Good News oder: Schrumpfsack

Go to hell!

Go to hell!

Beim dritten Ausflug in die Onkologische Tagesklinik habe ich keine Lust mehr. Ich weiß jetzt, wie das Spielchen läuft: Chemo-Keule, fünf bis sechs Tage Siechtum, eine Woche Sich-in-die-Welt-Zurückkämpfen, nächste Chemo-Keule und alles wieder von vorne. Ich hadere damit, aus meinem geliebten Alltag gerissen und mit Ansage lahmgelegt zu werden. Mit denkbar schlechter Laune entsteige ich meiner Kutsche und knurre die Ärztin an, als sie meinen Port ansticht (ich hasse es). Doch dann wendet sich das Blatt: Eben diese Ärztin, deren Schildchen immer verdeckt ist, sodass ich ihr leider keinen schönen Namen geben kann, verkündet, dass heute erstmals nach Beginn der Chemotherapie der Drecksack geschallt und dies nun alle drei Wochen geschehen werde, um zu sehen, ob die Therapie überhaupt anspricht und das Mistding schrumpft. Jetzt wird es wieder interessant. Vielleicht zieht sie diesen Joker auch nur wegen meiner finsteren Miene, aber egal.

Die Chemo zieht sich heute, bei mir gibt es „Druckalarm“, weil die Nadel im Port nicht richtig sitzt, sodass die Infusionen nicht reinlaufen. Die Technik hupt und piept, und die grundgeduldigen Schwestern stehen sich an meinem Infusionsgerät die Füße in den Bauch, um das Ding gescheit einzustellen. Am Ende muss die Ärztin geholt und der Port neu angestochen werden. Die schaut mich mit hochgezogener Augenbraue an und meint: „Das mache ich aber nur, wenn Sie mir versprechen, nicht zu schreien.“ Deal. Ich knurre nur kurz. Sie fragt: „Sie hassen mich, oder?“ Die Ärmste, wahrscheinlich denkt sie, ich fresse sie gleich.

Ja, wo ist er denn?

Danach sind wir wieder in der Spur, die Päckchen laufen durch wie geschmiert, der Port-Cop beschießt den Drecksack, und dann geht’s runter ins Brustzentrum zur Sonografie. Euphorisch reiße ich mir sämtliche Oberteile vom Leib und werfe mich auf die Liege. Die Ärztin beginnt, mit ihrem Sonoding auf meiner linken Brust herumzufahren, und fährt und fährt und fragt schließlich irritiert: „Mh, wo ist der denn?“ Das werte ich schon mal als gutes Zeichen. Sie rollt zurück zum Schreibtisch und bespricht mit der Assistenzärztin, auf wie viel Uhr der Drecksack denn genau sitzen solle: drei, zwei, eins, zwölf? Ich werfe „Eins!“ in die Runde: „Der sitzt auf ein Uhr!“ Schließlich wird sie fündig und fängt an zu messen. Der Zwischenbefund treibt mir schier Tränen in die Augen: Das Drecksding ist von 5 x 3 Zentimetern auf sage und schreibe 2 x 1,8 Zentimeter geschrumpft – nach zweieinhalb mal Chemo. Das ist sagenhaft, um nicht zu sagen: ganz wunderbra!

Ich bin ebenso beeindruckt ob des medizinischen Fortschritts im Allgemeinen wie überglücklich im Speziellen. Das Kollektiv hat ganze Arbeit geleistet: Der Port, Professor Huhn (stellvertretend für das Team der Lingendinger Frauenklinik) sowie die gesamte Wunderbra-Gemeinde, die den Drecksack seit Wochen mental vermöbelt und zum Teufel jagt, haben selbigem offenbar gezeigt, wo die Wurst steht (wie Lotti sagen würde) und ihn bis hierhin schon mal erfolgreich assimiliert. Und der Rest kommt auch noch. Widerstand ist zwecklos, go to hell!

Vorhair Nachhair

Bei der Recherche nach einer passenden Überschrift stießen Lotti und ich auf einen Übersichtsartikel im Spiegel über Namen von Friseursalons und damit verbundene Wortspiele („Eine Analyse von 22.000 Salonnamen aus ganz Deutschland offenbart die schrägsten Kreationen“). Besonders passend und schnittig fanden wir „Vorhair Nachhair“, dem wir diesen Wunderbra-Artikel widmen.

Hauptsache, das Krönchen sitzt.

Hauptsache, das Krönchen sitzt.

Als nächstes fallen mir die Haare aus. An Tag 15 nach der ersten Chemo-Dröhnung sind es zunächst einzelne Haare, die beim Kämmen ausgehen, an Tag 16 kleinere Büschel, an Tag 17 dann viele kleine Büschel. Die Haarwurzeln schmerzen und fallen vermutlich gerade reihenweise tot um. Am Abend von Tag 17 beschließe ich, in die Offensive zu gehen und Chéri samt Haarschneider einzubestellen. Ich bin erstaunt, wie sehr mich der Umstand, bald haarlos zu sein, dann doch trifft, träumte ich doch schon als 15-Jährige von der Frisur einer Gabriele Krone-Schmalz und als 16-Jährige von der Glatze der Sinéad O’Connor. Damals drohte mir meine Mutter, das Taschengeld zu streichen und meinen zimmereigenen Telefonanschluss zu sperren, wenn ich so weit ginge. Was für eine unnötige Aufregung: Dreißig Jahre später habe ich ja doch, was ich wollte.

