nämlich die Antikörper Trastuzumab und Pertuzumab. Diese beiden können nicht nur Tumorzellenwachstum verhindern, sondern auch Herzschädigungen und Durchfall hervorrufen. Aber wie schrieb Doc Huhn ebenso beruhigend wie lakonisch aus dem Off? „Keine Angst.“ Na, dann los!

Spaß mit der Relax-Funktion!

Der Ultraschall ist hart verdient. Zunächst gilt es, fünf öde Stunden mit Infusionen hinter mich zu bringen, die mich in eine Art Halbdämmer versetzen und mein Gehirn für den Rest des Tages komplett vernebeln. Ich döse vor mich hin, nicht mal meine Weihnachtsheft-Kollektion reißt mich aus meiner Apathie. Gegen Mittag jedoch kommt Leben in die Bude. Da die Tagesklinik plant, neue Chemo-Liegen anzuschaffen, wurden zwei verschiedene Modelle zum Testen aufgebaut (ein altes Modell sei laut Schwester mal samt Patientin umgekippt). Mit dem besseren soll langfristig nachgerüstet werden, und nun ist die Meinung der Patientinnen gefragt. In diesen fragwürdigen Genuss, das neue Möbel testen zu dürfen, kommt heute die recht betagte Dame neben mir.

Chemoliege mit Relaxfunktion.

Chemoliege mit Relaxfunktion.

Abgesehen davon, dass die Polsterung, die gleich drei poppig-schrille Quietschfarben in sich vereint, eine ästhetische Zumutung ist, findet die Testerin den Stuhl spontan „unbequem“. In diesem Zusammenhang wird sie von der Schwester auf die Fernbedienung hingewiesen, mithilfe derer sie sich in eine bequemere Position bringen könne. Dabei, so die Schwester, müsse sie, die Dame, jedoch aufpassen, da sich der am Stuhl festmontierte Tisch gleichzeitig mit der Liege neige. Die Patientin solle also ihre Tasse beim Runterfahren der Rückenlehne in die Hand nehmen und dann, in der gewünschten Position angekommen, die Tasse wieder auf das Tischchen stellen. Allein, das Tischchen verharrt – ebenso wie die Rückenlehne – in einem 45-Grad-Winkel, sodass sich beim besten Willen gar nichts darauf abstellen lässt. Die Test-Omi schimpft: „So ein Schwachsinn! Und wo soll ich jetzt mit meiner Tasse hin?“ Aber sie gibt nicht auf, und durch meinen Chemo-Nebel höre ich, wie sie stoisch mit ihrer Testreihe fortfährt. Plötzlich tut es einen Schlag, erschrocken fahre ich von meiner Liege hoch. Neben mir sitzt die Dame mit weit aufgerissenen Augen senkrecht auf dem topfebenen Höllengerät, die Rückenlehne ist ruckartig und mit einem Riesenlärm gegen die Steckdosenleiste an der Wand gekracht. „Was war jetzt des?“, will sie wissen. Die Schwester erklärt: „Oh – das ist die Relax-Funktion!“ Das Urteil der Test-Omi steht: „Also, des is nix.“

Blühende Landschaften

Nach dieser Slapstick-Einlage und zwei weiteren öden Stunden darf ich endlich zum Ultraschall. Routiniert erklimme ich die Liege, die Ärztin (eine andere als beim letzten Mal) sucht mit dem Sonoding den Drecksack in meiner linken Brust, und wie ihre Kollegin vor einigen Wochen fragt auch sie schließlich ratlos: „Wo ist der denn?!“ Immerhin findet sie einen der Clips, die Doc Huhn mir als Marker der ursprünglichen Tumorgrenzen eingepflanzt hat. Dann sagt sie: „Hm, also ich sehe hier so eine Strukturauffälligkeit, das müsste er sein…“ Sie nimmt großzügig Maß und kommt auf schlappe sieben mal sieben Millimeter. Ja Donnerwetter noch eins, das nenne ich mal einen steilen Abstieg: von einem aprikosengroßen Geschwür hin zu einer „Strukturauffälligkeit“, die sich zudem kaum noch ausmachen lässt! Wenn das so weitergeht, werden sie bei der nächsten Sonografie blühende Landschaften an der Stelle finden, wo einst der Drecksack hauste.

Endlich darf ich heim, mittlerweile fühle ich mich annähernd wie auf K.o.-Tropfen. Zu Hause falle ich direkt ins Bett und schlafe bis zum Abend. In den nächsten Tagen sind Paclitaxel, Trastuzumab und Pertuzumab meine ständigen Begleiter: Ich kann Großteilen von Konversationen nicht folgen, alles geht viel zu schnell, ich drifte immer wieder weg und werde zur intellektuellen Schnecke. Ansonsten brennt und juckt die Haut an meinen Händen und Füßen, in den Händen kribbelt es, und ich habe Durchfall. Insgesamt jedoch ist der neue Stoff weniger verheerend als der erste: Mir ist nicht mehr den ganzen Tag schlecht, sodass ich endlich aufhören kann, Sauerkraut, Salami und Senf zu essen. Und bekanntlich sind es ja die kleinen Dinge im Leben, die Freude machen.

Resilienz rules oder: Emotionen Pause machen

Corona und Krebs sind eine ätzende Kombination. Besonders für Hotti und Lotti ist der derzeitige Zustand eine ziemliche Zumutung: Sie sind Teenager*innen und wollen raus, feiern und Spaß haben. Statt Leichtigkeit und Unbeschwertheit heißt es jedoch: Rücksicht, Zurückhaltung, Vernunft und Kontrolle. Doch auch jenseits der speziellen Lage im Hause aktuelle dürften wir uns wohl alle darin einig sein, dass 2020 nicht das glanzvollste aller Jahre ist. Umso wichtiger ist es, die eigene mentale und psychische Grundkonstitution regelmäßig auf Vordermann zu bringen und so langfristig zu stählen. Um also in der gegenwärtigen Krise, die sich mutmaßlich noch eine ganze Weile ziehen wird, wenigstens einige unserer Tassen im Schrank zu behalten, habe ich als hauseigene Bundesregierung ein entsprechendes Maßnahmenpaket geschnürt, das ich seit Wochen sukzessive umsetze und gerne der Allgemeinheit als Basis für die persönliche Glücksforschung zur Verfügung stellen möchte.