Diesmal allerdings nicht freiwillig, und das macht einen Unterschied. Als ich mit dem Handtuch um die Schultern auf einem Küchenstuhl Platz nehme und Chéri mit dem Rasierer vor mir steht, muss ich kurz in seinen Bauch weinen. Lotti, die als treue Begleiterin seit Wochen nicht von meiner Seite weicht, steht mir auch in dieser schweren Stunde bei. Sie beobachtet still, wie ich mich trösten lasse, dann holt sie eine Tüte Chips, setzt sich auf den Stuhl neben mir, schaufelt sich mit einer Hand Knabberkram in den Mund und hält und drückt mit der anderen die meine. Die gute Seele! Mit Argusaugen verfolgt sie jede von Chéris Rasierbewegungen und weist ihn auf jede noch so kleine Unregelmäßigkeit hin („Hinterm Ohr ist noch ein Haar! Da an der Seite auch noch!“). Per Fotodokumentation steckt sie mir, dass Chéri, der Scherzkeks, mir einen Irokesenschnitt verpasst hat. Doch auch der fällt bald zu Boden. Es wird Herbst, und ich werfe dieses Jahr als erste mein Laub ab.

Einen schönen Menschen entstellt nichts

Am nächsten Tag starten Hotti und Lotti eine Fotosession mit mir, das haben sie sich bei der Huberin abgeschaut, deren kreativer Umgang mit ihrer damaligen Erkrankung keine Wünsche an Inspiration offenlässt. Die Reaktionen aus meinem Umfeld machen Mut: Fanta attestiert mir „eine wahrhaft royale Kopfform“, Frau Zirkus näht mir zwei entzückende, kuschelige Zwergenmützen in Grün und Rot (es ist echt kalt ohne Haare!), Frau Indigo schlägt vor, mich doch mal im Cannelloni-Fundus nach diversen Glamour-Perücken umzuschauen, und Chéri gesteht mir, dass er im allerersten Star-Trek-Film die Deltanerin Lieutenant Ilia voll hot fand. Und wie sagt außerdem der Volksmund so richtig: Einen schönen Menschen entstellt nichts.

Nach ein paar weiteren Tagen habe ich auch die Glatzen-Kröte geschluckt, sodass ich meine einstige Prachtmähne in Frieden ziehen lassen kann. Das Krönchen sitzt wieder, und immerhin habe ich noch Augenbrauen, Wimpern und Beinhaare – offensichtlich verfügt deren Zellteilung über eine andere Geschwindigkeit und bietet der Chemie-Keule damit länger die Stirn. Und im nächsten Frühling werden die Bäume wieder ausschlagen und so auch ich.

Meine erste Chemo

Sechs Tage im zytostatischen Vollrausch.

Sechs Tage im zytostatischen Vollrausch.

Vier Tage nach der Implantation meines Super-Ports ist es soweit: meine erste Chemo! Das Abenteuer beginnt mit einer Taxifahrt. Da ich unter dieser Art von Drogen nicht aktiv am Straßenverkehr teilnehmen kann, verfüge ich ab sofort über ein entsprechendes Rezept („Verordnung einer Krankenbeförderung“ für „hochfrequente Behandlung“). Um sieben Uhr dreißig steht die royale Kutsche vor der Tür, um mich durchs morgendliche Lingendingen zu chauffieren und in der onkologischen Tagesklinik der Frauenklinik abzuladen. Dort tummeln sich im Wartebereich die verschiedensten Frauen: mit Haaren, Perücken, Tüchern oder Mützen, dick, dünn, schick, in Jogginghose, mit Buch, Handy, Kreuzworträtsel oder Strickzeug, in jeder Altersgruppe, zwischen zwanzig und neunzig ist alles dabei. Dennoch stellt sich recht schnell ein Community-Feeling ein – der Krebs macht alle gleich.

Beim Eingangsgespräch mit zwei Ärztinnen und einer Krankenpflegerin werde ich direkt auf dem Stuhl gewogen, auf dem ich sitze (fancy!), und man bohrt mir eine kapitale Nadel in den Port. Dann bekomme ich eine Führung durch die heiligen Hallen: Es gibt drei Räume mit jeweils etwa fünf Plätzen. Die gepolsterten Liegen sehen sehr bequem aus, dank geheimer Top-Informationen der Huberin weiß ich auch schon, dass diese individuell verstellbar sind. Für die Gemütlichkeit gibt es Kuscheldecken. Neben jeder Liege wiederum steht ein mobiler Infusionsständer, mit dem frau bei Bedarf auf Tour gehen kann (viel trinken = viele Toilettengänge). Es gibt einen großen Balkon, und da wir uns im sechsten Stock befinden, eröffnen sich mir buchstäblich königliche Aussichten in Richtung Osterberg und Schloss Hohenlingendingen.

Vergiftung mit Ansage

Dann geht es los. Insgesamt werden mir nacheinander etwa zehn verschiedene Flaschen, Päckchen und Tabletten verabreicht: Kochsalzlösung, Epirubicin (Pfleger: „So, jetzt gibt’s Aperol Spritz!“), Zuckerwasserlösung, Cyclophosphamid sowie irgendwas gegen Blasenentzündung, Übelkeit und anderes drohendes Ungemach. Ich unterhalte mich mit ein paar Frauen, zu meiner Überraschung schimpfen alle wie die Fuhrknechte: „So ein Scheiß!“ – „Braucht kein Mensch!“ – „Wem sagen Se des?!“ Ich fühle mich sofort zu Hause. Um zehn Uhr rollt eine Stewardess mit Snackwägelchen herein und verteilt Käsebrötchen, Joghurt, Äpfel und Tee. Dann löse ich ein paar Kreuzworträtsel, klinke mich mit Hottis Kopfhörern vom Weltgeschehen aus und widme mich meinen Playlists. Um zwölf ist alles vorbei, meine Kutsche fährt vor und bringt mich heim.

Zu Hause ist zunächst auch noch alles ok, Schlag drei Uhr geht es dann rund: Kopfschmerzen, Übelkeit, Wackelbeine, Schwäche. Ich vegetiere und stiere vor mich hin, trinke gefühlte zehn Liter am Tag und döse immer wieder weg. Die nächsten fünf Tage fühlen sich an wie eine üble Alkohol- oder Lebensmittelvergiftung inklusive heftigem Kater. Nachts verschwitze ich jeweils zwei komplette T-Shirts, die stinken wie Sondermüll. Meine Leber und Nieren arbeiten auf Hochtouren, derartige Strapazen mussten sie seit meiner Pubertät nicht mehr bewältigen. Ein Gedanke hält mich unterdessen bei der Stange: Mir geht es vielleicht dreckig – dem Tumor geht es dreckiger. Mit dem will gerade wirklich niemand tauschen.