Gönn Dir!

Millionen Chines*innen können nicht irren, wenn sie sagen „Es ist besser, ein Licht zu entzünden, als über die Dunkelheit zu klagen“, und so zünden Hotti, Lotti und ich nicht nur ab nachmittags allerorten Kerzen an, sondern arbeiten neuerdings auch hart mit dem Belohnungsprinzip. Für schulische Glanzleistungen bekommen die beiden regelmäßig Mandelhörnchen oder Quarkteig-Fledermäuse/-Nikoläuse vom Lieblingsbäcker, für erledigte Haus- und Haushaltsaufgaben winkt ein Einkaufsausflug in den geliebten Flohmarktladen, für ein Abenteuer in der Nuklearmedizin eine Boombox. Bis zum Lockdown gingen wir mit Fanta und deren Brut montags fett essen, alleine schon, weil wir den Montag geschafft hatten. Mittlerweile bestellen wir mittwochs Pizza, um die bewältigte Wochenhälfte zu feiern, und unterstützen so auch noch die hiesige Gastronomie. Darüber hinaus cheerleaden wir uns natürlich alle ständig gegenseitig: „Sagenhaft, wie Du Dich aufs Abi vorbereitest!“, „Wahnsinn, Du kapierst das amerikanische Wahlsystem!“, „Hammer, schon die vierte Chemo und Du lebst noch!“ Um mein eigenes Nerven- und Immunsystem und das meiner Freund*innen nicht bei unnötigen Einkaufstouren zu verschleißen, gönne ich mir selbst ein wöchentliches Gemüsekistenabo. Lotti hingegen, die aufgrund der lockdownbedingten Schließung des Zirkus Cannelloni Schwarz trägt, spendiere ich ein paar Gitarrenstunden bei der Nachbarin.

Erbauungsmediensammlung

Schließlich ist auch der passende Soundtrack in Krisenzeiten eine nicht zu unterschätzende Größe. Als Durchhaltehymnen empfehle ich Eye of the Tiger (von Survivor, sic!), Immer wieder kommt ein neuer Frühling und ganz besonders Emotionen Pause machen. Literarisch rate ich zu Tomte Tummetott, den dadaistischen Kurzgeschichten von Erwin Moser oder wahlweise Vogonengedichten. Resilienzratgeber dagegen, die momentan Hochkonjunktur haben, lassen wir schön im Regal stehen, zu groß ist der Optimierungsdruck, zu gering der Spaßfaktor: „Resilienz – Das Geheimnis der psychischen Widerstandskraft“, „Machen Sie sich krisenfest!“, „Das Hindernis ist der Weg“, „Die sieben Säulen der Resilienz“, „Ab heute stresst mich gar nichts mehr“, um nur einige zu nennen. Auch herkömmliche Nachrichten sind wohldosiert einzusetzen, am besten alternierend mit Good News, einem Nachrichtenkanal zur Unterstützung des körpereigenen Optimismussystems.

In der Sektion Bewegte Bilder geben Tatortreiniger, Mord mit Aussicht, Lucifer oder Terminator (Sarah Connor beim Durchhalten zusehen) viel her, Tiervideos gehen ohnehin immer. Hier einige unserer Top-Favoriten:

Die unglaublichsten Freundschaften zwischen Tieren

Kakadu tanzt „What is love“

Paradiesvogel beim Balzen

Japanese Puffer Fish baut ein Mandala

Um Hottis und Lottis Serotoninspiegel stabil zu halten, plane ich für die kommenden Wintermonate – Gipfel der Dekadenz – zudem ein Streaming-Abo, mein lokaler Videothekdealer, zu dessen letzten Kund*innen ich vermutlich gehöre, möge es mir angesichts der außergewöhnlichen Umstände nachsehen.

„Vier Schlangen beten ein Emoji an“

Jenseits des Medienkonsums gibt es natürlich noch etliche weitere Betätigungsfelder, um sich selbst robust, durabel und widerstandsfähig zu halten. Hier eine wilde Sammlung, die unter anderem auf Umfragen im Freund*innenkreis zurückgeht: unvernünftig viel Nachtisch essen; Bratäpfel mit Vanillesoße machen, dazu Kakao mit Sahne reichen; Kekse backen; Schlafanzüge kaufen; Sonnenuntergänge anschauen und danach direkt ins Bett gehen; elementare Dinge wie Bewegung, frische Luft, Plaudereien mit Freund*innen, schlafen, schnuckeln; sich eine Katze auf den Bauch binden; puzzeln; aufhören zu hadern (inschallah); eine Kakteensammlung anschaffen und ihrem Beispiel an Anspruchslosigkeit und Ausdauer folgen; Ausflüge mit Paarhufern unternehmen (Artikel folgt); Wunderbra lesen; Wunderbra schreiben; eine Reha machen und sich mal nur um sich selbst drehen; eine Feuerschale im Garten installieren; Wartungsberichte von Flugzeugen lesen; sich an eine laufende Waschmaschine kuscheln (Polyvagaltherapie); eine Weltkarte aufhängen und sich darüber kaputtlachen, wo die Kinder (und man selbst) bestimmte Orte vermuten; töpfern; Specksteinskulpturen mit abgefahrenen Titeln kreieren („Vier Schlangen beten ein Emoji an“, „Trump in Zwangsjacke“); an der Work-Life-Balance feilen und die Gilmore Girls schauen (besser spät als nie); umziehen; reiten; in der Werkstatt abtauchen; Frühlingszwiebeln versenken; eine halbe Stunde glasig gucken; Pläne für das nächste Jahr schmieden (HA!).

Die wichtigsten Aphorismen

Ansonsten gelten die oben genannten Maßnahmen selbstverständlich auch sämtlich für Teenager*innen, können allerdings für diese Zielgruppe noch erweitert werden um beispielsweise stundenlange Badezimmersessions, Haarkuren mit Apfelessig-Minze-Tinkturen, Gesichtspackungen mit Apfelessig-Heilerde („FÜHL mal, wie WEICH!“), jeden Finger- und Fußnagel in einer anderen Farbe lackieren, noch mehr Musik hören, noch mehr Serien glotzen, noch mehr Nachtisch essen, auch und gerade zum Frühstück.

Den ganz Abgeklärten unter uns, die die oben zum besten gegebenen Ratschläge bereits selbst und mehrfach erfolglos angewandt haben und sich nach wie vor die Haare raufen, möchte ich abschließend noch folgende tröstliche Aphorismen ans Herz legen:

The difference between fiction and reality is that fiction has to make sense.

Don’t despair at the absurd – go with it.

Das Leben ist eine Phase.

Und nun, liebe Gemeinde, lasst uns gemeinsam die Raute machen und inbrünstig ins Universum schmettern: WIR SCHAFFEN DAS!

Pyjamaparty

To sleep c'est chic.

To sleep c’est chic.

Da mein Körper mittlerweile jede Nacht entgiftet wie der Teufel und ich daher mindestens einmal klatschnass geschwitzt aufwache und meinen Schlafanzug wechseln muss (ja, ich trage Schlafanzüge und liebe es!), komme ich mit dem Waschen nicht mehr hinterher, und die Schlabberteile werden knapp. Zudem befinden sich darunter Modelle, die ich zu Hottis Babyzeiten angeschafft habe, und genau so sehen sie auch aus. Zeit für neue Nachtwäsche!

To sleep c’est chic

Da wir einen wahnsinnig nachhaltigen und finanziell nicht allzu breit aufgestellten Haushalt betreiben, shoppen Hotti, Lotti und ich am liebsten Second Hand, sowohl analog als auch digital. Es ist Sonntag, mir ist schlecht, außerdem sind wir drei erkältet und es gibt nichts zu tun, also auf zur Flohmarkt-Plattform Kleiderkreisel. Ich gebe „Schlafanzug“ und meine Größe ein und bin auf der Stelle überwältigt ob der angezeigten Treffer. Als deformierte Mutter, die ich bin, denke ich natürlich nicht nur an mich, sondern sofort auch an die Brut und ihre potenziellen Schlafbedarfe, und bestelle Hotti und Lotti in meine hoheitlichen Gemächer ein. Gemeinsam sichten wir das Angebot, das dominiert wird von lollipoppigen Kitschkostümen mit Schleifchen, Rüschchen, Tierchen und geisteskranken Slogans auf der einen und knappen, rotlichtverdächtigen Plastikfummeln auf der anderen Seite. Wer wie wir auf der Suche ist nach grundsoliden, ehrlichen Schlafanzügen ohne Tiermotive und Mottos, dafür aber in moderaten Formen und Farben sowie naturnahen Materialien, hat es hier erst einmal schwer.

Coffee, Croissants and your Boyfriend

So sehen wir uns auf den ersten Blick nicht nur konfrontiert mit wahlweise schrillen oder bonbonfarbenen Herzchen, Blümchen, Sternchen, Bärchen, Kätzchen, Weihnachtsbäumen, Elchen und Eulen, sondern auch mit deepen Aufdrucken wie „Love“, „Honey“, „Wild Thing“, „Happy happy happy happy happy happy happy happy“, „Sweet Home“, „Sweet dreams“, „Once upon a dream“ (alles gerne in Kombination mit Snoopy, Miffy, Tweety oder Hello Kitty) oder Imperativen für die Nacht wie „Dream sweetly, sleep peacefully, wake up happily“ oder „Live, dream and be happy“. An Einfallsreichtum und Tiefsinn nicht zu überbieten sind auch „Born to sleep“, „To sleep c’est chic“, „Love is full of surprises“ (wie wahr!) oder „Coffee, Croissants and your Boyfriend“. Lotti postuliert: „Sowas kommt uns nicht ins Haus, das Ganze muss ja irgendwie noch Stil haben.“ „This moment should last forever“ scheint mir bezüglich meiner gegenwärtigen Lebenslage nicht ganz passend, für „This is the beautiful flowers stupend love“ hätte ich gerne eine Übersetzung, und bei „Collect moments not things“ möchte man ergänzen „… and hässliche Schlafanzüge“. Faszinierend auch die Drohung „What if i dream about you?”. Bei „Oh deer!“, einem Modell mit Reh, ist Lottis Toleranzgrenze erreicht, streng hält sie fest: „Keine Wortwitze auf meinen Schlafanzügen!“

Keep the Standard. Strong finish. Original. Extend the lead.

Der Vollständigkeit halber werfen wir noch einen kurzen Blick in die Männerabteilung, um zu sehen, was die nächtliche Herrenmode so hergibt. Erwartungsgemäß stoßen wir hier auf freche Karos und Streifen in fröhlichem Dunkelblau, -grün oder -rot sowie frischem Anthrazit und Schwarz; hübsche Motive wie Dinosaurier, Flugzeuge, Panzer oder Superhelden (außer Iron man, Homer Simpson und Papa Bear) sind jedoch Mangelware. Auch Mottos sind hier eher rar gesät: Außer „Keep the Standard. Strong finish. Original. Extend the lead.”, „Life is better at the beach“, „Winter Legend“ und „Gasoline – power 79“ finden wir nur „BVB“, „NASA“, zwei Modelle mit asiatischen Schriftzeichen, bei denen wir uns gar nicht vorstellen wollen, was die bedeuten, und „Sometimes you have to ride the wave you’re given“. Immerhin steht da nicht „wife“.