Heulen und Zähneklappern

Auch mein Geschmackssinn läuft ziemlich aus dem Ruder, Reminiszenzen an die beiden Schwangerschaften werden wach. Super sind: Sauerkonserven, Colamix, Gurke, Zwiebel, Brokkoli, Salat, Kräutertee, Pizza Napoli, purer Reis, Döner. Chéri sowie der Hotti-Lotti-Papa (HLP) karren abwechselnd Limo, Säfte, eingelegten Selleriesalat und vieles mehr heran. Geht doch nichts über guten Service und eine ausgewogene Ernährung!

Am zweiten Abend soll ich mir eine Spritze geben, die die Bildung der roten Blutkörperchen anregt. Dies wiederum passiert im Knochenmark und kann mit ziemlichen Schmerzen in den Knochen verbunden sein. Ich sterbe vor Angst und bestelle die Ex-Schwester ein. Unter Heulen und Zähneklappern werfe ich prophylaktisch eine Schmerztablette ein, während Ma Baker mir professionell die vermeintliche Untergangsinjektion in ein Bauchspeckröllchen spritzt. Darüber hinaus muss Chéri zum Übernachten kommen, ich befinde mich in äußerster Alarmbereitschaft. Um es abzukürzen: Es passiert so gut wie nichts. Beruhigt halte ich fest, dass offenbar nicht jede angekündigte potenzielle Nebenwirkung eintreten muss.

Wir schaffen das!

Stattdessen blüht mir andere Unbill. Da bei einer Chemotherapie nicht nur die Krebszellen, sondern auch alle möglichen anderen Zellen, die sich schnell teilen (Haare, Nägel, Schleimhäute, rote Blutkörperchen…), zum Teufel gehen, verabschiedet sich nach drei Tagen meine Mundschleimhaut: Ich habe Zahnfleischbluten und jede Menge kleine Entzündungen. Bei jedem Bissen gehe ich vor Schmerzen die Wände hoch, sodass ich mir schließlich Müslibrei kaufe und das restliche Essen püriere. In der Apotheke erstehe ich ein regenerierendes Gurgelgel, „von Onkologen empfohlen“. Der Apotheker nutzt meine aktuelle Labilität, um mir direkt noch einen Packen Darmbakterien anzudrehen. Nach sechs Tagen im zytostatischen Vollrausch ist der Spuk schließlich vorbei. Ich bin sehr beeindruckt von der Ausnüchterungsleistung meines Körpers und überzeugt: Wir schaffen das!

Ich und mein Port

Quelle: Partynia (Wikipedia), Lizenz: CC-BY-SA 4.0.

Nach der Diagnostik geht es nun in die onkologische Praxis, Nägel mit Köpfen, Butter bei die Fische. Wie bereits erwähnt, bekomme ich vor meiner Chemotherapie einen sogenannten Venenkatheter oder kurz: Port implantiert, sodass jede Infusion direkt dort angeschlossen werden kann und meine Venen nicht jedes Mal neu angestochen werden müssen. Da ich den Port mittlerweile dankbar als meinen leibeigenen Cop betrachte, der mir bedingungslos und loyal im Kampf gegen den Drecksack zur Seite steht, werde ich ihm bzw. seiner Implantation an dieser Stelle einen eigenen Spin-Off-Artikel widmen.

„Wo waren Sie zuletzt im Urlaub?“

Frau Professor Fischke hatte mir die OP als „kleinen Eingriff“ angekündigt, ich verbringe selbigen völlig unheldinnenhaft heulend unter Lokalanästhesie. Eine Dreiviertelstunde weine ich still vor mich hin, während zwei Chirurg*innen in meinen Venen unter meinem rechten Brustbein herumhantieren, Plastikschläuche hineinschieben, einen Kunststoffpfropf obendrauf setzen und alles wieder zunähen. Ich bin arm, klein und ausgeliefert. Was, wenn die Ärztin am Vorabend feiern war und ihr aus Versehen das Skalpell ausrutscht? Oder der Arzt so sehr von den nicht enden wollenden Urlaubsgeschichten des Krankenpflegers fasziniert ist, dass er mir am Ende noch eine Schere mit einpflanzt? Wissen sie wirklich, was sie tun? (Ich sage nur: „Oh Gott, das ist mir noch nie passiert, ich schwöre!“) Ich liege da, die Tränen laufen unaufhörlich, bis mich eine Stimme aus meinem Selbstmitleid herausreißt: „Hallo? Frau aktuelle? Sind Sie noch da?“ Zur Abwechslung möchte der Krankenpfleger nun von mir wissen, wo ich meinen letzten Urlaub verbracht habe. „Ich??“, frage ich ungläubig, schließlich bin ich gerade kurz davor, dass Zeitliche zu segnen, und der fragt mich nach meinem letzten Urlaub. „Ja“, meint er schulterzuckend. „Äh… Borkum“, erinnere ich mich, „Nordsee, letztes Jahr.“ Darauf der Pfleger: „Oh – wie langweilig!“ Darauf ich: „Ich liebe langweilig.“ Nichts ist in diesem Moment wahrer, auf Abenteuer wie diese kann ich getrost verzichten.

Wunderschöne Venen

Die Ärzt*innen, die aktuell wohl auch eher in Sorge um meinen mentalen Zustand sind, versuchen es mit bereits erwähntem Kompliment, möglicherweise aber auch, um die Spannungen in der Konversation zwischen dem Pfleger und mir zu überbrücken: „Also Frau aktuelle, Sie haben auf jeden Fall sehr schöne Venen!“ Ich frage nach, ob es denn da Unterschiede gebe. „Oh ja“, meint die Chirurgin begeistert, „unbedingt! Und Ihre sind wirklich wunderschön!“ Nun gut, die Schönheit liegt wie immer im Auge der Betrachterin, so wohl auch hier. Immerhin bin ich raus aus meiner inneren Emigration und schöpfe neue Hoffnung, den OP-Saal lebend zu verlassen.