Alles richtig gemacht

Nach unserem Ausflug in die nächtliche Unterwelt gelingt es uns dann doch noch, eine stattliche Anzahl passabler Teile zu ergattern, die unseren hohen Ansprüchen genügen, und wir sehen mit Vorfreude der kommenden Paketflut entgegen. Die nächsten Tage sind wie Weihnachten: Mehrmals täglich klingeln berittene Boten und werfen Maxibriefe und kleine Päckchen vor unsere Haustür, wir packen aus, probieren an und sind im Glück, um nicht zu sagen „Happy happy happy happy happy happy happy happy“. Zugegebenermaßen findet sich dann doch die eine oder andere Eule oder Katze auf den guten Stücken (keine Rentiere!), und Lotti ist auch mit Hottis Bestellung von zwei doch etwas halbseidenen und bauchfreien „Schlafis“ nicht ganz zufrieden: „Die halten aber nicht die Nieren warm!“ Aus pandemiestrategischer Perspektive jedoch legen wir eine Punktlandung hin: Exakt zum neuen Lockdown sind wir gerüstet für den sich nun aufdrängenden Winterschlaf. Wo wir sind, ist wieder einmal vorn.

Good News oder: Schrumpfsack

Go to hell!

Go to hell!

Beim dritten Ausflug in die Onkologische Tagesklinik habe ich keine Lust mehr. Ich weiß jetzt, wie das Spielchen läuft: Chemo-Keule, fünf bis sechs Tage Siechtum, eine Woche Sich-in-die-Welt-Zurückkämpfen, nächste Chemo-Keule und alles wieder von vorne. Ich hadere damit, aus meinem geliebten Alltag gerissen und mit Ansage lahmgelegt zu werden. Mit denkbar schlechter Laune entsteige ich meiner Kutsche und knurre die Ärztin an, als sie meinen Port ansticht (ich hasse es). Doch dann wendet sich das Blatt: Eben diese Ärztin, deren Schildchen immer verdeckt ist, sodass ich ihr leider keinen schönen Namen geben kann, verkündet, dass heute erstmals nach Beginn der Chemotherapie der Drecksack geschallt und dies nun alle drei Wochen geschehen werde, um zu sehen, ob die Therapie überhaupt anspricht und das Mistding schrumpft. Jetzt wird es wieder interessant. Vielleicht zieht sie diesen Joker auch nur wegen meiner finsteren Miene, aber egal.

Die Chemo zieht sich heute. Bei mir gibt es „Druckalarm“, weil die Nadel im Port nicht richtig sitzt, sodass die Infusionen nicht reinlaufen. Die Technik hupt und piept, und die grundgeduldigen Schwestern stehen sich an meinem Infusionsgerät die Füße in den Bauch, um das Ding ordnungsgemäß einzustellen. Am Ende müssen die Ärztin geholt und der Port neu angestochen werden. Die schaut mich mit hochgezogener Augenbraue an und meint: „Das mache ich aber nur, wenn Sie mir versprechen, nicht zu schreien.“ Deal. Ich knurre nur kurz. Sie fragt: „Sie hassen mich, oder?“ Die Ärmste, wahrscheinlich denkt sie, ich fresse sie gleich.

Ja, wo ist er denn?

Danach sind wir wieder in der Spur, die Päckchen laufen durch wie geschmiert, der Port-Cop beschießt den Drecksack, ich schaue mir Laternen-Bildchen im LandZauber an, den mir Ma Baker für finstere Stunden geschenkt hat, und dann geht’s runter ins Brustzentrum zur Sonografie. Euphorisch reiße ich mir sämtliche Oberteile vom Leib und werfe mich auf die Liege. Die Ärztin beginnt, mit ihrem Sonoding auf meiner linken Brust herumzufahren, und fährt und fährt und fragt schließlich irritiert: „Mh, wo ist der denn?“ Das werte ich schon mal als gutes Zeichen. Sie rollt zurück zum Schreibtisch und bespricht mit der Assistenzärztin, auf wie viel Uhr der Drecksack denn genau sitzen solle: drei, zwei, eins, zwölf? Ich werfe „Eins!“ in die Runde: „Der sitzt auf ein Uhr!“ Schließlich wird sie fündig und fängt an zu messen. Der Zwischenbefund treibt mir schier Tränen in die Augen: Das Drecksding ist von 5 x 3 Zentimetern auf sage und schreibe 2 x 1,8 Zentimeter geschrumpft – nach zweieinhalb mal Chemo. Das ist sagenhaft, um nicht zu sagen: ganz wunderbra!

Ich bin ebenso beeindruckt ob des medizinischen Fortschritts im Allgemeinen wie überglücklich im Speziellen. Das Kollektiv hat ganze Arbeit geleistet: Der Port, Professor Huhn (stellvertretend für das Team der Lingendinger Frauenklinik) sowie die gesamte Wunderbra-Gemeinde, die den Drecksack seit Wochen mental vermöbelt und zum Teufel jagt, haben selbigem offenbar gezeigt, wo die Wurst steht (wie Lotti sagen würde) und ihn bis hierhin schon mal erfolgreich assimiliert. Und der Rest kommt auch noch. Widerstand ist zwecklos, go to hell!

Vorhair Nachhair

Bei der Recherche nach einer passenden Überschrift stießen Lotti und ich auf einen Übersichtsartikel im Spiegel über Namen von Friseursalons und damit verbundene Wortspiele („Eine Analyse von 22.000 Salonnamen aus ganz Deutschland offenbart die schrägsten Kreationen“). Besonders passend und schnittig fanden wir „Vorhair Nachhair“, dem wir diesen Wunderbra-Artikel widmen.

Hauptsache, das Krönchen sitzt.

Hauptsache, das Krönchen sitzt.

Als nächstes fallen mir die Haare aus. An Tag 15 nach der ersten Chemo-Dröhnung sind es zunächst einzelne Haare, die beim Kämmen ausgehen, an Tag 16 kleinere Büschel, an Tag 17 dann viele kleine Büschel. Die Haarwurzeln schmerzen und fallen vermutlich gerade reihenweise tot um. Am Abend von Tag 17 beschließe ich, in die Offensive zu gehen und Chéri samt Haarschneider einzubestellen. Ich bin erstaunt, wie sehr mich der Umstand, bald haarlos zu sein, dann doch trifft, träumte ich doch schon als 15-Jährige von der Frisur einer Gabriele Krone-Schmalz und als 16-Jährige von der Glatze der Sinéad O’Connor. Damals drohte mir meine Mutter, das Taschengeld zu streichen und meinen zimmereigenen Telefonanschluss zu sperren, wenn ich so weit ginge. Was für eine unnötige Aufregung: Dreißig Jahre später habe ich ja doch, was ich wollte.

Diesmal allerdings nicht freiwillig, und das macht einen Unterschied. Als ich mit dem Handtuch um die Schultern auf einem Küchenstuhl Platz nehme und Chéri mit dem Rasierer vor mir steht, muss ich kurz in seinen Bauch weinen. Lotti, die als treue Begleiterin seit Wochen nicht von meiner Seite weicht, steht mir auch in dieser schweren Stunde bei. Sie beobachtet still, wie ich mich trösten lasse, dann holt sie eine Tüte Chips, setzt sich auf den Stuhl neben mir, schaufelt sich mit einer Hand Knabberkram in den Mund und hält und drückt mit der anderen die meine. Die gute Seele! Mit Argusaugen verfolgt sie jede von Chéris Rasierbewegungen und weist ihn auf jede noch so kleine Unregelmäßigkeit hin („Hinterm Ohr ist noch ein Haar! Da an der Seite auch noch!“). Per Fotodokumentation steckt sie mir, dass Chéri, der Scherzkeks, mir einen Irokesenschnitt verpasst hat. Doch auch der fällt bald zu Boden. Es wird Herbst, und ich werfe dieses Jahr als erste mein Laub ab.

Einen schönen Menschen entstellt nichts

Am nächsten Tag starten Hotti und Lotti eine Fotosession mit mir, das haben sie sich bei der Huberin abgeschaut, deren kreativer Umgang mit ihrer damaligen Erkrankung keine Wünsche an Inspiration offenlässt. Die Reaktionen aus meinem Umfeld machen Mut: Fanta attestiert mir „eine wahrhaft royale Kopfform“, Frau Zirkus näht mir zwei entzückende, kuschelige Zwergenmützen in Grün und Rot (es ist echt kalt ohne Haare!), Frau Indigo schlägt vor, mich doch mal im Cannelloni-Fundus nach diversen Glamour-Perücken umzuschauen, und Chéri gesteht mir, dass er im allerersten Star-Trek-Film die Deltanerin Lieutenant Ilia voll hot fand. Und wie sagt außerdem der Volksmund so richtig: Einen schönen Menschen entstellt nichts.

Nach ein paar weiteren Tagen habe ich auch die Glatzen-Kröte geschluckt, sodass ich meine einstige Prachtmähne in Frieden ziehen lassen kann. Das Krönchen sitzt wieder, und immerhin habe ich noch Augenbrauen, Wimpern und Beinhaare – offensichtlich verfügt deren Zellteilung über eine andere Geschwindigkeit und bietet der Chemie-Keule damit länger die Stirn. Und im nächsten Frühling werden die Bäume wieder ausschlagen und so auch ich.

Meine erste Chemo

Sechs Tage im zytostatischen Vollrausch.

Sechs Tage im zytostatischen Vollrausch.

Vier Tage nach der Implantation meines Super-Ports ist es soweit: meine erste Chemo! Das Abenteuer beginnt mit einer Taxifahrt. Da ich unter dieser Art von Drogen nicht aktiv am Straßenverkehr teilnehmen kann, verfüge ich ab sofort über ein entsprechendes Rezept („Verordnung einer Krankenbeförderung“ für „hochfrequente Behandlung“). Um sieben Uhr dreißig steht die royale Kutsche vor der Tür, um mich durchs morgendliche Lingendingen zu chauffieren und in der onkologischen Tagesklinik der Frauenklinik abzuladen. Dort tummeln sich im Wartebereich die verschiedensten Frauen: mit Haaren, Perücken, Tüchern oder Mützen, dick, dünn, schick, in Jogginghose, mit Buch, Handy, Kreuzworträtsel oder Strickzeug, in jeder Altersgruppe, zwischen zwanzig und neunzig ist alles dabei. Dennoch stellt sich recht schnell ein Community-Feeling ein – der Krebs macht alle gleich.

Beim Eingangsgespräch mit zwei Ärztinnen und einer Krankenpflegerin werde ich direkt auf dem Stuhl gewogen, auf dem ich sitze (fancy!), und man bohrt mir eine kapitale Nadel in den Port. Dann bekomme ich eine Führung durch die heiligen Hallen: Es gibt drei Räume mit jeweils etwa fünf Plätzen. Die gepolsterten Liegen sehen sehr bequem aus, dank geheimer Top-Informationen der Huberin weiß ich auch schon, dass diese individuell verstellbar sind. Für die Gemütlichkeit gibt es Kuscheldecken. Neben jeder Liege wiederum steht ein mobiler Infusionsständer, mit dem frau bei Bedarf auf Tour gehen kann (viel trinken = viele Toilettengänge). Es gibt einen großen Balkon, und da wir uns im sechsten Stock befinden, eröffnen sich mir buchstäblich königliche Aussichten in Richtung Osterberg und Schloss Hohenlingendingen.

Vergiftung mit Ansage

Dann geht es los. Insgesamt werden mir nacheinander etwa zehn verschiedene Flaschen, Päckchen und Tabletten verabreicht: Kochsalzlösung, Epirubicin (Pfleger: „So, jetzt gibt’s Aperol Spritz!“), Zuckerwasserlösung, Cyclophosphamid sowie irgendwas gegen Blasenentzündung, Übelkeit und anderes drohendes Ungemach. Ich unterhalte mich mit ein paar Frauen, zu meiner Überraschung schimpfen alle wie die Fuhrknechte: „So ein Scheiß!“ – „Braucht kein Mensch!“ – „Wem sagen Se des?!“ Ich fühle mich sofort zu Hause. Um zehn Uhr rollt eine Stewardess mit Snackwägelchen herein und verteilt Käsebrötchen, Joghurt, Äpfel und Tee. Dann löse ich ein paar Kreuzworträtsel, klinke mich mit Hottis Kopfhörern vom Weltgeschehen aus und widme mich meinen Playlists. Um zwölf ist alles vorbei, meine Kutsche fährt vor und bringt mich heim.