Dann haben wir es auch schon geschafft. Ich werde wieder zugenäht, im Rollstuhl in den Aufwachraum gefahren und mit Kaffee und Keksen reanimiert. Es folgt die obligatorische Röntgenaufnahme in der Nachbarabteilung, ob alles richtig sitzt; auf dem Rückweg verlaufe ich mich natürlich wieder und muss von einer Pflegerin eingesammelt werden. Sie versorgt mich noch mit letzten Pflegetipps für mein neues Tool, u.a. muss ich mir in den nächsten zehn Tagen jeweils eine Anti-Thrombosespritze geben. Allein bei dem Gedanken daran werde ich fast ohnmächtig. Dann bin ich entlassen. Als ich gehe, höre ich die Pflegerin: „Die Nächste, bitte!“

Jetzt erst recht

In den folgenden Tagen kann ich meinen rechten Arm nicht heben. So muss Chéri mir demütigenderweise nicht nur meine Pullis an- und ausziehen, sondern auch noch die Haare waschen. Ich knie vor seiner Badewanne und gebe Kommandos: „Wärmer! Weiter oben! Mehr schrubben! Aua, nicht so fest!!“ Und Chéri macht wärmer und schrubbt weiter oben und nicht so fest.

Nach weiteren Tagen des Selbstmitleids habe ich dann schließlich die zündende Idee mit dem Port-Cop, der mich beschützen und den fiesen Bad-Guy-Tumor-Drecksack in meiner linken Brust auf ein Uhr mit noch fieseren Chemo-Medis beschießen wird. Angesichts dieser neuen Ausgangslage melden sich meine Lebensgeister zurück und ich switche in den Kampfmodus. Zum ersten Mal seit Wochen denke ich statt „Fuck!!!“ und „Oh Gott!!!“: „Na warte!“ Jetzt erst recht.

New Cat in Town

Miezmiezmiez!!!

Miezmiezmiez!!!

Wir haben Nachwuchs: Putze und Messie, zwei entzückende adoleszente Katzendamen, die wir bereits im letzten Jahr bei Chéri einquartierten und nun, da letzterer just von seinem Landwohnsitz in unseren Kiez nach Lingendingen gewechselt ist (Wunderbra wird berichten), bei Hotti, Lotti und mir hausen. Die Kinderschar war im Vorfeld schon ganz aufgeregt und malte sich aus, wie schön das würde, wenn die Miezen endlich bei uns wären und wie süüß und wie niiiedlich, und man könnte streicheln und füttern und herumtragen, und sie würden schnurren und maunzen und schnurren, und nachts würde man die Kinderzimmertüren auflassen und die Miezen würden zu ihren Füßen oder auf ihren Bäuchen nächtigen, blühende Haustierlandschaften.

Draußen vor der Tür

Bei ihrer realen Ankunft stellen wir Putze und Messie in Lottis Zimmer und umzingeln zu viert ganz entspannt den Korb, aus dem beide Katzen mit weit aufgerissenen Augen herausstarren. Als zehn Minuten später Messie in Zeitlupe eine Pfote aus dem Korb setzt, stürzen sich Hotti und Lotti mit beruhigenden Worten auf sie: „HAALLLLOOOO MEEESSSSIIIIIIEEE!!! KOMM HEEER, KUCK MAL, FANG DIE MAUS!!!“ Sie wollen nur spielen. Putze schleicht zügig und geduckt in die hinterste Ecke unter Lottis Bett und glotzt für die nächsten Stunden mit Kulleraugen zu uns, die wir abwechselnd auf allen Vieren vorm Bett liegen und sie herauszulocken versuchen. Schließlich kommt das erste Fressie, das erste Pipi, sie schnurren und schmusen und vier alle sind mächtig stolz auf unsere lieben Kleinen, wie überaus gefasst sie den Transfer vom Land in die Stadt genommen haben.

Nach der ersten Nacht allerdings stehen Putze und Messie vor verschlossenen Kinderzimmertüren. Lotti berichtet am Morgen mit tiefen Ringen unter den Augen, dass die Katzen in der Nacht aus dem Stand ihr Hochbett angesprungen hätten (glücklicherweise schläft sie unten), nur um wieder herunterzuhopsen und das Ganze zu wiederholen. Messie kämpfte mit dem Teppich und kaute ihn durch, Putze wiederum wurde gesehen, wie sie ihr Stoffkörbchen durchs halbe Zimmer schob. Hotti sieht auch nicht viel besser aus und ergänzt, dass Messie ihren Engelsflügel (aus Vogelfedern) an der Wand traktiert hätte, während Putze erst ihr Hochbett erklomm und dann jämmerlich maunzte, weil sie angeblich nicht mehr herunter konnte.

Miezmiezmiez!!!

Und auch sonst akklimatisieren sich die beiden Damen recht schnell. Sie inhalieren tütenweise Nass- und Trockenfutter, spielen Fußball mit Teebeutelpapieren, schlafen auf dem Küchentisch, wuseln zwischen Füßen herum, und wenn ich das Katzenklo saubermache, schauen sie zu, um, wenn ich fertig bin, noch in meinem Beisein direkt erneut ihr Geschäft zu verrichten. Außerdem sitzen sie auf Fensterbänken und beobachten vorbeispazierende Hunde, hauen ab ins Treppenhaus oder latschen über die Küchenzeile. Was will man auch machen den ganzen Tag, wenn einen diese Irren plötzlich einsperren?

Dann kommt der große Tag: Putze und Messie dürfen das erste Mal das Haus verlassen und ihr neues Revier erkunden. Zu diesem Zweck setzen Hotti, Lotti und ich sie ans Badfenster, von dem aus es auf das Schuppendach geht. Messie steigt vorsichtig nach draußen, Putze drückt hinterher, und dann bleiben beide versteinert hocken, den Schwanz sorgsam um die Vorderpfoten gelegt. Dann Pause. Nichts, nur zuckende Ohrmuskulatur. Etwa drei Minuten später rasen sie wie der geölte Blitz in Lottis Zimmer, unters Bett, und erholen sich von ihrem wilden Abenteuer. Da habe ich jetzt schon ein bisschen mehr erwartet. Also locke sie noch einmal hervor und schiebe sie durch Lottis Fenster nach draußen. Und dann legt es bei ihnen einen Schalter um und weg sind sie. Früher fand ich es immer besonders entwürdigend, wenn ich Leute mit Fressnäpfen klappernd an Fenstern und Türen habe stehen sehen, wie sie unsägliche Namen in die Straße riefen und ihre entlaufenen Katzen mit allen möglichen dämlichen Geräuschen ins traute Heim zurückzulocken versuchten. Diese Blöße würde ich mir niemals geben. Als Chéri nach Hause kommt und die Lage überreißt, holt er Schüsselchen und Löffelchen aus der Küche, stellt sich auf den Balkon, klappert und ruft im Chor mit mir: „PUUUTZEEE! MEEESSSIIIIIIEE!! KO-HOMMT, FREEESSSIIIIIE!!! MIEZMIEZMIEZ!!!“ Und tatsächlich: Sie kommen von sonst woher angaloppiert und rasen vor unseren Augen auf die Bäume im Garten. Sie rasen wieder runter und verschanzen sich unter Autos. So rutschen Chéri und ich auf Knien vor dem Auto der Nachbarin herum und klappern und locken. Schließlich gelingt es uns, beide Damen einzutüten und sicher in den Katzenknast zurückzubefördern. Sag niemals nie.

Apropos Weihnachten

„Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.“
(Engel Lotti, Krippenspiel Weihnachten 2013)

Im Gegensatz zu ihrem sonstigen Gebaren entscheidet sich Lotti gegen Ende des Jahres den Engel zu geben, zumindest im Krippenspiel der ortsansässigen Kirchengemeinde. Ich begrüße das aus mehreren Gründen und, Wunder über Wunder, erklärt sich der Hotti-Lotti-Papa bereit, den nicht ganz eingängigen Text mit unserer Zweitgeborenen einzustudieren („Er kam in diese Welt, in sein Eigentum, und die Seinen nahmen ihn nicht auf.“) sowie auch gleich ein Paar Engelsflügel zu organisieren. Und da wir den diesjährigen Heiligen Abend mit der aus Neukamerun zurückgekehrten Fanta samt Mulle, Rulle und Wulle, ihrem neuen Clown und Herzog Ullrich sowie Oma Highspeed und Wolverine, ehemals Batman [1], begehen werden, finden wir uns alle am Nachmittag des 24. Dezember im Familiengottesdienst der Ullrichkirche wieder. Ich darf zwischen dem Hotti-Lotti-Papa und Wolverine sitzen, Weihnachten, das Fest der Liebhaber.

Hört der Engel helle Lieder

Draußen wird es allmählich dämmrig, drinnen breitet sich Stille aus. Pfarrer Cyborg spricht einleitend ein paar besinnliche Worte, dann beginnt das Krippenspiel. Lotti und zwei weitere Engel schweben zum Altar, mutterstolz und erwartungsvoll blicke ich nach vorne. Inbrünstig leiern die Engel ihren Text herunter („Er ist den (!) Weg und die Wahrheit und das Leben, niemand kommt zum Vater denn durch ihn.“) und röhren dann ein derart schiefes Halleluja ins Mikrofon, dass die Gemeinde kollektiv in unterdrücktes Gekicher verfällt. Fürchtet Euch nicht, denn siehet, ich verkündige Euch große Freude, die allem Volke widerfahren wird! Oh ja, und noch einmal: Halleluja! Ich distanziere mich innerlich von den Gesangskünsten meiner Tochter und verschwinde äußerlich unter meiner Kapuze.

Nach dieser kirchlich-kulturellen Erbauung begeben wir uns alle in Fantas neue Kaserne, wo wir mit zwei Raclette-Geräten älteren Datums binnen Minuten dauerhaft die Stromversorgung der gesamten Wohnung lahmlegen. Herzog Ullrich und Fanta kriechen im Dunkeln auf allen Vieren durch die Wohnung und fixieren Verlängerungskabel mit Gaffaband, bis Wolverine endlich irgendwelche Kerzen angezündet hat, die Kinder kreischen: „Das Licht ist aus!!!“ und Highspeed ruft vom Sicherungskasten aus: „Ich hab hier so gemacht!“. Fanta strahlt: „Hach, Weihnachten kann so aufregend sein!“

Familie Hoppenstedt wäre blass vor Neid

Nach Wiederherstellung des Stromkreislaufes transferieren Wolverine und ich kistenweise Geschenke von Fantas Schlafzimmer unter den von Highspeed, Lotti und mir gefällten Weihnachtsbaum, Familie Hoppenstedt würde in jeder Hinsicht blass vor Neid. Wir versammeln uns rund um den Raclette-Grill, wobei die lieben Kleinen locker den Lärmpegel einer Rock-am-Ring-Veranstaltung erreichen. Sie essen nur Mais, und für den Einkaufszettel im nächsten Jahr notieren die lieben Großen „mehr Mais“ und „Ohrenstöpsel“. Als wir abräumen, bemerkt Rulle, dass ihre Großeltern dieses Jahr gar nicht anwesend sind („Wo sind eigentlich Urmel und Elsa?“) und Tinkerbell, die heuer anstelle der abwesenden Großeltern mit uns feiert, stellt fest, dass „wir dieses Jahr echt schnell für ein Käsefondue waren“. Wir sind eben alle nicht mehr die Jüngsten.