Zu Hause ist zunächst auch noch alles ok, Schlag drei Uhr geht es dann rund: Kopfschmerzen, Übelkeit, Wackelbeine, Schwäche. Ich vegetiere und stiere vor mich hin, trinke gefühlte zehn Liter am Tag und döse immer wieder weg. Die nächsten fünf Tage fühlen sich an wie eine üble Alkohol- oder Lebensmittelvergiftung inklusive heftigem Kater. Nachts verschwitze ich jeweils zwei komplette T-Shirts, die stinken wie Sondermüll. Meine Leber und Nieren arbeiten auf Hochtouren, derartige Strapazen mussten sie seit meiner Pubertät nicht mehr bewältigen. Ein Gedanke hält mich unterdessen bei der Stange: Mir geht es vielleicht dreckig – dem Tumor geht es dreckiger. Mit dem will gerade wirklich niemand tauschen.

Heulen und Zähneklappern

Auch mein Geschmackssinn läuft ziemlich aus dem Ruder, Reminiszenzen an die beiden Schwangerschaften werden wach. Super sind: Sauerkonserven, Colamix, Gurke, Zwiebel, Brokkoli, Salat, Kräutertee, Pizza Napoli, purer Reis, Döner. Chéri sowie der Hotti-Lotti-Papa (HLP) karren abwechselnd Limo, Säfte, eingelegten Selleriesalat und vieles mehr heran. Geht doch nichts über guten Service und eine ausgewogene Ernährung!

Am zweiten Abend soll ich mir eine Spritze geben, die die Bildung der roten Blutkörperchen anregt. Dies wiederum passiert im Knochenmark und kann mit ziemlichen Schmerzen in den Knochen verbunden sein. Ich sterbe vor Angst und bestelle die Ex-Schwester ein. Unter Heulen und Zähneklappern werfe ich prophylaktisch eine Schmerztablette ein, während Ma Baker mir professionell die vermeintliche Untergangsinjektion in ein Bauchspeckröllchen spritzt. Darüber hinaus muss Chéri zum Übernachten kommen, ich befinde mich in äußerster Alarmbereitschaft. Um es abzukürzen: Es passiert so gut wie nichts. Beruhigt halte ich fest, dass offenbar nicht jede angekündigte potenzielle Nebenwirkung eintreten muss.

Wir schaffen das!

Stattdessen blüht mir andere Unbill. Da bei einer Chemotherapie nicht nur die Krebszellen, sondern auch alle möglichen anderen Zellen, die sich schnell teilen (Haare, Nägel, Schleimhäute, rote Blutkörperchen…), zum Teufel gehen, verabschiedet sich nach drei Tagen meine Mundschleimhaut: Ich habe Zahnfleischbluten und jede Menge kleine Entzündungen. Bei jedem Bissen gehe ich vor Schmerzen die Wände hoch, sodass ich mir schließlich Müslibrei kaufe und das restliche Essen püriere. In der Apotheke erstehe ich ein regenerierendes Gurgelgel, „von Onkologen empfohlen“. Der Apotheker nutzt meine aktuelle Labilität, um mir direkt noch einen Packen Darmbakterien anzudrehen. Nach sechs Tagen im zytostatischen Vollrausch ist der Spuk schließlich vorbei. Ich bin sehr beeindruckt von der Ausnüchterungsleistung meines Körpers und überzeugt: Wir schaffen das!

Ich und mein Port

Quelle: Partynia (Wikipedia), Lizenz: CC-BY-SA 4.0.

Nach der Diagnostik geht es nun in die onkologische Praxis, Nägel mit Köpfen, Butter bei die Fische. Wie bereits erwähnt, bekomme ich vor meiner Chemotherapie einen sogenannten Venenkatheter oder kurz: Port implantiert, sodass jede Infusion direkt dort angeschlossen werden kann und meine Venen nicht jedes Mal neu angestochen werden müssen. Da ich den Port mittlerweile dankbar als meinen leibeigenen Cop betrachte, der mir bedingungslos und loyal im Kampf gegen den Drecksack zur Seite steht, werde ich ihm bzw. seiner Implantation an dieser Stelle einen eigenen Spin-Off-Artikel widmen.

„Wo waren Sie zuletzt im Urlaub?“

Frau Professor Fischke hatte mir die OP als „kleinen Eingriff“ angekündigt, ich verbringe selbigen völlig unheldinnenhaft heulend unter Lokalanästhesie. Eine Dreiviertelstunde weine ich still vor mich hin, während zwei Chirurg*innen in meinen Venen unter meinem rechten Brustbein herumhantieren, Plastikschläuche hineinschieben, einen Kunststoffpfropf obendrauf setzen und alles wieder zunähen. Ich bin arm, klein und ausgeliefert. Was, wenn die Ärztin am Vorabend feiern war und ihr aus Versehen das Skalpell ausrutscht? Oder der Arzt so sehr von den nicht enden wollenden Urlaubsgeschichten des Krankenpflegers fasziniert ist, dass er mir am Ende noch eine Schere mit einpflanzt? Wissen sie wirklich, was sie tun? (Ich sage nur: „Oh Gott, das ist mir noch nie passiert, ich schwöre!“) Ich liege da, die Tränen laufen unaufhörlich, bis mich eine Stimme aus meinem Selbstmitleid herausreißt: „Hallo? Frau aktuelle? Sind Sie noch da?“ Zur Abwechslung möchte der Krankenpfleger nun von mir wissen, wo ich meinen letzten Urlaub verbracht habe. „Ich??“, frage ich ungläubig, schließlich bin ich gerade kurz davor, dass Zeitliche zu segnen, und der fragt mich nach meinem letzten Urlaub. „Ja“, meint er schulterzuckend. „Äh… Borkum“, erinnere ich mich, „Nordsee, letztes Jahr.“ Darauf der Pfleger: „Oh – wie langweilig!“ Darauf ich: „Ich liebe langweilig.“ Nichts ist in diesem Moment wahrer, auf Abenteuer wie diese kann ich getrost verzichten.