In Ermangelung eines metallenen macht Highspeed das bezaubernde humanoide Weihnachtsglöckchen („Dingdingdingdingding!!“), und die Kinderschar stürmt bis an die Zähne mit Blockflöten bewaffnet die festliche Stube. Hotti übernimmt die Moderation und fordert aktive Publikumsbeteiligung: „Um Mitsingigkeit wird gebeten!“ Fanta und ich greifen zu unseren eingestaubten Altflöten, Herzog Ullrich rundet das Gesamtarrangement mit Ukuleligkeit ab. Danach werden noch diverse andere Weihnachtshits mehr oder weniger textsicher geschmettert, und dann gibt es eine schöne Bescherung: Die Kleinen bekommen ihre sehnlichsten Herzenswünsche erfüllt (Nähkurs, Monster High, Meister Yoda), die Großen auch (alles Mögliche) und ich ebenfalls (Das Buch der Queen, Skeletteierwärmer mit Hut, Discokugel, Landfrauenkalender). Besondere Erwähnung finden soll an dieser Stelle die Weihnachtskarte, die Rulle für mich schrieb:

„Liebe aktuelle,
ich freue mich, dass ihr mit uns Weihnachten feiert. Apropos Weihnachten: Frohe Weihnachten
Deine Rulle“

Und dann machen wir es uns gemütlich.

[1] Aus Gründen kam es zu einer Umbenennung meines aktuellen Superhelden. [zurück]

Beyond

Nachdem man in den letzten Jahren diverse Kinder geboren, die dazugehörigen Plazentae, Beziehungen und andere Illusionen begraben, Universitätsabschlüsse, Umzüge und Kindergeburtstage gemanagt, sein Innerstes in einem öffentlichen Tagebuch preisgegeben sowie Playlists auf Youtube angelegt hat, gilt es nun, pünktlich zur anstehenden Vorweihnachtsmadness, sich der möglicherweise letzten Herausforderung zu stellen: dem Handarbeitsdiskurs. Mein Plan für dieses Jahr sieht folgendermaßen aus: Ich kaufe Unmengen an Wolle und Nadeln, Fanta bringt mir Häkeln bei, und alle bekommen Mützen. Menschen, die diesen Blog verfolgen, vergessen alles, was sie bisher gelesen haben, entweder sofort oder werden unter der Nordmanntanne unbändige Freude heucheln.

Fanta sagt für die erste Handarbeitsstunde direkt und freudig zu, Ma Baker ist spontan sehr beeindruckt ob meiner Entschlossenheit und träumt seit unserem letzten Telefonat von den Landfrauen und Weihnachtsbasaren, und sogar Bedenkenträgerin Dr. Sprite, die zunächst mit hochgezogener Augenbraue darauf verweist, dass der Wolldiskurs ja gerade eh voll trendy wäre, zieht nach manischen Ausführungen meinerseits (blühende Landschaften!) in Erwägung, ihr vor Jahren eingemottetes Stricknadelset zu reaktivieren. Wenn ich eins kann, dann ist es mitreißen, egal wohin.

„Mütze häkeln“

Das Ergebnis der ersten Handarbeitsstunde mit meiner Lieblingsgrundschullehrerin ist frustrierend und landet im frisch aufgestellten Küchenschrank von Batman. Und weil mich heute das Siechtum dahingerafft hat, so dass ich keiner geregelten Arbeit, sondern lediglich maximal stumpfsinnigen Aktivitäten nachgehen kann, lege ich mich ins Bett, befestige Wärmflasche und Laptop auf meinem Bauch und youtube „Mütze häkeln“. Das erste Video ist eine ernstzunehmende Anleitung für halbe Stäbchen, ich denke „Keine halben Sachen!“, suche erst mal weiter und stoße dabei auf „Boshi in einer Minute“, wobei mich selbstverständlich vor allem „in einer Minute“ reizt. Von Fanta weiß ich, dass Boshi gerade voll hippe Häkelmützen sind, die zur Zeit offenbar vorrangig von männlichen Planetenbewohnern gefertigt werden, und sie muss es ja wissen, schließlich ist ihr Ex bereits diesem neuen Trend verfallen. Vollends abgetörnt werde ich schließlich vom dritten Video, in dem eine zuckersüße Schnuckimausi die „Jungs“ von MyBoshi und Hatnut fragt, warum und wieso sie denn zum Häkeln gekommen sind, was sie so besonders macht und ob sie heimlich auch mal stricken. Die Jungs kichern und kokettieren damit, dass sie eher nicht so stricken, weil sie schließlich Männer seien und dadurch nicht in der Lage, zwei Geräte gleichzeitig zu bedienen. Offenbar ebenfalls ein neuer Trend: die unterstellte Blödheit als niedlichen Fakt verkaufen und sich dann entspannt zurücklehnen. Mit Häkeln bin ich jedenfalls fertig. Morgen wieder Rockstars stalken.

Gut. Was wünscht Ihr Euch sonst so?

Oma Highspeed

Der Kosmos meint es derzeit gut mit mir. So bin ich aktuell nicht nur vom einen oder anderen Superhelden umgeben, sondern auch von einem Haufen wohlmeinender Feen, die keine Wünsche offen lassen. Die eine vermietet mir meine neue Traumwohnung zu einem für Lingendinger Verhältnisse mehr als fairem Preis und spendiert mir nächstes Jahr möglicherweise einen schicken Ostbalkon für meinen Morgenkaffee. Eine andere stabilisiert mich nachhaltig beim Nikotinentzug, indem sie mir keine Zigaretten gibt, auch wenn ich noch so hartnäckig auf Holzscheiten knieend im Schlamm vor ihr herumrutsche. Die nächste zaubert mitten im Umzugsirrsinn für Fanta, mich und unsere Sippschaft ein mediterranes Menü und spendiert tütenweise Haute Couture für die Mädels, eine weitere wiederum will mir günstig ihren Trockner vermachen. Und dann ist da noch die beruflich pensionierte, politisch jedoch hyperaktive Oberfee mit dem langen grauen Zopf, die Frauengeschichte schreibt, keine S21-Demo auslässt und nicht nur meine Wäsche vor heraufziehenden Gewittern in Sicherheit bringt, sondern sie neuerdings auch noch ordentlich zusammengelegt vor meine Tür stellt.