Wunderschöne Venen

Die Ärzt*innen, die aktuell wohl auch eher in Sorge um meinen mentalen Zustand sind, versuchen es mit bereits erwähntem Kompliment, möglicherweise aber auch, um die Spannungen in der Konversation zwischen dem Pfleger und mir zu überbrücken: „Also Frau aktuelle, Sie haben auf jeden Fall sehr schöne Venen!“ Ich frage nach, ob es denn da Unterschiede gebe. „Oh ja“, meint die Chirurgin begeistert, „unbedingt! Und Ihre sind wirklich wunderschön!“ Nun gut, die Schönheit liegt wie immer im Auge der Betrachterin, so wohl auch hier. Immerhin bin ich raus aus meiner inneren Emigration und schöpfe neue Hoffnung, den OP-Saal lebend zu verlassen.

Dann haben wir es auch schon geschafft. Ich werde wieder zugenäht, im Rollstuhl in den Aufwachraum gefahren und mit Kaffee und Keksen reanimiert. Es folgt die obligatorische Röntgenaufnahme in der Nachbarabteilung, ob alles richtig sitzt; auf dem Rückweg verlaufe ich mich natürlich wieder und muss von einer Pflegerin eingesammelt werden. Sie versorgt mich noch mit letzten Pflegetipps für mein neues Tool, u.a. muss ich mir in den nächsten zehn Tagen jeweils eine Anti-Thrombosespritze geben. Allein bei dem Gedanken daran werde ich fast ohnmächtig. Dann bin ich entlassen. Als ich gehe, höre ich die Pflegerin: „Die Nächste, bitte!“

Jetzt erst recht

In den folgenden Tagen kann ich meinen rechten Arm nicht heben. So muss Chéri mir demütigenderweise nicht nur meine Pullis an- und ausziehen, sondern auch noch die Haare waschen. Ich knie vor seiner Badewanne und gebe Kommandos: „Wärmer! Weiter oben! Mehr schrubben! Aua, nicht so fest!!“ Und Chéri macht wärmer und schrubbt weiter oben und nicht so fest.

Nach weiteren Tagen des Selbstmitleids habe ich dann schließlich die zündende Idee mit dem Port-Cop, der mich beschützen und den fiesen Bad-Guy-Tumor-Drecksack in meiner linken Brust auf ein Uhr mit noch fieseren Chemo-Medis beschießen wird. Angesichts dieser neuen Ausgangslage melden sich meine Lebensgeister zurück und ich switche in den Kampfmodus. Zum ersten Mal seit Wochen denke ich statt „Fuck!!!“ und „Oh Gott!!!“: „Na warte!“ Jetzt erst recht.

Die inneren Werte

Bei unserem zweiten Termin verpasst Professor Huhn mir eine fancy Clipmarkierung in die linke Brust. Dort sitzt ja bekanntlich der Tumor-Drecksack auf ein Uhr. Wie bereits in Krebs ist ein Arschloch grafisch dargestellt, besitzt dieser quasi die Form einer Kaulquappe mit zwei Schwänzen: ein fetter Bobbel in der Mitte, der zwischen meinen Milchgängen mittlerweile Fäden von insgesamt zehn Zentimetern Länge nach oben und unten ausgebildet hat. Um den ursprünglichen Anfangs- und Endpunkt des Tumors zu verorten, werden bei der Clipmarkierung nun zwei Metallkügelchen (oder -drähte?) in die Brust geschossen. So kann man wunderbar dabei zusehen, wie der Drecksack unter der anstehenden Chemotherapie schrumpfen wird, und bei der Operation schließlich das ursprüngliche Tumorareal lokalisieren und entfernen. Lotti fragt mich zu Hause ungläubig, ob ich jetzt Metalldinger im Busen habe, und ich antworte lässig: „Das ist der neue heiße Piercing-Scheiß. Außen und sichtbar kann jede*r.“

Um zu überprüfen, ob meine neuen Piercings auch richtig sitzen, werde ich zur Mammografie in die Radiologie geschickt. Für diese Röntgenaufnahme der Brust verrenkt frau sich zu vollkommen widernatürlichen Körperhaltungen, während die anwesende Fachfrau für das Fotoshooting professionell die gepiercte Brust hart zwischen zwei Plexiglasscheiben in Form presst. Ich frage sie, ob sie das den ganzen Tag mache. Sie bejaht. Was für ein Job. Sehnsüchtig und erleichtert denke ich an mein harmloses kleines Zirkusbüro. Luft anhalten, lächeln, Foto, fertig. Meine Innen-Piercings sitzen perfekt.

Strahlende Schönheit

Zurück bei Professor Huhn stellt sich heraus, dass mir in den nächsten Monaten eine steile polytoxikomane Karriere bevorsteht und meine diesbezüglichen Parameter damit durch die Decke gehen werden. Der Therapieplan sieht nämlich Folgendes vor: 24 Wochen Chemotherapie, drei Wochen Pause, Operation, vier Wochen Pause, sechs Wochen tägliche Bestrahlung, danach fünf Jahre Hormontherapie. Mir blüht eine hohe Infektanfälligkeit, was mich in Corona-Zeiten zur Risikopatientin macht. Einmal in der Woche wird ein Blutbild fällig werden, alle drei Monate ein EKG und Herz-Echo.

Danach geht es zu Frau Professor Fischke, der Onkologin im sechsten Stock. Sie offenbart mir die Implantierung des Portsystems für die Chemo in den nächsten Tagen, klärt mich über potenzielle Nebenwirkungen inklusive Haut- und Haarproblemen auf und versorgt mich mit einem Stapel Rezepte gegen Übelkeit, Verstopfung und Schmerzen samt Erläuterungen. Als letztes händigt sie mir in diesem Zusammenhang noch ein Rezept für eine Perücke aus. Meine Befremdung nimmt kein Ende. Lotti hingegen zeigt sich zu Hause begeistert: „Cool, wir holen Dir eine in pink!“ Ganz meine Tochter: Wir machen die Krücke zum Zepter!

Ausflug in die Nuklearmedizin

Ich hab' Uran im Urin, da hilft kein Aspirin.

Ich hab‘ Uran im Urin, da hilft kein Aspirin.

Mit der Diagnose Krebs bekommt man so richtig zu tun. Noch bei unserem ersten Treffen scheucht mich Professor Huhn zur Magnetresonanztomographie (MRT), um über Magnetfelder meinen Körper nach Metastasen zu durchsuchen. In der Radiologie lege ich mich, nackt bis auf die Unterhose und ein vorne offenes Flügelhemdchen, bäuchlings auf eine Liege, die dann in die Röhre fährt. Dabei bietet die Liege nicht nur eine Öffnung fürs Gesicht, damit man bei potenziellen Panikattacken überhaupt noch Luft bekommt, sondern auch zwei kleinere Öffnungen auf Brusthöhe, durch die die Brüste baumeln. Als Krönung werden diese zusätzlich zwischen Plexiglasscheiben fixiert, vermutlich auch, damit sie bei dem Höllenlärm, Geruckel und Gewummer der nun einsetzenden Großbaustelle schön stillhalten und so vorteilhaft wie möglich abgelichtet werden können. Nach zwanzig Minuten in dieser unwürdigen Haltung bei kakophonischer Beschallung wanke ich verstört im Flügelhemdchen zurück in die Umkleide, ziehe mich an und lasse mich von Chéri ins sichere Zuhause chauffieren.

Date in der KRÖNA-Klinik

Ein paar Tage später geht es ins CT. Als erstes verlaufe ich mich im Labyrinth der KRÖNA-Klinik, komme zu spät und werde von der diensthabenden MTA barsch zurechtgewiesen. Als sie mir das Kontrastmittel in meine lädierten Venen spritzt, platzt ein Blutgefäß. Es tut ziemlich weh und ich breche in Tränen aus. Die MTA schaut mich verständnislos an und meint: „Das ist nur ein Blutgefäß, das ist nicht schlimm.“ Beim CT selbst gibt es einen metallischen Geschmack auf der Zunge, und meine Blase wird plötzlich so warm, dass ich fürchte, in die Hose gemacht zu haben. Ma Baker holt und rettet mich mit Himbeertorte, und ich gelobe, beim nächsten Date in der KRÖNA-Klinik deutlich mehr Zeit einzuplanen.

Richtig aufregend wird es dann in der Nuklearmedizin, deren Name an sich schon Abenteuer und Adrenalin verspricht. Dort soll mithilfe eines Knochenszintigramms ermittelt werden, ob sich Metastasen in meinen Knochen niedergelassen haben (Spoiler: haben sie nicht). Bevor ich zu Hause aufbreche, meint Lotti: „Hey, voll cool – bring unbedingt ein Bild von Deinem Skelett mit!“

„Das ist mir noch nie passiert, ich schwöre!“

Für so ein Szintigramm bekommt man erst einmal eine Ladung radioaktives Kontrastmittel injiziert. Im Aufklärungsbogen befinden sich u.a. folgende Hinweise:

„Die Ausscheidung der Substanzen erfolgt über den Urin. Beschränken Sie am Untersuchungstag den Umgang mit Kindern und Schwangeren auf Notwendiges.

Am Untersuchungstag ist Ihr Urin radioaktiv. Sie sollten bei Toilettengängen vorsichtig sein, achten Sie auf Ihre Kleidung [was bedeutet das?, Anmerk. die aktuelle].“

Die Injektion übernimmt eine sehr junge Ärztin, die offensichtlich bemerkt, wie hasig und weinerlich ich bin, und gleich beruhigend auf mich einredet: „Kein Problem, da müssen Sie keine Angst haben, es wird alles gut!“ Ich klammere mich an ihre Worte und die Hoffnung, dass sie weiß, was sie tut. Zunächst weiß sie das auch, legt mir einen Zugang, holt die Spritze aus dem kleinen James-Bond-Metallköfferchen und legt los. Ich schaue weg, Spritzen kann ich nicht sehen. Plötzlich verliert die Ärztin die Nerven und schreit los: „Oh mein Gott! OH MEIN GOTT! Oh nein, das ist mir noch nie passiert, ICH SCHWÖRE, wirklich!!!“ Ich schaue zu meinem rechten Arm, aus dem kleine Blutfontänen spritzen, schnappe mir einen Wattebausch und halte den Zugang dicht, während die arme Frau kreideweiß die Hände ringt. Ich frage sie, was denn passiert sei. „Nichts“, sagt sie, „mit Ihnen ist alles in Ordnung!“ Dann beteuert sie nochmals, dass ihr sowas wirklich noch nie passiert sei („Ich schwöre!), verklebt meinen Arm mit unzähligen Pflasterstreifen und verabschiedet mich hektisch.

„Ich hab‘ Uran im Urin“

Alarmiert und irritiert verlasse ich die Nuklearmedizin für eine dreistündige Pause, da sich das Zeug jetzt erst mal in meinem Körper verteilen muss. Ich treffe Chéri auf ein Schokocroissant, und er fragt mich, ob ich eigentlich den Achtziger-Jahre-Hit „Ich hab‘ Uran im Urin “der Band Wiederwillen kenne – bisher noch nicht.

Als ich später zur Nuklearmedizin zurückkehre, um endlich mein Skelett-Foto zu machen, schlurft die arme junge Ärztin mit hängendem Kopf über den Campus. Ich frage sie, ob wieder alles in Ordnung wäre. Sie schaut mich aus tiefen Augenringen an und sagt leise: „Ich bin so müde.“ Ich hoffe nur, dass sie nicht auf dem Weg zur nächsten Schicht ist. Das Rätsel um den Vorfall kann ich nicht lösen, Ma Baker als ehemalige Schwester mutmaßt jedoch, dass die Gute womöglich radioaktives Zeug verläppert und damit den Raum kontaminiert habe, was ja in Kliniken nicht so gerne gesehen wird, und bringt so immerhin ein bisschen Licht ins Dunkel.

Die Bildgebung selbst verläuft dann verhältnismäßig ereignisarm. Dennoch ist mein Nervenkostüm für diesen Tag derart zerrüttet, dass ich mich dringend mit dem Kauf einer supercoolen Boombox belohnen muss. Eine weise Entscheidung, danach geht es mir deutlich besser. Ich beschalle die Wohnung mit meinen Lieblingsplaylists, und Hotti und Lotti sind blass vor Neid.