Batman oder Superman?

Ihr entgeht im Übrigen: Nichts. So macht sie mich darauf aufmerksam, dass ich vor einer Minute Fantas Auto leider auf dem Handwerkerparkplatz abgestellt habe und dieses doch bitte umparken möge, dass ich wiederum die Scheibe meines eigenen Fahrzeugs auf der Fahrerseite offen gelassen habe und dass ich gestern Abend entweder Besuch gehabt oder sehr laut telefoniert habe, wobei sie breit grinsend versichert, dass sie selbstredend „kein Wort!“ verstanden habe. Sie hat mittlerweile herausgefunden, dass mein W-LAN Lady Blabla heißt und verrät mir im Gegenzug, dass sie Highspeed wäre. Neulich fängt sie mich mit hochgezogener Augenbraue auf der Treppe ab und sagt mit tiefer Stimme: „Ich habe übrigens Deinen Blog gelesen!“ Noch nicht einsortieren könnend, ob das jetzt gut oder schlecht für mich und unser künftiges nachbarschaftliches Verhältnis ist, kontere ich betont lässig: „Ah ja?“ Darauf sie: „Und wer war das jetzt neulich morgens: Batman oder Superman?“

Darüber hinaus hat sich die Highspeed-Fee kurzerhand zur Vize-Oma für Hotti und Lotti erklärt. So scheucht sie drei Wochen lang meine Brut zum morgendlichen Bus in die Dreckspatzen-Ferienbetreuung, während ich bereits in aller Herrgottsfrühe vollkommen egoman meiner Berufstätigkeit und Selbstverwirklichung in der Landeshauptstadt fröne. Sie beglückt uns mit Apfelmus und Marmelade, Gurken, Brombeeren und Holunderblütensirup, und sie vollbringt sogar das Wunder, die granatensture Lotti dazu zu bewegen, ihr Fahrrad in den Schuppen zu schieben oder sich einen Sonnenhut aufzusetzen, wenn ich mir diesbezüglich schon den letzten Zahn an diesem Esel von einem Kind ausgebissen habe. Und jüngst hat sie beschlossen, für meine Nachkommen Genossenschaftsanteile zur Finanzierung von Mikrokrediten zu erwerben. Ich rechne fest damit, dass sie mir in naher Zukunft zwinkernd drei Haselnüsse in die Hand drücken, dreckig lachen und sagen wird: „Aber um Mitternacht bist Du zu Hause!“

Two princes

Der kosmischen Scherze gibt es ja bekanntlich viele, allein der Themenkomplex „die aktuelle und die Männerwelt“ bildet mittlerweile ein ganzes Genre. Der neueste geht so: Während sich jahrelang kein männliches Wesen so richtig für mich und meine Special Effects erwärmen konnte und ich auf meiner To-do-Liste für die kommenden Jahre erst einmal die Kinder, die neue Wohnung sowie den Hagelschaden meines Autos priorisierte, stehen da jetzt plötzlich zwei Prinzen auf meiner Matte, und zwar sowas von gleichzeitig. Und während der eine, nennen wir ihn spaßeshalber Batman, in mir die tollste Frau des Universums sieht, bin ich für den anderen, nennen wir ihn ebenso spaßeshalber Superman, Hello Kitty und Queen Cola Bitch I. in Personalunion. Nicht, dass ich mich nicht freuen würde ob dieser meiner neuen Beliebtheit in der Welt der Superhelden, man ist ja nicht undankbar. Aber man fragt sich schon auch, was zum Teufel sich der Große Geist bei einem derart miserablen Timing eigentlich gedacht hat. Mutmaßlich zeigt sie mit ausgestrecktem Zeigefinger auf mich und mein frisch gestrichenes Krönchen und kichert irre.

Gemüse versus Stifteköcher

So legt mir derzeit Batman entschlossen die Erträge seines Gemüsegartens in Gotham City vor die Tür, während der Man of Steel in Smallville todesmutig Hello Kitty-Stifteköcher für mich jagt, und beides ist ebenso entzückend wie großartig. Mit Blumen beglücken meine Superhelden mich im Übrigen beide. Und während ich noch Lancelot, der es wagte, mich an meinem 35. Geburtstag mit 35 orangenen Rosen zu bedenken, leider mit einer Kettensäge in seine Einzelteile zerlegen musste, weil mir eine derartige Zuneigungsbekundung definitiv zu weit ging und in meinen Augen an schamloser Übergriffigkeit nicht zu überbieten war, bin ich mittlerweile in der Lage, eine vergleichbar herausfordernde Situation souverän zu meistern. Steht heute ein Prinz, Ritter oder Superheld mit Blumen vor meiner Tür, setze ich mein strahlendstes Lächeln auf, bedanke mich artig und sage: „Ich hol‘ mal eben eine Vase!“ Ein kleiner Schritt für die Otto-Normal-Frau, ein großer Schritt für die aktuelle. Entwicklung ist möglich.

Ihr seht: Es bleibt wie immer spannend, die aktuelle Queen Kitty Cola Bitch of the Universe I. wird Euch auf dem Laufenden halten. Mein besonderer Dank und spezieller Artikel gehen in diesem Fall im Übrigen aufs Herzlichste nach Rothenburg ob der Tauber, genauer an Markus, einen unserer offensichtlich treuesten Fans, der mich gestern Abend auf Ma Bakers Hochzeit dringend dazu aufforderte, ihn doch wieder an unserem Privatleben teilhaben zu lassen. Nichts lieber als das!

Weihnachten in Neukamerun

Um potenziellen innerfamiliären Spannungen zu entgehen, die ja zum Fest der Liebe gerne mal rund um die Nordmanntanne auftreten, packen Hotti, Lotti und ich dieses Jahr am Tag vor Heilig Abend unsere Siebensachen und fahren über die Feiertage zu Santa Fanta und ihren Sprösslingen Mulle, Rulle und Wulle nach Neukamerun. Und siehe da: Friede auf Erden, die Autobahnen 8, 5 und 656 sind frei, die Kinder verschwinden abgesehen von kurzen Unterbrechungen für drei Tage in ihren Zimmern und spielen harmonisch Polizistenraub und Laserlego, während Fanta und ich lesen, den Biomüll vor die Tür tragen, Radler trinken und so lange Tatort glotzen, bis wir Mordopfer, Kommissare und Verdächtige nicht mehr auseinanderhalten können.

Heilig Abend, Neukamerun: Das Krönchen sitzt

Am Morgen des 24. Dezember planen Fanta und ich die Choreografie des Tages: Frühstücken, einkaufen, Baum schmücken, kochen, die Kinder ablenken und zeitgleich die Geschenke ins Wohnzimmer zaubern, essen, musizieren, Geschenke auspacken, und dann machen wir es uns gemütlich! Ein guter Plan, in weiten Teilen geht er sogar auf: Wir schmücken den Baum, dieses Jahr nicht in Naturgrün und mit frischen Äpfeln, sondern in Pink und Glitzer. Wir schälen tonnenweise Kartoffeln für einen Gratin, den Fanta leider mit einem Stinkekäse überzieht, der nicht so wirklich zum Fisch passt, aber egal, in Bethlehem gab’s gar nichts, nicht mal Stinkekäse. Das Christkind beamt unbemerkt die Geschenke unter die Tanne, derweil trudeln Urmel und Elsa ein, Fantas Eltern, die leichtsinnigerweise den Abend mit uns verbringen möchten. Unser Krönchen sitzt, wir haben alles im Griff. Gemeinsam essen wir den halbrohen Stinkegratin, spielen Blockflöte und trällern Weihnachtslieder, und wider Erwarten platzt dabei auch keines der Kinder, weil es sich nicht bis zur Bescherung gedulden kann. Letztere verläuft recht hektisch, aber glimpflich, wir bekommen alle Schlittschuhe und sind glücklich, nur Lotti verliert vorübergehend die Fassung, weil das beim Christkind in Auftrag gegebene und so sehnlich erhoffte Freundebuch fehlt. Danach gibt Urmel noch ein selbstverfasstes Weihnachtsgedicht zum Besten, die Kinder schlafen reihenweise ein, und dann ist auch dieser Heilige Abend Geschichte.

Polizisten auf der Drehscheibe

Der 25. Dezember lässt sich ebenfalls unverhofft gediegen an. Zwar hat die Eislaufbahn geschlossen, auf der wir unsere neuen Kollektivgeschenke ausprobieren wollen, dafür kommt es in den Kinderzimmern zu recht ungewöhnlichen Konstellationen wie Konversationen. So spielen ausgerechnet Teenie-Hotti und Lego-Wulle Verbrecherjagd mit dem neuen „Polizeiauto mit Gefängnis hintendran“. Hotti erläutert die Vorgaben: „Die Polizisten verlieren immer, das ist die Regel. Die werden dann ausgeraubt, und das ist dann Pech.“ Ja, so ist das im Leben. Als nächstes will Hotti den Polizisten rauben, allerdings etwas vorschnell, Rulle weist sie zurecht: „Du musst erst mal die Autotür aufmachen, du Dödel!“ Nach vollzogenem Polizistenraub finden die zwei, der Gute müsse jetzt gefoltert werden, und zwar auf der Drehscheibe: „Wird dir schnell schwindelig?“ „Ja.“ „Super, dann setz‘ dich hier auf die Drehscheibe!“ Der Polizist fängt an zu heulen, doch die Gangster kennen kein Erbarmen: „Wenn du weiter so flennst, kommt auch noch die Bombe zu dir!“ Wulle befiehlt: „Gib mir das MASCHINENGEWEHR, die MASCHINENGEWEHRE kommen hierher, wir brauchen mehr MASCHINENGEWEHRE!!“ Und den Menschen ein Wohlgefallen. Als es schließlich hart auf hart kommt, kreischt der Polizist: „Du kannst mich nicht, ich bin Laser!“

Agenten auf der Terrasse

Fanta und ich machen es uns derweil auf dem Sofa gemütlich, ich lese mein neues Schneckenbuch vom Herrn Nachbarn und Fanta säuselt wohlig: „Man könnte fast vergessen, dass wir Kinder haben.“ Im selben Moment schlagen Mulle, Wulle und Hotti fast die Terrassentür ein: Sie sind als bis an die Zähne bewaffnete Agenten im Garten unterwegs, fordern Plätzchen und wollen Benjamin Blümchen hören, und zwar ein bisschen plötzlich. Gleichzeitig betreiben Rulle und Lotti im oberen Stockwerk ein Gruselzimmer: „Wir setzen uns in den Schrank und leuchten mit der Barbielampe, und wenn jemand kommt, werfen wir den Schwabbeltiger!“ Und wo wir schon beim Gruseln sind, wärmen wir abends lediglich die Reste des Stinkegratins auf, dessen Kartoffeln heute endlich durch sind.

Am 26. Dezember schließlich verlassen uns nacheinander Contenance, Grammatik und Semantik. Fanta und ich bellen abwechselnd Kommandos wie: „Es wird nicht mit Dreckservietten geworfen!“, „Es wird nicht ums Sofa oder den Baum gejagt!!“ oder „Rulle egal, Du bist jetzt allein!!!“ Ein guter Zeitpunkt, um auf die Freilufteislaufbahn auszuweichen, die heute ein Einsehen mit uns hat. Zu den Charts 2012, die aus Lautsprechern durch die idyllische Landschaft Neukameruns dröhnen, ziehen wir mehr oder weniger elegant unsere Kreise, danach geht es zurück in Fantas schicke Doppelhaushälfte, wo wir die Kinder zwingen, Teil 3 des Stinkekäsegratins zu essen, und dann ist es Zeit Abschied zu nehmen. Fanta und ich gratulieren uns zu unseren mütterlichen Meisterleistungen und sind nach diesen drei Tagen um eine entscheidende Erkenntnis reicher: Entspannte Weihnachten sind möglich!